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Landwirtschaft in der Klimakrise – Wie wir den „gemeinsamen Garten“ bewahren

Wenn wir unseren Lebensstil und die Art, wie Lebensmittel und Energie erzeugt werden, fortsetzen wie bisher, dann führt der Weg weiter hinein in die Klimakrise. Das bleibt eine zentrale Erkenntnis der Tagung „Landwirtschaft im Klimawandel: Ihre Zukunft – lokal und global“.

Die Welt in unseren Händen: Ein Umsteuern in der Klimakrise ist nicht einfach und einige Negativtrends stehen dem entgegen; doch durch unser aktives Verhalten können wir eine Veränderung herbeiführen.
Ein Umsteuern in der Klimakrise ist nicht einfach und einige Negativtrends stehen dem entgegen; doch durch unser aktives Verhalten können wir eine Veränderung herbeiführen. © stokpic / Pixabay

Bei der Präsentation des aktuellen Forschungsstandes auf der Tagung in Münster vom 28.02. bis 1.03. 2020 wurde schnell deutlich: Es ist nicht mehr fünf vor, sondern bereits fünf nach zwölf. Wir sind schon mitten drin in der Klimakrise – und ihre Auswirkungen überall zu spüren. Deshalb werden wir an gravierenden Veränderungen unseres Lebensstils nicht vorbeikommen. Der Dringlichkeit entsprechend gab es eine breite Resonanz auf die Tagungseinladung in die Akademie FRANZ HITZE HAUS: Ihr waren zahlreiche Interessierte aus Wissenschaft und Forschung, Politik und Zivilgesellschaft, aus Umweltbewegungen und kirchlichen Zusammenhängen gefolgt.

Mickrige Ernten und vergreiste Obstbäume

Professor Hermann Lotze-Campen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) stellte dar, dass in Zukunft mit deutlichen Ertragsrückgängen wegen der Klimaerhitzung gerechnet werden müsse. Davon besonders betroffen sei Ostdeutschland, wo die Ernten um bis zu 20 Prozent geringer ausfallen könnten. Die gravierenden Folgen der wärmeren Winter erläuterte Dr. Eike Lüdeling, Professor für Gartenbauwissenschaft an der Uni Bonn. Insbesondere Obstbäume hätten unter den zu warmen Wintern zu leiden: Sie benötigen zum Wiederaustreiben im Frühjahr einen Kältereiz, das sogenannte Chilling – die Winter aber sind mittlerweile so warm, dass dieser Reiz immer häufiger ausbleibt. Die fehlende Kältewirkung kann bei den Obstgewächsen zu unregelmäßigem Blühen, verzögertem Wachstum und letztlich zum Vergreisen der Bäume führen: Die Lebensspanne der Bäume verkürzt sich und die Erträge fallen geringer aus. Die Anbauzonen und Erträge für Obst werden davon insgesamt massiv betroffen sein.

Mähdreschereinsatz bei Rapsernte: Für weniger Emissionen würden auch ein breiteres Spektrum der Anbaupflanzen auf den Äckern sowie weniger Kunstdünger und Pestizide sorgen.
Für weniger Emissionen würden auch ein breiteres Spektrum der Anbaupflanzen auf den Äckern sowie weniger Kunstdünger und Pestizide sorgen. © tee zett / Pixabay

Raus aus der Klimakrise

Auf der Tagung wurden auch konkrete Lösungsansätze aufgezeigt: Da der Energiesektor weltweit für über 70 Prozent der Emissionen verantwortlich ist, hätten wir mit der Umstellung auf erneuerbare Energien und dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen wie Kohle oder Öl unsere Hand bereits am Hebel für das Umsteuern. Deutlich wurde jedoch auch, dass die Landwirtschaft in Deutschland mit 7 bis 12 Prozent – je nach Art der Berechnung, ob etwa die Produktion von Pestiziden oder Düngemitteln mit eingerechnet werden – einen bedeutenden Anteil an den Treibhausgasemissionen hat. Sämtliche Wirtschaftsbereiche müssen ihren Beitrag zur Reduktion der Emissionen leisten. Ausnahmen darf es nicht geben.

Fleischkonsum reduzieren

Innerhalb der Landwirtschaft ist die Tierhaltung der größte Verursacher von Treibhausemissionen. Auf sie entfällt über 70 Prozent der Emissionen in diesem Bereich. Man könnte die Emissionen senken, indem weniger Fleisch, Milchprodukte und Eier erzeugt würden und unsere Nahrung deutlich mehr pflanzliche Nahrungsmittel enthielte als bislang. Für die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels ist die Reduzierung der Tierbestände daher ein Muss.

