Suche
Suche Menü

Schmuck aus Schrott

Die südafrikanische Goldschmiedin Ashley Heather stellt nicht nur schönen, sondern auch nachhaltigen Schmuck her. Gold und Silber stammen aus alten Elektronik-Platinen.

Das Schaufenster in Kapstadts In-Viertel Woodstock ist ein Hingucker. Neben filigranen Ringen und Ohrringen liegen Computerplatinen. Doch die eher schmucklosen Schaltkreise dienen nicht als Dekoration oder Design-Inspiration – sie liefern die Rohstoffe.

„Viele Leute wissen gar nicht, dass die Platinen ihrer Smartphones oder Computer Gold und Silber enthalten“, sagt Juwelierin Ashley Heather. Als sie sich dessen selbst vor Jahren bewusst wurde, war es ein echtes Aha-Erlebnis. Denn die Goldschmiedin hatte schon lange nach einer nachhaltigen Quelle für recyceltes Gold und Silber gesucht: „Ich wollte Materialien verarbeiten, die ich auch ethisch vertreten kann.“ Gold, das direkt aus den Bergwerken ihrer Heimatstadt Johannesburg stammt, kam deshalb nicht in Frage. „Die Folgen des Gold-Bergbaus sind desaströs. Bergleute werden schwer lungenkrank, das Wasser und die Umwelt rund um die Minen sind verseucht.“ Die Juwelierin recherchiert und stößt auf Elektronikschrott. Laut Schätzungen des Umweltbundesamts enthalten eine Tonne Handys etwa 250 Gramm Gold und einen noch größeren Anteil Silber. Eine Tonne frisch geförderten Golderzes enthält dagegen nur 5 Gramm Gold. Trotzdem landet der Löwenanteil ausgedienter Smartphones oder Computer und anderer Elektronikartikel auf Mülldeponien.

Auch das ist gefährlich für Mensch und Umwelt. „Ich bin in meiner Recherche auf regelrechte Horrorgeschichten gestoßen“, meint Ashley Heather. Eines der verheerendsten Beispiele ist die riesige Deponie Agbogbloshie im westafrikanischen Ghana. Menschen, darunter auch Kinder, recyceln dort auf eigene Faust die Elektroschrottberge, die trotz internationaler Konventionen noch immer zu einem großen Teil aus Industrieländern stammen.

Für die Juwelierin war das die entscheidende Motivation dafür, ihr Gold und Silber aus weggeworfenen Platinen zu gewinnen. Auch wenn das recht kompliziert ist: „Die Edelmetalle sitzen tief in den Platinen und sind schwer herauszulösen.“

In der Johannesburger „Gauteng Refinery“ fand Ashley Heather schließlich einen Partner. Dort werden die Platinen zuerst von Hand sortiert und dann durch einen Schredder gejagt. Plastik, Glas- und andere Anteile werden von den Metallen getrennt, bevor diese eingeschmolzen werden. Durch ein mehrstufiges Elektroextraktions-Verfahren werden die einzelnen Metalle schließlich isoliert und gereinigt.

Ashley Heather öffnet ihren Safe und holt zwei kleine Dosen hervor, in denen sich Goldund Silber-Kügelchen befinden. „So werden sie mir von der Raffinerie geliefert“, erklärt sie. „Das Tolle an Edelmetallen ist, dass man sie unendlich lang wiederverwerten kann, ohne dass sie an Qualität verlieren. Das Gold und Silber, das ich verarbeite, ist ebenso pur und hochwertig wie das konventioneller Juweliere.“ Ashley Heather ist eine Pionierin. Sie weiß nur von einem anderen, relativ jungen Nachahmer-Projekt in den USA, das Schmuck aus Gold und Silber recycelter Platinen herstellt.


Etwa 44,7 Millionen Tonnen Elektroschrott werden jedes Jahr weggeworfen. Das entspricht 6,1 Kilogramm pro Person. So viel, als würde man jede Sekunde 800 Laptops wegwerfen. Tendenz steigend.


Quelle: UN Global E-waste Monitor

Sie wendet sich ihrer Arbeit zu, walzt eine Goldlegierung aus, bringt sie durch mehrmaliges Erhitzen, Hammer und Feile in Form und poliert den fertigen Ring anschließend. Seine Herkunft ist ihm nicht mehr anzusehen, ebenso wie den anderen Kreationen. „Ich mag minimalistischen Schmuck, der sich gut im Alltag tragen lässt“, beschreibt sie ihr Design-Konzept. Einige Motive, wie filigrane Ohrringe, die an Zweige mit kleinen Blättern erinnern, symbolisieren außerdem ihre Leidenschaft für die Natur und den Umweltschutz. Ihre Kundinnen sollen nicht nur den Schmuck bewundern, sondern auch mehr über dessen Herkunft erfahren. Informationstafeln an den Wänden klären über den Upcycling-Prozess von der Platine bis zum fertigen Ring auf.

Wer möchte, kann im Laden auch seine alten Elektronikgeräte abgeben, die dann zur Verwertung an die Raffinerie geschickt werden. „Einmal kam eine Kundin, die fragte, ob ich ihr aus ihrem alten Laptop einen Ring machen könnte“, sagt Ashley Heather schmunzelnd. „Leider musste ich sie enttäuschen, denn selbst wenn sie mir zehn Laptops bringen würde, wäre dieser Ring viel zu winzig!“ Grob geschätzt verarbeitet sie in einem durchschnittlichen Monat Gold und Silber aus 150 Kilogramm Platinen. „Das ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man es mit der Masse an Elektronikschrott vergleicht, die weltweit jeden Monat neu entsteht“, fügt sie hinzu. „Aber es sind trotzdem 150 Kilo, die nicht auf Deponien landen und dort Menschen und Umwelt verseuchen.“

Über die Autorin: Leonie March ist von der Vielfältigkeit und den Widersprüchen des südlichen Afrikas fasziniert. Immer wieder stellt die freie Korrespondentin die Klischees und Vorurteile gegenüber dem afrikanischen Kontinent auf die Probe. Die Journalistin lebt in Durban. Ihre Beiträge erscheinen in Deutschlandfunk und SRF, der Frankfurter Rundschau oder der Brigitte.

Über die Fotografin: Karin Schermbrucker lebt und arbeitet in Kapstadt. Ihre Kamera ist für sie eine Brücke zwischen Menschen, Kulturen oder Klassen – das Fotografieren ein Prozess, der zuerst ihr und dann den Betrachtern ihrer Bilder andere Perspektiven eröffnet. Deshalb verbringt sie viel Zeit damit, zu vergessenen und oftmals schwierig zu erreichenden Orten zu reisen.


Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Finde ich total klasse, es muss ja nicht immer Pandora oder Thomas Sabo sein. Ich kaufe sowieso lieber Schmuck von privaten Juwelieren, die mir sozusagen Einzelstücke anfertigen.

  2. Interessant und Mut und Hoffnung machend. Kann man die Verwertung von Z.: Elektroschrott in allen Ländern nicht zur Pflicht machen?! Und kann man die Verwertung als Geschäftsmodell mehr publik machen? Und das Gold und Silber auf dem Markt/anderen Gold- und Silberschmieden anbieten? oder diesen Schmuck in 1-Welt Läden verkaufen? Herzlich,
    Nicola Dumont

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.