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Äthiopien: Wenn das Krankenhaus in die Dörfer kommt

Rund 200 Kilometer sind es von der äthiopischen Stadt Attat bis zum nächsten staatlichen Krankenhaus. Medizinische Versorgung für die Bevölkerung gibt es in der gesamten, ländlich geprägten Region Guraghe südwestlich der Hauptstadt Addis Abeba somit kaum. Einzige Anlaufstelle für rund eine Million Menschen: Das Attat-Hospital der Medical Mission Sisters (MMS). Vor mehr als 50 Jahren wurde es in einem ehemaligen Schulgebäude aufgebaut. Mittlerweile sind das Projekt mit seinem Krankenhaus und dem Basisgesundheitsdienst nicht mehr wegzudenken.

Zwei Männer sitzen neben einem Mann, der im Krankenhaus in einem Bett liegt.
Für mehr als eine Millionen Menschen ist das Attat-Krankenhaus die einzige Klinik weit und breit. (Foto: MISEREOR)

Anlaufstelle für eine Million Menschen

 „Das Besondere an der Arbeit der MMS-Schwestern im Attat-Hospital ist der ganzheitliche Ansatz“, erzählt Dorothée Zimmermann, Länderreferentin bei MISEREOR für Äthiopien, „Es finden natürlich Behandlungen im Hospital statt, aber durch den Basisgesundheitsdienst werden auch Patentinnen und Patienten erreicht, die nicht aus ihren entlegenen Dörfern in die Stadt kommen können. Sie werden in 35 ausgelagerten Gesundheitszentren und fünf Kliniken versorgt.“ Ein gewünschter Nebeneffekt: Damit die Basisgesundheitsdienste auch reibungslos funktionieren, werden verschiedene Entwicklungsmaßnahmen gefördert. Dazu zählen beispielsweise der Bau von Brunnen und Latrinen oder eine verbesserte Müllentsorgung. Die Arbeit trägt Früchte, wie aktuelle Zahlen zeigen: „Die Gesundheitsindikatoren im Einzugsgebiet des Hospitals sind durchweg besser als der äthiopische Durchschnitt“, meint Zimmermann, „Es werden unter anderem deutlich weniger Krankheiten durch Wasser übertragen , und auch die zuvor herrschende Fliegenplage ist um einiges zurückgegangen“, so Zimmermann. Auch die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren beträgt nur ein Vierzigstel des Durchschnitts in Äthiopien. „Da es in der Region sonst keine Gesundheitsversorgung gibt, lassen sich diese positiven Ergebnisse zum Großteil auf das Projekt der Medical Mission Sisters zurückführen“, berichtet die Länderreferentin.

Stadt-Land-Gefälle immer noch groß

Ihren Anfang nahm die Entwicklung im Jahr 1969: Aus einem ehemaligen Schulgebäude entstand das Krankenhaus. Sechs Jahre später wurde angebaut, es kamen eine ambulante Praxis, das Labor und ein Raum für Röntgenuntersuchungen hinzu. Das Krankenhaus wuchs stetig. Mit steigenden Patientenzahlen bestand die Notwendigkeit, neue Behandlungs- und Warteräume zu schaffen. Auch die Laborräume wurden aus- und ein separater Gebäudeteil für hochansteckende Erkrankte angebaut. Neben der Arbeit in der Stadt Attat entwickelten sich auch die sogenannten Basisgesundheitsdienste: „Die Region Guraghe ist sehr ländlich geprägt. Die äthiopische Gesundheitsinfrastruktur wiederum ist auf dem Land immer noch deutlich schlechter als beispielsweise in der Hauptstadtregion um Addis Abeba“, erklärt Zimmermann. Um die Menschen auf dem Land trotzdem versorgen zu können, wurden nach und nach Gesundheitszentren und ausgelagerte Krankenstationen gebaut. „So können Menschen in 47 Dörfern erreicht werden, die sonst keinerlei Zugang zu medizinischer Versorgung hätten“, so die Länderreferentin.

Mit 109 Millionen Einwohnern ist Äthiopien nach Nigeria das zweitbevölkerungsreichste Land Afrikas. Trotz wirtschaftlicher Erfolge in den vergangenen Jahren gelten nach wie vor drei Viertel der Bevölkerung als arm. In der Entwicklungsrangliste der Vereinten Nationen (Human Development Index HDI) belegt das ostafrikanische Land Rang 173 von 189. Hauptsterblichkeitsfaktoren im Land sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach wie vor Krankheiten wie Aids, Malaria, Infektionen oder Schwangerschaft/Geburt.

Schwangere Frauen sitzen nebeneinander in einem Raum
Schwangeren Frauen wird im Attat Krankenhaus vor, während und nach der Geburt bestens geholfen. (Foto: MISEREOR)

Versorgung mit ganzheitlichem Ansatz

Vor diesem Hintergrund setzen die Medical Mission Sisters auf einen ganzheitlichen Ansatz: Medizinische Versorgung ist ebenso wichtig wie Gesundheitserziehung und parallele Entwicklungsmaßnahmen. Wie sieht diese Arbeit vor Ort aus? „Die Schwestern arbeiten zum einen im Hospital selbst. Dort gibt es 65 Betten, ein Haus für Risikoschwangere mit 44 Betten und ein Programm für unterernährte Kinder“, berichtet Zimmermann. Pro Jahr werden dort 1.800 Entbindungen unterstützt und ca. 7.000 Operationen durchgeführt. Rund 75.000 Menschen kommen in die Krankenhaus-Ambulanz. „In Attat können so natürlich die Patientinnen und Patienten aufgeklärt und geimpft werden. Vorsorgeuntersuchungen finden im Anschluss ebenfalls statt, die Menschen werden sensibilisiert“, meint die Länderreferentin.

