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Stadtkultur und Artistik als Lebensstil

HipHop-Kultur, Breakdance und andere szenisch-artistische Felder haben sich in einen neuen Lebensstil für Jugendliche in den Vorstädten von  Lima verwandelt. Ihre artistischen Darbietungen lassen die Gesellschaft ihr Bild von der Jugend revidieren. Unterstützt werden die Initiativen von MISEREOR-Partnern.

Der Stadtpark von Santa Clara in Ate, einer Vorstadt von Lima. Hier treffen sich abends die Jugendlichen, um ihre artistische Kunst der Öffentlichkeit darzubieten. Foto: Dignidad Humana Diócesis Chosica/Estilo Latino/ONUBA

Der belebte Stadtpark von Santa Clara in Ate, einer der Vorstädte von Lima, ist abends der Treffpunkt von vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen, um ihre artistischen Künste darzubieten: Breakdance, HipHop und afroperuanischer Tanz. Kalef, einer der Begründer der Szene, erinnert sich: „Früher ließ man uns nicht auf den öffentlichen Plätzen auftreten. Erst mit der Zeit und nach vielen Gesprächen mit der Kommunalverwaltung wurde uns grünes Licht erteilt. Mittlerweile ist sogar eine Stromleitung für unsere Musik installiert.“

Kalef ist der Künstlername des B-boys Carlos Rivera. Kalefs Leidenschaft für Breakdance begann, als er 16 war. Auch heute, mit 34, hat sich daran nichts geändert. Vorbeigehende PassantInnen bleiben einen Moment lang stehen und schauen sich die Darbietung eines afroperuanischen Tanzes an, zu den Rhythmen von Bongo und Cajon. Die Truppe, die gerade tanzt, gehört zu ONUBA, einer artistisch-kulturellen Vereinigung, die auf Betreiben von Walter Mendoza, Katherine Curilla und Leandro Mendieta vor drei Jahren entstand.

Inzwischen sind weitere Jugendliche hinzugekommen, die durch ihre Performances das Kollektiv bereichern. Katy Murillo fasst es so zusammen: „Es geht nicht so sehr darum, zum Star in der Tanz- und Musikwelt aufzusteigen, sondern der Jugend ein Aktionsfeld zu bieten, das es ihnen erlaubt, sich selbst zu verwirklichen und zu entwickeln. Um dies zu schaffen, muss man viel Disziplin aufbringen. Bis man soweit ist, sich hier in der Öffentlichkeit zu präsentieren, ist es ein gutes Stück Weg. Dies setzt eine persönliche Entscheidung voraus und hilft enorm, in seiner Persönlichkeitsentwicklung weiterzukommen.“

Von jung zu jung

Miguel Roncal, besser bekannt als B-boy Mirm, ist eine weitere Ikone der Szene in Ate. Zusammen mit einigen anderen gründete er das Ensemble ATECREW, in dem, so wird erklärt, absolut extreme Kultur verwirklicht wird. Mittlerweile studiert Miguel Sport in Arequipa im Süden Perus. Der Umzug dorthin fiel ihm leicht, da er die Gewissheit hatte, dass andere Jüngere an seine Stelle treten und mit dem Kollektiv weitermachen würden.

Doch Miguel hat auch in Arequipa keine Zeit verloren und mit anderen die Gruppe ATECREWAQP ins Leben gerufen. Das Leben von Miguel dreht sich um Breakdance, und dieser szenischen Artistik verdankt er eigentlich seinen gesamten Werdegang. Cesar Huamán, Mitglied einer anderen Jugendinitiative, KERIGMA, erklärt: „Jugendliche brauchen einen persönlichen Bezug, sei es zu einem Thema oder eben zu einer Leitperson. Wenn diese Fixierung in Richtung Stadtkultur und Artistik geht, begeistern sich junge Menschen recht schnell. Das funktioniert aber nur, wenn alles zwischen Jugendlichen selbst abläuft und keine Erwachsene involviert sind.“

KERIGMA, ONUBA, ATECREW, und auch die Gruppe ESTILO LATINO sind offene Kollektive, bei denen die Tür für Jugendliche und junge Erwachsene, die sich von Breakdance, HipHop, Tanz und Musik oder anderen artistischen Bereichen angezogen fühlen, offene Türen vorfinden. Es finden zum Beispiel Sommerkurse statt, die Kollektive besuchen Schulen und machen sich im lokalen öffentlichen Raum bemerkbar. Vor allem wenn es sich um ältere Kinder oder junge Jugendliche handelt, werden auch die Eltern einbezogen. Dabei geht es darum, das oft anzutreffende Klischeedenken der Erwachsenenwelt gegenüber den artistisch-kulturellen Aktivitäten der Jüngeren zu revidieren.

