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Syrien: ein Nachmittag in Damaskus

Die Nachmittagssonne vibriert auf dem Asphalt. Wir atmen mehr Staub und Abgase als Luft. Nichts geht mehr. Übervolle Kleinbusse und Taxis drängeln in den Gegenverkehr des Kreisverkehrs. Eine Totalblockade. Keine zehn Meter entfernt die gleichgültigen, scheinbar ausdruckslosen Gesichter der drei Männer, die einen der Checkpoints vor Bab Touma, dem christlichen Altstadtkern von Damaskus, sichern. Wir sind auf dem Weg stadtauswärts nach Jaramana, wo Tausende Binnenflüchtlinge aus allen Landesteilen Syriens notdürftig unterkommen.

Hupen und Keifen werden nun ohrenbetäubend, durchbrochen durch die verzweifelten „Yallah“-Rufe unseres Taxifahrers.

Plötzlich und wie aus dem Nichts hebt sich eine kräftige Stimme heraus. Der Mann fuchtelt wild mit den Armen, sein eingefallenes Gesicht zeugt von Härte und Zähigkeit. Schließlich löst sich der Verkehrsknoten unter den unbeteiligten Blicken der drei rauchenden Männer am Checkpoint auf.

Es gibt sie weiter: Menschen die aufstehen, in der Stagnation Syriens eine Dynamik entwickeln, und mehr als überleben wollen. Sie regeln ihr Leben selbst, handeln und – wenn man sie lässt – sorgen sie für freie Wege. Diese Menschen geben dem Land eine Richtung. In den Worten von George, Leiter des JRS (Jesuit Refugee Service) Zentrums Jaramana „es braucht mehr Menschen, die dieses Land lieben.

Aber die Entscheidungsgewalt liegt weiter bei den Eliten des Landes, die zum Machterhalt gemeinsame Geschäfte mit den vielen Gegenspielern Syriens machen. So äußert sich Staatsgewalt vor allem durch Kontrolle,  Überwachung und prestigeträchtige Immobilien wie z.B. in West-Aleppo und im modernen Stadtzentrum von Damaskus.

Wir kommen im JRS-Zentrum in Jaramana an. Das Viertel weist mit mehr als anderthalb Millionen eine der landesweit höchsten Konzentration binnenvertriebener Menschen auf. Anfang letzten Jahres stand Jaramana unter heftigen Granatenangriffen, die die Menschen zusätzlich belasten. Vor allem Kinder leiden unter Retraumatisierung. Und für die Mitarbeitenden des Gemeindezentrums ist es nicht einfach, weil sie selbst ebenso betroffen sind und viele Freunde und Angehörige das Land verlassen wie Reem, langjährige Sozialarbeiterin in Jaramana nachdenklich beschreibt. Gleichzeitig lächelt sie und sagt mit fester Stimme „dadurch, dass ich hier für die besonders verletzlichen Kinder da bin und sehe wie sie wieder zugänglicher werden und lernen, geht es mir selbst besser.“

Nach der Offensive auf Ost-Ghouta im Februar 2018 sind weitere Tausende nach Jaramana gekommen.

Mehrere Familien teilen sich kleine Wohnungen, viele davon in teilweise zerstörten Rohbauten. Oberleitungen laufen willkürlich quer über die engen Gassen, Müll türmt sich überall und Wasserverkäufer kreuzen unseren Weg. Die Regierung überlässt Viertel wie Jaramana weitgehend sich selbst, so dass die Preiswillkür den kleineren Profiteuren der Kriegsökonomie wie Hausbesitzern, Stromanbietern und Wasserverkäufern in die Hände spielt.

Im Zentrum angekommen empfängt uns reges Treiben. In Kleingruppen machen die Kinder ihre Hausaufgaben oder wiederholen Unterrichtsstoff. Hier können sie einfach Kind sein durch ehrliche Zuwendung und haben einen Raum, um Erlebtes zu verarbeiten. So wird die Voraussetzung geschaffen, dass sie lesen und schreiben lernen und die älteren von ihnen ihre Prüfungen bestehen. Ihre Angehörigen sowie Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels werden zu kleinen Theateraufführungen oder gemeinsamen Festtagen ins Zentrum eingeladen. Muslime, Christen, Drusen und Gruppen unterschiedlicher Herkunftsgebiete, die sich aus dem Weg gehen oder feindlich gegenüberstehen, begegnen sich hier menschlich und erkennen, dass alle dieselben Alltagssorgen teilen und sie diesen gemeinsam besser begegnenkönnen.

Es braucht mehr Raum, damit Initiativen wie diese gedeihen können. Sie ebnen Syrien einen Weg für ein Leben in gegenseitigem Respekt mit  gleichen Chancen für alle. Die Ideale des Aufstands von 2011 konnten nicht unter dem Schutt der Zerstörung von Ost-Aleppo begraben werden, sie leben weiter in den Menschen, die der Verzweiflung trotzen. Auch wenn derzeit noch zu viele Gegenspieler in den Gegenverkehr drängen. 

Über die Autorin: Astrid Meyer arbeitet als Länderreferentin für Syrien bei MISEREOR.


Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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