In der ländlichen Region sind die Basisgesundheitsdienste Herzstück des Projekts: Patientinnen und Patienten aus entlegenen Dörfern können nicht regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen in das Krankenhaus kommen – dazu sind die Distanzen zu lang. Um die Menschen trotzdem erreichen zu können, haben die MMS-Schwestern dieses von der WHO definierte Konzept umgesetzt. Mit großem Zuspruch: Die Arbeit in Attat gilt mittlerweile in ganz Äthiopien als vorbildhaft. Zimmermann: „Wenn eine Organisation in einem Dorf sich dazu entscheidet, ein Gesundheitszentrum aufbauen zu wollen, kommen einige Vertreterinnen und Vertreter für mehrere Monate ins Attat-Hospital, um sich zu orientieren und vorzubereiten. In den Dörfern selbst führen die Menschen eine Bedarfsanalyse durch. Es gilt beispielsweise zu schauen, ob es Zugang zu sauberem Trinkwasser gibt oder wie die hygienischen Voraussetzungen sind.“

Mit dem Aufbau eines Gesundheitszentrums eng verbunden sind folglich zahlreiche Entwicklungsaktivitäten. Ein Beispiel: Wenn noch keine Wasserversorgung sichergestellt werden kann, müssen zunächst Brunnen gebaut werden. Die Projektmitarbeitenden aus Attat unterstützen die Dorfbewohner*innen beim Bau und der Instandhaltung, gleichzeitig bilden sie Personen aus den Dörfern aus, die sich im weiteren Verlauf um die Instandhaltung kümmern. Parallel findet Aufklärung und Sensibilisierung im Bereich persönlicher Hygiene statt. „In dem Projekt geht es darum, die Bevölkerung im Bereich Gesundheit und Hygiene zu sensibilisieren, Vorsorge zu treffen und ihnen einen Zugang zur Gesundheitsversorgung zu ermöglichen. Dazu gehören neben der eigentlichen Behandlung auch Maßnahmen wie Brunnenbau, Schulungen, Beratungen oder die Möglichkeit, sich an einkommensschaffenden Maßnahmen zu beteiligen“, erzählt Dorothée Zimmermann.

Eine Frau spricht mit einer anderen Frau, die ein Kind in ihrem Arm hält.
Schwester Rita (rechts) ist ärztliche Leiterin im Attat-Hospital. (Foto: MISEREOR)

Entwicklung mit Erfolg

Dass das nun seit vielen Jahren bestehende Projekt Früchte trägt, ist sogar bis auf die nationale Ebene bekannt, meint die MISEREOR-Länderreferentin: „Andere Organisationen und staatliche Gesundheitsprojekte orientieren sich am Attat-Projekt. Es kommen mittlerweile sehr viele Patientinnen und Patienten von außerhalb, um sich dort behandeln zu lassen.“ Die Zahlen aus der Region sprechen für sich: Neben der deutlich niedrigeren Sterblichkeitsrate bei Kindern sind in den vergangenen Jahren keine Frauen mehr bei Hausgeburten gestorben.  Auch in anderen die Gesundheit betreffenden Bereichen schneidet die Region deutlich besser ab. Zimmermann: „Wir konnten das Vertrauen der Bevölkerung erlangen. Die Menschen wissen, wo sie im Zweifel hingehen und Hilfe bekommen können. Das ist sehr wichtig.“

MISEREOR unterstützt die Arbeit in Attat schon seit Jahrzehnten immer wieder und will dies auch in Zukunft tun, damit das Krankenhaus weiter wachsen kann. Für die nächste Projektlaufzeit, die im kommenden Sommer beginnt, liegen dazu schon konkrete Pläne aus Äthiopien vor: „Die Schwestern möchten weiter durch ihren ganzheitlichen Ansatz möglichst viele Menschen in der Region erreichen – in Attat und auf dem Land. Es ist beeindruckend, wie im Projekt nicht nur Gesundheitsversorgung ermöglicht, sondern auch Aufklärung und Zusammenarbeit mit der Bevölkerung in verschiedensten Bereichen wie Wasserversorgung oder Stärkung von Frauen gelebt wird“, berichtet die MISEREOR-Länderreferentin.

Wie wichtig der Zugang zu Gesundheitsinfrastruktur ist, macht die aktuelle Situation deutlich: Auch in Attat bereiten sich die Medical Mission Sisters auf die Corona-Krise vor. Im Ernstfall können Sie dabei auf die Unterstützung von MISEREOR setzen, sagt Zimmermann: „Wenn es zu Engpässen kommt, besteht beispielsweise die Möglichkeit, dass unsere Partner Gelder aus dem aktuell von uns finanzierten Projekt entsprechend umwidmen, um Hilfe leisten zu können.“ Darüber hinaus hat MISEREOR im Rahmen der Corona-Pandemie bereits einen Soforthilfe-Fonds eingerichtet. Insgesamt 3,6 Millionen Euro stehen damit für Gesundheitsprojekte in Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens zur Verfügung.Oberstes Ziel dieser Maßnahme ist es, Partner im Gesundheitsbereich möglichst schnell zu stärken. Schon heute unterstützt MISEREOR weltweit 299 Gesundheitsprojekte – eines davon ist nun bereits seit Jahrzehnten das Attat-Hospital.


Unsere Arbeit in Äthiopien unterstützen

Autor:

Jana Echterhoff volontiert in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.

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