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Freiwilligendienst: Zurückgekehrt und noch lange nicht fertig

Seit zehn Jahren geht es mit MISEREOR weltwärts. „Der Freiwilligendienst ist nicht nach der Rückkehr beendet. Es geht darum, sich aus den Erfahrungen heraus zu engagieren – und das eigentlich ein Leben lang“, sagt Katharina Koller. Sechs Jahre ist es her, dass die 30-jährige selbst gerade zurückgekehrt war aus Thailand. Zehn Monate hatte sie dort als Freiwillige mit Geflüchteten und Migranten gearbeitet. Für sie ein Türöffner: „Die Tätigkeiten und Begegnungen vor Ort haben mich darin bestärkt, meinen Master in Friedens- und Konfliktforschung zu absolvieren und mich in dem Bereich zu spezialisieren.“ Nachdem sie eine Zeit lang als Referentin für den Freiwilligendienst bei MISEREOR arbeitete, ist sie mittlerweile als Juniorberaterin im Zivilen Friedensdienst der AGEH in Freetown, Sierra Leone.

Jedes Jahr geht es für junge, engagierte Menschen mit dem Freiwilligendienst nach Afrika, Lateinamerika oder Asien. Hier die Gruppe aus dem Jahr 2012/2013. darunter auch Katharina Koller (r.).

Für Katharina Koller haben die Erfahrungen im Ausland also sogar berufliche Perspektiven eröffnet. Sie weiß aber auch: „Es sind nicht alle von Minute eins aktiv. Wir haben es auch erlebt, dass Zurückgekehrte zwei Jahre später gekommen sind und meinten ‚Hey, ich bin jetzt soweit, ich möchte mich einbringen.‘ Jeder sollte für sich schauen, wie er einen Beitrag leisten kann.“ Sie hatte die Möglichkeit, im Rahmen des „weltwärts“-Programms mit MISEREOR ins Ausland zu gehen – und ist damit Teil einer stetig wachsenden Gruppe ehemaliger Freiwilliger. Jetzt kann sogar Jubiläum gefeiert werden: Vor zehn Jahren fiel der Startschuss für den MISEREOR-Freiwilligendienst.

Zum ersten Mal machten sich seinerzeit junge Erwachsene mit dem Werk für Entwicklungszusammenarbeit auf den Weg nach Afrika, Lateinamerika oder Asien. Seitdem geht es jedes Jahr für jeweils bis zu 15 junge Erwachsene entsprechend dem gleichnamigen Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) „weltwärts“. Die Idee hinter dem entwicklungspolitischen Lerndienst: Zehn Monate lang arbeiten die 18- bis 28-Jährigen in einem Projekt, lernen dort die Kultur und Lebensweise des Einsatzlandes kennen.

Die elf MISEREOR-Freiwilligen des Jahrgangs 2019/2020 haben sich gerade auf ihren Weg „weltwärts“ nach Afrika, Asien und Lateinamerika gemacht. Foto: Echterhoff/MISEREOR

Den Großteil der Kosten fördert das BMZ: Ausgaben wie Flug, Unterbringung vor Ort und die Zwischenseminare sind so abgedeckt. Der Rest wird solidarisch aus den Förderkreisen der Freiwilligen und von MISEREOR übernommen. Eine Teilnahme hängt somit nicht von persönlichen finanziellen Mitteln ab. Eine Erfolgsgeschichte, wie MISEREOR-Geschäftsführer Thomas Antkowiak betont: „Wir können auf zehn wirklich sehr erfolgreiche Jahre blicken. Während der Ehemaligen-Treffen wird immer wieder deutlich, dass die Rückkehrerinnen und Rückkehrer langfristig von ihren Erfahrungen profitieren. Und für MISEREOR ist das eine Bereicherung!“