Beim Kollektiv „ATECREW“ können Jugendliche an HipHop-Brigaden, Festivals und Workshops teilnehmen. Foto: Dignidad Humana Diócesis Chosica/Estilo Latino/ONUBA

Die Gründer gehen nicht verloren

Für einige ist es nur ein kurzer Lebensabschnitt, in dem sich alles um Artistik und städtische Szenekultur dreht – wichtig, prägend aber eben doch nur eine Phase. Für andere wie Miguel, Kalef, Kati und Cesar hat es sich dagegen in eine Option fürs Leben verwandelt. ONUBA schaffte es, vom Kultusministerium als Hotspot in Sachen Lebendige Kultur eingestuft zu werden. Dies hat den Weg geebnet, um Kurse anbieten zu können, bevorzugt in der städtischen Peripherie, in der es gerade für die Jungen an Artistik und Kultur fast nichts gibt. Es handelt sich um Schnupperkurse, wobei die Interessierten danach in längere, auf zwei Jahre angelegte Workshops einsteigen können. Nebst Training zu Körpersprache, Tanz und Musik geht es in den Workshops auch um sozialen Leadership und Coaching.

Kati erzählt, dass viele Jugendliche in dieser Phase ihren Lebensplan definieren. Ángela Nestarez von der Diözese Chosica begleitet, zusammen mit Brian und Jorge, diese kulturell-artistischen Initiativen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Zone und wird dabei durch MISEREOR unterstützt. Ángela erinnert sich an viele Jugendliche, „die durch die Artistik und Stadtkultur ihr Leben besser in den Griff bekamen. Personen wie Miguel, Kalef und Kati haben den Kontakt zu dieser Szene nicht verloren, auch wenn schon länger ein Generationswechsel stattgefunden hat.“

Die Leute von ONUBA organisieren mittlerweile formelle öffentliche Auftritte. Im Rahmen der von der Metro Lima initiierten Kampagne arte vecinal, übersetzt etwa „Kunst im Quartier“, tritt ONUBA an den Bahnstationen auf. „Für uns ist es eine tolle Sache, verbunden mit einem enormen Werbeeffekt“, so Kati. Um den Betrieb der Kollektive garantieren und die Kurse in der Peripherie finanziell stemmen zu können, tritt man mittlerweile auch an Unternehmen heran, um dafür zu werben, die lokale Artistik und Jugendkultur zu unterstützen.

Bei ATECREW ist mittlerweile die dritte Generation am Ruder. Was vor elf Jahren mit Miguel Roncal und anderen begann, geht heute mit Diana Román und anderen weiter. „Wir organisieren HipHop-Brigaden, Festivals und Workshops, und unsere Bühne sind die öffentlichen Plätze.“ KERIGMA startete als Jugendgruppe, um mit Kindern zu Literatur und Malerei zu arbeiten. Von den acht Gründer/innen sind noch drei dabei, aber es kamen viele andere hinzu. Cesar Huamán: „Wir organisieren Karawanen und arbeiten in den verschiedenen Vierteln. Klar, die Inhalte und Methodik haben wir verbessern können.“ Mit den Kids arbeitet KERIGMA heutzutage zu emotionaler Affektivität, Identität, Kultur, Tanz und Theater. Bald geht es dann auch um Batucada, einem Perkussionstrend. Durch all ihre Aktionen wurde das Kultusministerium auf KERIGMA aufmerksam und deklarierte sie, ähnlich wie ONUBA, zu einem kulturell-artistischen HotSpot.

