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Zentralafrikanische Republik: Fragile Staatlichkeit jenseits der internationalen Aufmerksamkeit

Politische Gespräche mit der Interreligiösen Plattform der Zentralafrikanischen Republik in Berlin

Die drei religiösen Führer der Interreligiösen Plattform: Kardinal Dieudonné Nzapalainga, Imam Layama Oumar Kobine und Pastor Philippe Sing-Na. (v.l.n.r) © HOUSE OF ONE
Die drei religiösen Führer der Interreligiösen Plattform: Kardinal Dieudonné Nzapalainga, Imam Layama Oumar Kobine und Pastor Philippe Sing-Na. (v.l.n.r) © HOUSE OF ONE

Die Bevölkerung der Zentralafrikanischen Republik befindet sich in Geiselhaft, während der Krieg um Macht und Ressourcen andauert.

Trotz der demokratischen Wahlen im Jahr 2016 hält die Krise in der Zentralafrikanischen Republik (ZAR) an. Der Staat ist außerhalb der Hauptstadt Bangui so gut wie inexistent; Zivil-, Polizei- und Militärbeamte haben kaum Ausrüstung und finanzielle Mittel für ihre Arbeit; es mangelt durchgängig an Basisstrukturen vom Straßennetz über Verwaltungsstrukturen, Schulen bis hin zu Gesundheitseinrichtungen.

Bewaffnete Konflikte – Handfeste Interessen – Fragilität des Staates

In den von verschiedenen bewaffneten Gruppen und Milizen besetzten Gebieten, die mehr als 80% des Landes ausmachen, kommt es immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen und schweren Menschenrechtsverletzungen in Form von willkürlichen Übergriffen, Entführungen, Folter, Vergewaltigungen, Hinrichtungen, Massakern. Die bewaffneten Gruppen halten ihre Kriegsmaschinen mit Kenntnis und Wissen aller Beteiligten am Laufen, gleichzeitig steht die Zentralafrikanische Republik offiziell unter einem Waffenembargo.

Die Mitglieder der bewaffneten Gruppen kommen größtenteils aus dem benachbarten Tschad, aus dem Sudan, aus Kamerun, Uganda und Niger. Immer wieder werden über die Grenzen Waffen in das Land geschmuggelt, im Austausch für Diamanten und Gold. Gleichzeitig positionieren sich die Großmächte mit dem Ziel, die noch verbleibenden natürlichen Ressourcen der ZAR (z.B. Diamanten, Gold, Uran) auszuführen.

Die offiziellen Sicherheitskräfte können die Bevölkerung nicht schützen. Die Truppen der UN-Friedensmission MINUSCA, die die Sicherheit der Zivilbevölkerung in der ZAR gewährleisten sollen, sind bei ihren Einsätzen immer wieder gescheitert. Am 15. November 2018 wurde in Alindao, 500 Kilometer von Bangui entfernt, ein weiteres schlimmes Massaker verübt. Mindestens 60 Menschen, darunter zwei Priester, wurden beim Überfall eines Flüchtlingslagers in der Nähe der Kathedrale durch bewaffnete Milizen getötet. Das vor Ort anwesende Kontingent der MINUSCA schaute tatenlos zu.

Engagement der Interreligiösen Plattform

Die Interreligiöse Plattform, die 2015 für ihr Engagement mit dem Aachener Friedenspreis ausgezeichnet wurde, bemüht sich in dieser Situation unermüdlich um friedliches Miteinander und gemeinsame Konfliktlösungen vor Ort. Bei gewalttätigen Übergriffen sprechen Kardinal Dieudonné Nzapalainga, Pastor Philippe Sing-Na und Imam Layama Oumar Kobine, wenn immer es möglich ist, direkt mit den bewaffneten Milizen und stehen der Bevölkerung zur Seite. Sie versuchen zu helfen, wenn Menschen infolge eines bewaffneten Übergriffs alles hinter sich lassen mussten. Sie sind da, wenn keine Gesundheitsversorgung gewährleistet ist und setzen sich für den Wiederaufbau von Schulen ein, um Kindern und Jugendlichen eine Perspektive zu geben. Zur Verstärkung ihres gemeinsamen Engagements plant die Interreligiöse Plattform den Bau eines symbolischen „Haus des Friedens“, in dem Gebet und gemeinsame Projektaktivitäten mehr Raum finden können.