Nachhaltige Landwirtschaft ausweiten

Für weniger Emissionen und mehr Nachhaltigkeit sorgten außerdem ein höherer Humusgehalt in den Böden, denn Humus ist wichtiger Kohlenstoffspeicher, ein breiteres Spektrum der Anbaupflanzen auf den Äckern sowie weniger Kunstdünger und Pestizide. Wenn möglich, sollten auch Moore aus der Nutzung genommen und zumindest teilweise wieder vernässt werden. Denn trockengelegte, landwirtschaftlich genutzte Moore geben große Mengen an Kohlenstoff frei. Bei einer „Wiedervernässung“ würden Moore langfristig sogar wieder zu Kohlenstoffspeichern. Eine Fokussierung auf die Klimaerhitzung im Zusammenhang mit der Landwirtschaft greift jedoch zu kurz, wenn es um die zukünftige Ausgestaltung der nachhaltigen Landwirtschaft insgesamt geht. Hier sind andere Umweltprobleme wie Bodenfruchtbarkeitsverlust, Wasserqualität und Biodiversität (wie u.a. Insektenschutz) ebenfalls zu berücksichtigen.

Moore würden durch eine „Wiedervernässung“ zu wichtigen Kohlenstoffspeichern und so den Kampf gegen die Klimakrise unterstützen.
Moore würden durch eine „Wiedervernässung“ zu wichtigen Kohlenstoffspeichern. © Marisa04 / Pixabay

Keine „Schweine für den Weltmarkt“

Die Frage danach, wie wir gemeinsam den Hebel umlegen – und das in möglichst kurzer Zeit – blieb auf der Tagung unbeantwortet. Die Suche nach einer Antwort wird zudem erschwert, wenn Teile der Politik nicht nur am „Weiter so“ festhalten, sondern es regelrecht einfordern: Für ein „Weiter so“ schien sich auch Dr. Heinrich Bottermann, Staatssekretär des Umweltministeriums in NRW, auszusprechen: „Wenn der Weltmarkt Schweine will, dann liefern wir Schweine.“ Zukunftsgerichtete Politik sieht für mich anders aus.

„Suffizienzrevolution“ gegen die Klimakrise

Doch eine visionsarme Politik darf nicht unser Leben bestimmen. Durch unser aktives Verhalten können wir eine Veränderung herbeiführen. Aber ein Umsteuern ist nicht einfach und einige Negativtrends stehen dem entgegen: Nach wie vor werden in Deutschland knapp 60 Millionen Schweine pro Jahr geschlachtet; der Pestizideinsatz hat sich in den letzten zehn Jahren stark erhöht und SUVs sind das anteilsstärkste Segment bei den Pkw-Neuzulassungen. Um hier einen tatsächlichen Wandel herbeizuführen, ist eine „Suffizienzrevolution“ (Wolfgang Sachs) unabdingbar. Denn wir benötigen kein „höher, schneller, weiter“, sondern ein Leben des „Genug“.

Ein Setzling als Symbol für unsere Erde als "gemeinsamer Garten": Wie können wir diesen bewirtschaften, so dass alle gut davon leben können?
Unsere Erde als „gemeinsamer Garten“: Wie können wir diesen bewirtschaften, so dass alle gut davon leben können? © Akil Mazumder / Canva

Das „gemeinsame Haus“ bewahren

Eine „Suffizienzrevolution“ gegen die Klimakrise forderte auch Gerhard Kruip, Professor für Sozialethik in Mainz. Denn ansonsten sei der notwendige Wandel nicht zu schaffen. Kruip verwies auf Laudato si‚, die wegweisende Schrift von Papst Franziskus. In Laudato si‘ betont Franziskus, dass wir das „gemeinsame Haus“ bewahren müssen, in dem wir als eine Menschheitsfamilie leben. Analog beschrieb Prof. Lotze-Campen die Erde als gemeinsamen Garten und fragte, wie wir diesen bewirtschaften wollen, so dass alle gut davon leben können. Eines ist gewiss: Wenn ich die Menschheit als meine Familie betrachte und diese Erde als Garten, dann spüre ich, dass wir gemeinsam die Werkzeuge des Handelns nicht ungenutzt lassen können. Denn das Wissen ist vorhanden, die Werkzeuge, mit denen wir an den Stellschrauben drehen, auch. Nun lasst es uns anpacken!

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Autor:

Markus Wolter

Ich bin studierter Agrarwissenschaftler und selber Bioland-Landwirt mit Schwerpunkt Schweinehaltung gewesen. Bei MISEREOR arbeite ich zu den Themen Landwirtschaft, Agrarpolitik und Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Land und Saatgut.

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