Insgesamt sind es 15 Projekte, in die bis zu zwei Freiwillige entsandt werden. „In einem Auswahlseminar schauen wir vorab, welche Bewerberinnen und Bewerber für welches der Projekte am besten geeignet sind“, erklärt Anna Steinacher, MISEREOR-Referentin für den Freiwilligendienst, das Vorgehen. Gemeinsam mit Tobias Teiwes und Eva Maria Sánchez-Ramirez ist sie für die Betreuung und Vorbereitung der Ausreisenden zuständig. Steinacher: „Die Aufgaben der Freiwilligen sind so konzipiert, dass sie einen tiefen Einblick in die Arbeit der Partner vor Ort bekommen und diese unterstützen, ohne vor Ort Arbeitsplätze zu  gefährden.“

Wer von den jungen Erwachsenen am Ende in welches Projekte geht, hängt dabei von verschiedenen Komponenten ab. Neben formalen Vorgaben wie Alter und Sprachkenntnissen spielen insbesondere persönliche Faktoren eine große Rolle: Weltoffenheit, Lernbereitschaft, Interesse an Eine-Welt-Themen und die Motivation, auch über die Zeit im Ausland hinaus Engagement zu zeigen. Wichtig ist, dass die Jugendlichen und das Projekt zueinander passen: „Wir kooperieren mit Partnern auf drei Kontinenten und in verschiedensten Bereichen, die von Bildung über Kultur bis hin zu Menschenrechten und Frieden reichen“, meint Steinacher.

Die Jugendlichen sollen aus ihrer Zeit im Ausland möglichst viele, bereichernde Erfahrungen mitnehmen. Nachdem ein passendes Projekt gefunden worden ist, schließt sich eine intensive inhaltliche und persönliche Vorbereitung an. Steinacher: „Zehn Tage nehmen unsere Freiwilligen an einem externen Vorbereitungsseminar teil, drei Tage findet ein intensives Seminar bei MISEREOR statt. Während der Zeit im Ausland werden die jungen Erwachsenen vor Ort eng von Mentorinnen und Mentoren sowie vom MISEREOR-Team aus Deutschland begleitet. Zu einem Zwischenseminar treffen sich alle Ausreisenden einer Region, nach der Rückkehr kommen alle gemeinsam in Aachen zum Abschlussseminar zusammen.“

Wie entscheidend die systematische Vor- und Nachbereitung ist, kann Katharina Koller bestätigen: „Insbesondere die Tage bei MISEREOR waren ausschlaggebend. Ich wusste, dass es drei Personen im Hintergrund gibt, die mein doppelter Boden sind, denen ich vertrauen kann. Umgekehrt haben sie es mir aber auch zugetraut, mich dieser Aufgabe zu stellen.“ Sie hatte zum Zeitpunkt ihrer Ausreise gerade ihren Bachelor im Fach „European Studies“ an der Universität in Maastricht absolviert. „Dadurch ich hatte schon fachlichen Hintergrund in Themen wie Fluchtursachen oder Umsiedlungen“, meint Koller.

In ihrer Einsatzstelle kam ihr dieses Wissen zugute. Sie arbeitete mit Geflüchteten und Migranten an der Grenze zu Myanmar und später in Bangkok. Eine intensive Erfahrung, die ihr eines ganz besonders zeigte: „Wir neigen dazu, andere Menschen zu klassifizieren. Wenn mein Gegenüber beispielsweise eine Sprache nicht so gut spricht, traue ich ihm häufig automatisch weniger zu. So eine Vorverurteilung passiert in Deutschland genauso wie in Thailand. Durch meinen Kontakt mit Geflüchteten ist mir bewusst geworden, wie wichtig es ist, nicht in solchen Kategorien zu denken. Wir müssen mehr Verständnis aufbringen.“ Woher kommt mein Gegenüber? Was bewegt ihn? Was treibt ihn an? Katharina Koller versucht, sich diese Fragen seitdem regelmäßig zu stellen: „Bei allen Unterschieden sind wir gar nicht so verschieden. Diese Erkenntnis hat mir auf meinem weiteren Weg unheimlich geholfen.“

