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„Tagné hat mir ein zweites Leben gegeben“

Fatou K. wurde im Alter von fünf Jahren beschnitten. Hier erzählt sie ihre Geschichte.

Aufklärungsplakat gegen Genitalverstümmelung aus Äthiopien.

„Ich heiße Fatou K.* Im Alter von fünf Jahren wurde ich beschnitten und danach zugenäht. Mit 16 Jahren wurde ich verheiratet und kurz nach der Hochzeit schwanger. Durch die Entbindung bekam ich eine Blasen-Scheiden-Fistel**. Doch die alten Frauen, die mir bei der Geburt halfen, kannten diese Krankheit genauso wenig wie ich. Nach diesem Tag konnte ich meine Blase nicht mehr kontrollieren und wurde als unsaubere Frau angesehen, die übel riecht. Ich wurde von meinem Mann, meiner Schwiegermutter und allen anderen auf Abstand gehalten. Niemand näherte sich mir mehr, ich aß und schlief allein. Schließlich entfernte ich mich von allen und isolierte mich zwölf Jahre lang von meiner Familie und der Dorfgemeinschaft.

Ein Zauberspruch hat sie getroffen

Eines Tages kamen Vertreterinnen von ‚Tagné‘ in mein Dorf, um über die Gefahren der Beschneidung aufzuklären. Dabei bemerkte mich die Moderatorin von ‚Tagné‘, Madame Agnés. Sie sah mich hinter einem Baum stehen, wo ich mich vor den anderen zu verstecken versuchte, um nicht noch einmal vertrieben zu werden. Sie gab mir ein Zeichen, dass ich zu ihr kommen solle, aber ich wagte es nicht, hinter dem Baum hervorzukommen. Eine andere Frau aus meinem Dorf erzählte Agnès daraufhin spottend meine Geschichte: „Sie verbringt ihre Zeit damit, unkontrolliert Pipi zu machen. Wir denken, dass sie im Entbindungssaal von einem Zauberspruch getroffen worden ist.“

Der schönste Tag meines Lebens

Madame Agnès war sehr berührt und hatte Tränen in den Augen, als sie auf mich zukam. Sie nahm meine Hand und erklärte mir, was mir wirklich widerfahren war – als erster Mensch nach zwölf Jahren. Sie fügte hinzu, ich solle mich bereits am nächsten Morgen von meinem Mann in die Stadt fahren lassen, da sie dort Ärzte finden könnten, die sich um mich kümmern würden.

Doch ich konnte niemanden finden, der mich in die Stadt begleiten wollte. Weder mein Mann noch meine Schwiegermutter erklärten sich dazu bereit. Schließlich erbarmte sich mein großer Bruder und fuhr mich zu ‚Tagné‘ in die Stadt. Sofort brachte mich eine Mitarbeiterin von ‚Tagné‘ in ein Krankenhaus, wo die Ärzte sehr freundlich zu mir waren. Nach einer kleinen operativen Behandlung war ich geheilt. Ab diesem Tag war ich wieder eine normale Frau, die ihren Harnfluss kontrollieren kann, sich gut fühlt und wieder schöne Kleider trägt. Ich habe immer noch Tränen in den Augen, wenn ich nur daran denke. Das war der schönste Tag meines Lebens.

Werde meine Tochter niemals beschneiden lassen

‚Tagné‘ hat mir ein zweites Leben gegeben. Ich werde das mein Leben lang nicht vergessen. Als ich ins Dorf zurückkehrte, waren alle verblüfft. Mein Mann, der mich viele Jahre lang missachtet hatte, wollte, dass ich wieder seine Frau werde. Aber ich misstraute ihm noch und wollte nicht zu ihm zurück. Daraufhin ging meine Schwiegermutter zu ‚Tagné‘ und warf den Mitarbeiterinnen vor, mich gegen meinen Mann aufgestachelt zu haben.

Heute bin ich eine erfüllte Frau und helfe ‚Tagné‘  so gut ich kann dabei, die Menschen dafür zu sensibilisieren, dass die Praktik der Beschneidung in unseren und allen umliegenden Dörfern abgeschafft wird. Ich bin schließlich doch zu meinem Mann zurückgekehrt, und wir haben eine kleine Tochter. Ich habe versprochen, sie niemals beschneiden zu lassen.

* Name geändert

** Als Blasen-Scheiden-Fistel bezeichnet man eine Verbindung zwischen Harnblase und Vagina, die durch die Beschneidung und/oder Geburt vor allem bei sehr jungen Frauen entstehen kann. Die Folgen einer Beschneidung können Unterleibsbeschwerden, Infektionen und schwerste Inkontinenz sein.


Weitere Informationen:

Autor:

Nina Brodbeck

Nina Brodbeck arbeitet bei MISEREOR in der Abteilung Kommunikation.

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