Suche
Suche Menü

„Moment mal, was macht Ihr denn hier?“ – Hungertuchwallfahrer unterwegs

Hungertuch erregt Aufsehen, Jugend beeindruckt Woelki

MISEREOR-Chef Pirmin Spiegel, Weihbischof und Kardinal Gregorio Rosa Chávez aus El Salvador, Erzbischof Stephan Burger, Freiburg begleiten das Hungertuch auf dem Weg nach Sankt Maria im Kapitol. © Wolfgang Radtke | MISEREOR

„Moment mal, was macht Ihr denn hier?“ Es ist schon fast dunkel, als die kleine Gruppe, die das MISEREOR-Hungertuch gerade von Worms nach Köln trägt, bei Koblenz von ein paar Jugendlichen angehalten wird. Die vier Jungs zeigen ehrliches Interesse an der Wandergruppe, die mit dem tiefblauen Hungertuch des norddeutschen Künstlers Uwe Appold auf ihrer Tour immer wieder Aufsehen erregt. Was selbstverständlich beabsichtigt ist, wollen die wackeren Pilger doch mit ihrem Tag und Nacht in vier Gruppen laufenden Marsch vor allem auf die Eröffnung der MISEREOR-Fastenaktion in Köln hinweisen. Und damit Botschafter sein für die Arbeit des katholischen Werks für Entwicklungszusammenarbeit in 90 Ländern der Erde. Botschafter für eine gerechtere, ökologischere und solidarischere Welt.

Das gelingt nicht immer gleichermaßen gut, auch verständnislose Blicke und tumbes Achselzucken ernten  die Hungertuchwallfahrerinnen und -wallfahrer, wenn sie den ihnen begegnenden Menschen von MISEREOR erzählen oder Info-Blätter verteilen. Umso schöner, wenn man dann doch und immer wieder auf bereichernde Weise ins Gespräch kommt. Auch wenn die Schüler von Koblenz spontan meinten, die Pilger hätten etwas mit den Schulstreiks für den Klimaschutz zu tun, haben sie am Ende gelernt, was hinter dem lateinischen Namen MISEREOR und dessen täglicher Arbeit in Asien, Afrika und Lateinamerika steckt. Auch der Mann, der die Truppe zunächst für die deutsche Ausgabe der französischen Gelbwesten gehalten hatte, lässt sich bereitwillig über Entwicklungszusammenarbeit aufklären.  Und ein Dritter vertieft sich gleich in das überreichte Info-Material mit dem Satz: „Das interessiert mich brennend!“

Mit viel Gottvertrauen

Irgendwie passt es zu der Pilgerreise, dass auf dem Rhein ein Schiff vorbeifährt mit der Aufschrift „Gottvertrauen“. Auch bei der Hungertuchwallfahrt ist viel Gottvertrauen mit im Spiel, Vertrauen darauf, dass eine bessere Welt möglich ist, wenn alle den ihnen möglichen persönlichen Beitrag dazu leisten. Und für die Pilgerinnen und Pilger ist die lange Wallfahrt alles andere als reine Schinderei, selbst wenn die Füße auch mal wehtun mögen. Auch sie fühlen sich inspiriert, gestärkt, genießen die Landschaft und die zahlreichen meditativen und kontemplativen Momente, wenn zwischendurch bei einer Statio gebetet, innegehalten und reflektiert wird. Glücklich und stolz kommen sie in Köln an.

Das Hungertuch erreicht Köln. Unter anderem trugen Erzbischof Stephan Burger und Pirmin Spiegel das Tuch nach St. Maria im Kapitol, wo der Abschluss der Wallfahrt mit einem Gottesdienst gefeiert wurde. © Ralph Allgaier | MISEREOR 

Dort treffen sie auch auf Kardinal José Gregorio Rosa Chavez aus El Salvador, der zur Eröffnung der Fastenaktion angereist ist. Und der sagt in Anspielung auf die Pläne von US-Präsident Donald Trump an der Grenze zu Mexiko, die Kirche wende sich mit aller Entschiedenheit gegen den Bau neuer Mauern zwischen den Völkern. „Sie ist dazu da, Brücken zu bauen.“ Ein schöner Satz, der vieles, was mit einer Fastenaktion verbunden ist, auf den Punkt bringt.