Appell der Interreligiösen Plattform an die deutsche und internationale Politik

Das Engagement der Interreligiösen Plattform und anderer Akteure der Zivilgesellschaft in der ZAR stößt immer wieder an Grenzen. Solange die Sicherheit der Bevölkerung nicht gewährleistet ist, können Wiederaufbau und nachhaltige Entwicklung des Landes nicht gelingen.

Pastor Philippe Sing-Na, Maria Flachsbarth (Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und Kardinal Dieudonné Nzapalainga. © HOUSE OF ONE
Pastor Philippe Sing-Na, Maria Flachsbarth (Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) und Kardinal Dieudonné Nzapalainga. © HOUSE OF ONE

In den Berliner Gesprächen mit Abgeordneten des Bundestages und mit Mitarbeitenden des Bundesministeriums für Entwicklungszusammenarbeit und des Auswärtigen Amts baten die religiösen Führer um Unterstützung und nachhaltiges Engagement in folgenden Bereichen:

  • Einsatz für einen wirkungsvolleren Einsatz der Friedensmission MINUSCA, im Rahmen der aktuellen Mitgliedschaft Deutschlands im UN-Sicherheitsrat
  • Stärkung der staatlichen Strukturen und des Systems zur Strafverfolgung in der Zentralafrikanischen Republik (auch Beratung und Unterstützung der Armee, damit diese ihre Schutzfunktion wahrnehmen kann)
  • Stärkung der diplomatischen Verbindung zwischen Deutschland und der Zentralafrikanischen Republik (Auslandsbesuch, Einrichtung einer Mini-Botschaft)
  • Unterstützung von Projekten für Frieden und Entwicklung – sowohl auf staatlicher Ebene als auch im nichtstaatlichen Bereich

Die persönlichen Zeugnisse, Analysen und Empfehlungen der drei religiösen Führer haben ein weiteres Mal deutlich gemacht, dass die dramatische Situation in der Zentralafrikanischen Republik dringend mehr internationaler Aufmerksamkeit bedarf und unmittelbares Handeln erfordert.

Fatimé Boulou-Kaya (Buchhalterin der Interreligiösen Plattform), Maria Klatte, Abteilungsleiterin Afrika, Vincent Hendrickx (Regionalreferent Kamerun, Tschad und Zentralafrikanische Republik, MISEREOR)
Fatimé Boulou-Kaya (Buchhalterin der Interreligiösen Plattform), Maria Klatte, Abteilungsleiterin Afrika, Vincent Hendrickx (Regionalreferent Kamerun, Tschad und Zentralafrikanische Republik, MISEREOR)

Um die Situation nachhaltig zu verbessern, braucht es einen umfassenden entwicklungspolitischen Ansatz, der sowohl eine nachhaltige institutionelle Stärkung der staatlichen Strukturen als auch die Förderung von Projekte der Zivilgesellschaft für Frieden und Entwicklung impliziert.

Über die Autorin: Maria Klatte leitet die Abteilung Afrika bei MISEREOR.


Hintergrund

Am 13./14.März war eine Delegation der Interreligiösen Plattform aus der Zentralafrikanischen Republik gemeinsam mit MISEREOR und anderen deutschen Partnerorganisationen (Missio, Erzdiözese Köln, AGEH, House of One, EMN) in Berlin, um mit Bundestagsabgeordneten sowie mit Vertreterinnen und Vertretern des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und des Auswärtigen Amtes über die aktuelle Situation in der Zentralafrikanischen Republik zu sprechen und um aktive Unterstützung durch die deutsche Politik zu bitten.

Die drei religiösen Führer erzählen während eines Parlamentarischen Frühstücks von ihrer Friedensarbeit in der Zentralafrikanischen Republik. © HOUSE OF ONE
Die religiösen Führer erzählen während eines Parlamentarischen Frühstücks von ihrer Friedensarbeit in der Zentralafrikanischen Republik. © HOUSE OF ONE

Die zentralafrikanische Delegation wurde geleitet von den drei religiösen Führer der Interreligiösen Plattform: Kardinal Dieudonné Nzapalainga, Pastor Philippe Sing-Na und Imam Layama Oumar Kobine. Gemeinsam berichteten die drei Religionsführer in den Gesprächen über die dramatische Situation in ihrem Land und appellierten an die deutsche Politik, sich für eine systematische Stabilisierung und Stärkung der fragilen Strukturen in der Zentralafrikanischen Republik stark zu machen.


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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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