Bestärkt durch diese Erfahrungen, ging es für sie nach ihrem Freiwilligenjahr mit dem Studium der Friedens- und Konfliktforschung in Magdeburg weiter. Nebenbei engagierte sie sich in der Integrationshilfe; schon früh war für Koller klar: Das Thema Flucht und Migration sollte sie weiter begleiten. „Meine Masterarbeit habe ich im Rahmen einer dreimonatigen Feldstudie in Thailand geschrieben. Dort habe ich in dem Projekt, in dem ich zuvor war, geforscht“. Nach ihrem Abschluss tauschte sie vorrübergehend die Rollen, nahm selber die Stelle der Referentin für den Freiwilligendienst an.

„Ich habe mit der Zeit jedoch festgestellt, dass ich weitere Erfahrungen im Ausland und im Projektmanagement sammeln möchte“, sagt Koller. Jetzt arbeitet sie als Juniorberaterin in Sierra Leone: „In Freetown bin ich zur Hälfte meiner Zeit  in der Landeskoordination der AGEH für den Zivilen Friedensdienst tätig. Die andere Hälfte unterstütze ich die Partnerorganisation AdvocAid in der Projekt- und Organisationsentwicklung.“

„AdvocAid Fambul“ – die Mitarbeitenden und Bekannten der Mitarbeitenden der Organisation AdvocAid, in der Katharina Koller derzeit arbeitet. „Fambul“ ist Krio und steht für Familie, wird aber sehr weit gefasst. Foto: Katharina Koller/AdvocAid

Auch in dem westafrikanischen Land begleiten sie die Themen Flucht und Migration: Elf Jahre dauerte dort der Bürgerkrieg an, der im Jahr 2002 offiziell zu Ende ging. Der Wiederaufbau dauert bis heute an, das Land gilt als eines der ärmsten der Welt. Auf dem Human Development Index (HDI) liegt Sierra Leone gerade einmal auf Rang 184 von 189. Der Mangel an Perspektiven und die Armut treiben viele Menschen nach wie vor in die Flucht. Gemeinsam mit den Partnern vor Ort versucht Katharina Koller nun daran mitzuwirken, dass für die Bevölkerung positive Zukunftsperspektiven geschaffen werden.

Die Organisation AdvocAid führt Workshops durch, die langfristig zu einer Verbesserung der Lebenssituation der Bevölkerung in Sierra Leone führen sollen. Foto: Katharina Koller/AdvocAid

Für die junge Frau war es der richtige Weg, ihr Engagement durch eine berufliche Laufbahn in der Entwicklungszusammenarbeit fortzusetzen. Andere Ehemalige hingegen entscheiden sich dazu, in der politischen Vertretung internationaler Freiwilligendienste (PFIF) an einer Weiterentwicklung des Programms mitzuwirken. „Entscheidend ist, dass jeder sich individuell einbringt. Am Ende müssen die Rückkehrerinnen und Rückkehrer für sich entscheiden, in welcher Form und zu welchem Zeitpunkt sie aktiv werden möchten.“  

Nach zehn Jahren kann MISEREOR mittlerweile auf eine ganze Reihe ehemaliger Freiwillige blicken, die ein Jahr lang den entwicklungspolitischen Lerndienst absolviert haben. Die meisten von ihnen profitieren noch heute von ihren Erfahrungen, ist MISEREOR-Geschäftsführer Thomas Antkowiak überzeugt: „Durch die gute Vor- und Nachbetreuung sind wichtige Grundlagen gelegt, dass das Programm langfristig Früchte trägt. Die meisten Rückkehrerinnen und Rückkehrer wollen sich engagieren. Wenn wiederum jeder im Kleinen etwas verändert, können wir viel erreichen.“

Dieser Artikel erschien zuerst im Straubinger Tagblatt am Samstag, 31. August 2019.


Weitere Informationen

Mehr erfahren über den MISEREOR-Freiwilligendienst.

Autor:

Jana Echterhoff volontiert in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.

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