Ein Rap gegen Verschwendung

1500 Schülerinnen und Schüler ließen sich während der Eröffnungsfeier in der Kölner Philharmonie von Moderatorin Shary Reeves, bekannt aus „Wissen macht Ah“, und vielfältigen Beiträgen, die sie zum großen Teil selber beisteuerten, begeistern.
© Wolfgang Radtke | MISEREOR

Alle Verantwortlichen freuen sich, dass diese Fastenaktion, bei der die Situation von Jugendlichen in El Salvador zum Thema gemacht wird, auch viele junge Menschen hierzulande zum Engagement motiviert. Bei einer eindrucksvollen Veranstaltung in der Kölner Philharmonie präsentieren Schülerinnen und Schüler eine Vielzahl von Aktionen und Projekten, bei denen sie sich mit der Gestaltung einer lebenswerten Zukunft für alle auseinandergesetzt haben. Da ist ein Video zu sehen, in dem junge Leute mit einem mitreißenden Rap die Verschwendung von Lebensmitteln anprangern. Es geht in anderen Beiträgen um die Wiederverwertung von Smartphones, Pfandsammelaktionen für soziale Zwecke, Läufe für Frieden und Gerechtigkeit. Gemeinsam singen sie „We are the world“ als Zeichen für die gemeinsame Verantwortung aller Menschen zur Sicherung einer würdevollen Zukunft, von der niemand ausgeschlossen ist. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki zeigt sich auf der Bühne tief beeindruckt und lobt die Schülerinnen und Schüler dafür, dass sie Herz zeigten für andere und ihre Zukunft mutig in die Hand nähmen. „Toll, dass es Euch gibt!“

Lernen von den anderen

Wie Empowerment gelingen kann!: Beim Fach-Dialog über(Jugend-)Sozialarbeit in El Salvador und in Deutschland gingen unsere Gäste aus El Salvador und Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon mit deutschen Fachkräften in den Austausch. © Ralph Allgaier | MISEREOR

Bei einer Veranstaltung im Katholisch-Sozialen Institut in Siegburg, die ebenfalls mit Repräsentanten von MISEREOR-Partnerorganisationen in El Salvador, dem Beispielland der Fastenaktion 2019, stattfindet, sagt einer der Teilnehmer resümierend: „Es ist schon erstaunlich, wie ähnlich viele Probleme junger Menschen in Deutschland und El Salvador sind.“ Zuvor hatten Fachleute aus beiden Ländern über Projekte zugunsten benachteiligter Jugendlicher berichtet. „Wie Empowerment gelingen kann“, lautete der Titel der Tagung über Jugend-Sozialarbeit in beiden Ländern. Deutlich wurde dabei auch, wie moderne Entwicklungsprojekte heute von MISEREOR ausgerichtet werden: „Empowerment“ heiße, auf die Defizitperspektive zu verzichten und zuallererst zu schauen, was jemand kann, welche Potentiale und Ressourcen er oder sie habe, sagte Gastgeber Josef Freise.  „Das Narrativ vom ‚hilflosen Armen‘ sei überholt, ergänzte MISEREOR-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon. Selbst Menschen in MISEREOR-Projektländern, die nicht lesen und schreiben können, verfügten oft über einen reichen Schatz an Erfahrungen und traditionellem Wissen. Auf diese Stärken setze MISEREOR in vielen Projekten und fördere die Menschen in der Fähigkeit, ihren persönlichen Kräften und Potentialen zu vertrauen und eigene Lösungen für ihre Probleme zu finden. Das sei oft wesentlich erfolgreicher und nachhaltiger, als wenn solche Lösungen von au0en vorgegeben werden. Es dürfe nicht sein, dass in Entwicklungsprojekten schon Antworten gegeben würden, „bevor überhaupt die Fragen klar sind“, sagte Bröckelmann-Simon.

Dominik Pieper, Länderreferent für El Salvador, lobte den Austausch mit den Projektpartnern aus El Salvador, die sehr selbstbewusst ihre Ansätze in der Arbeit mit jungen Menschen präsentiert hätten. Davon könne man viel lernen. Denn es bleibe dabei: „Auch Deutschland ist in vielerlei Hinsicht weiter ein Entwicklungsland“, so Pieper.


Mehr zur Fastenaktion…

Zur Website www.misereor.de/fastenaktion

Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.