Früher durften die Gruppen nicht auf öffentlichen Plätzen auftreten. Nah vielen gesprächen mit der Kommunalverwaltung wurde grünes Licht erteilt. Mittlerweile wurde sogar eine Stromleitung für Musik installiert. Foto: Dignidad Humana Diócesis Chosica/Estilo Latino/ONUBA

Politik und Korruption

Viele Jüngere empfinden die Gesellschaft und besonders die Politik als wenig anziehend. Korruption, leere Versprechungen und das oft anzutreffende Misstrauen den Jüngeren gegenüber hat ein Negativimage entstehen lassen – auf beiden Seiten. Viele der Kollektive haben keine Lust, von den politischen Lokalgrößen vor den Karren gespannt zu werden. Also fand lange Zeit wenig bis gar kein Dialog mit der Kommunalverwaltung statt, teils suchte man sogar die Konfrontation.

Dies hat sich mittlerweile zumindest bei einigen geändert. In der Vorstadt Ate hat der Dialog schließlich zur Bildung eines Pools von kulturell-artistischen Initiativen geführt, und es wurde schrittweise erreicht, dass nun die Kommunalverwaltung lokale Festivals zu Kultur, Artistik und Jugend stärker unterstützt. „Uns zusammenzutun und gemeinsam den Dialog mit den lokalen Autoritäten zu suchen, war okay, da wir voneinander lernten, wie man an öffentliche Mittel gelangt“, bestätigt Miguel Roncal. Das Ringen mit dem öffentlichen Sektor, damit mehr Mittel für Kultur und Artistik in den Quartieren bereitstellt wird, geht weiter.

In San Juan de Lurigancho läuft die Artikulation zwischen den einzelnen Initiativen eher langsam, die dortige Kommunalregierung lässt sich bisher auf nichts ein. Kati erklärt: „Bisher existiert zwischen den einzelnen Gruppierungen noch wenig Vertrauen und dies macht eine Synergie, um gemeinsam mehr zu erreichen, recht schwierig.“ Auch Kalef beobachtet etwas Ähnliches: „Wir treffen uns bei Protestaktionen auf der Straße mit anderen, aber nicht in den Diskussionsrunden oder Ausschüssen der Lokalregierung.“

In Ate hat der Zusammenschluss der verschiedenen Gruppierungen ermöglicht, von der zentralen Stadtverwaltung Limas Unterstützung zu bekommen, und man hat nun die Möglichkeit, am Programm zur Förderung der lokalen Kultur teilzunehmen, in dem auch Projektideen eingereicht werden können. In Vitarte, einer weiteren Kommune, haben KERIGMA zusammen mit anderen erreicht, dass Kultur, Artistik und Jugend nicht weiter außen vor bleiben. Mittlerweile gibt es dort ein Kulturzentrum der Kommune, in dem verschiedenen Initiativen die Türen offenstehen. Die Kultur- und Artistikszene der Jüngeren hat mehr bewegt, als man auf den ersten Blick meint – das Kultusministerium hat die nationalen Museen angewiesen, die Dynamik der Lokalkultur mehr aufzugreifen und zu stärken.

Foto: Dignidad Humana Diócesis Chosica/Estilo Latino/ONUBA

Blick nach vorn

Die kulturellen artistischen Kollektive haben wohl auch auf Dauer Bestand, da die Leute der ersten Stunde das Zepter an andere weiterreichen, die eben noch ihre Schüler waren. So lebt die Leitidee weiter, auch wenn die Gesichter wechseln. Es kommt zu Allianzen zwischen diesen Kollektiven, aber auch mit öffentlichen Stellen und Unternehmen. Auf unterschiedliche Weise wird versucht, sich wirtschaftlich selbst zu tragen, doch nicht etwa für persönliche Bereicherung, sondern um das Funktionieren des jeweiligen Kollektivs zu sichern: Gemeinwohlökonomie statt Profitorientierung, wo Platz entsteht, um unternehmerische Initiativen zu sichern, die den Fortbestand der städtischen Kultur und Artistik für die junge Generation garantieren.  

Über den Autor: Jorge Krekeler ist MISEREOR-Berater als AGEH Fachkraft.


Weitere Informationen

Der Beitrag ist Teil des Projekts „Jenseits von Morgen“. Weitere Erfolgsgeschichten und Informationen über das Projekt finden Sie auf dem Blog.

 

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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