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„Ihre einzige Einkommensquelle bricht weg“

„Bleiben Sie Zuhause – oder ernähren Sie Ihre Kinder“: Mit diesem Ausspruch beschreibt die Leiterin der MISEREOR-Partnerorganisation Ukhutula Trust die aktuelle Situation in Simbabwe. Um eine Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, verhängte die Regierung in dem südafrikanischen Land eine Ausgangssperre. Mittlerweile zeigt sich: Was dazu gedacht war, die Bevölkerung zu schützen, zieht dramatische Folgen mit sich. „Die Hungerkrise war schon vorher sehr virulent, aber durch den Lockdown wurde sie noch dramatischer und lebensbedrohlicher für die verarmte Bevölkerung“, meint Désiré Nzisabira, Leiter der MISEREOR-Verbindungsstelle in Südafrika. Ein Blick auf den gesamten Kontinent zeigt: Diese Problematik ist hier kein Einzelfall.

Informelle Siedlung in Kenia
Social Distancing – in den meisten informellen Siedlungen wie hier in Kenia ist dies eine Sache der Unmöglichkeit. Die Menschen leben dicht gedrängt. (Foto: Teschner/MISEREOR)

Geschlossene Geschäfte, strenge Ausgehverbote und zum Teil drakonische Strafen bei einer Nicht-Einhaltung: In vielen afrikanischen Ländern ist die Corona-Krise mit voller Wucht angekommen. Die Angst vor einer Verbreitung des Virus ist groß, dementsprechend streng sind häufig die Beschränkungen. So gilt Südafrika als eines der Länder weltweit mit den härtesten Ausgangssperren. Mehr und mehr zeichnet sich nun jedoch ab, dass solch pauschal verhängte Maßnahmen für große Teile der armen Bevölkerung dramatische Folgen mit sich bringen: „Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner der Townships/Slums leben von informellen Aktivitäten und Tagelohnarbeit. Gesicherte Arbeitsverträge haben sie ebenso wenig wie Ersparnisse. Ihr Hungerlohn kann sie nur ernähren, wenn sie zur Arbeit gehen. Durch den Lockdown bricht ihnen nun ihre einzige Einkommensquelle weg“, erklärt Désiré Nzisabira. Zudem wurden lokale und regionale Lieferketten abrupt unterbrochen, weshalb Lebensmittel sehr knapp und deutlich teurer geworden sind. Externe Hilfe kann die Menschen kaum erreichen, da sie nicht aus dem Haus gehen dürfen. „Viele Familien geraten in eine Armutsspirale“, sagt Peter Meiwald, Afrika-Abteilungsleiter bei MISEREOR: „Sogar für ein verhältnismäßig wohlhabendes Land wie Südafrika rechnen Wissenschaftler mit bis zu 300.000 Toten aufgrund der Armut. Selbst im Libanon gibt es infolge der Krise nun Hunger als Problem.“

Doppelt so viele Hungertote befürchtet

Ohnehin krisengebeutelte Regionen wie der Jemen, Syrien oder das Horn von Afrika sind von den Folgen des Lockdowns besonders getroffen. Dort könne die Corona-Krise bereits vorhandene Probleme in ihrer Wirkung potenzieren, meint Meiwald: „Diese Regionen und ihre Bevölkerung sind durch Dürren, Überflutungen, Misswirtschaft oder die Heuschreckenplage ohnehin schon sehr angeschlagen. Die aktuelle Situation mit Ausgangssperren, wegfallenden Einnahmequellen und fehlender Nahrung führt dazu, dass die Lage der Menschen noch katastrophaler wird.“ So rechnet das World Food Program mit schlimmstenfalls 265 Millionen Menschen in akuter Hungersnot in bis zu 36 vorwiegend afrikanischen Ländern bis zum Ende des Jahres. Das würde beinahe eine Verdopplung der Zahlen gegenüber dem Vorjahr bedeuten.

Durch die Ausgangssperre seien die Menschen jedoch nicht nur vom Hunger bedroht, berichtet Désiré Nzisabira: „Es werden häufig medizinische Gründe angeführt, warum alles unternommen werden muss, damit es in informellen Siedlungen nicht zu einer Explosion von COVID-19 Fällen kommt. Dort lebt eine große Zahl an HIV-Infizierten und chronisch an Diabetes, Bluthochdruck oder Tuberkulose erkrankten Menschen. Wegen ihres geschwächten Immunsystems hätten sie keine Chance, COVID-19 zu überleben. In der Praxis aber zeigt sich, dass gerade die eingeleiteten Lockdown-Maßnahmen für die vorbelasteten Menschen eine tödliche Bedrohung darstellen: Viele bekommen beispielsweise ihre antiretroviralen Medikamente nicht, da sie die Gesundheitszentren nicht mehr erreichen können.“

Fehlende Medikamente, Armut, Hunger – in Simbabwe trieb diese ausweglose Situation Mitte Mai zahlreiche Menschen auf die Straße, um gegen die Maßnahmen der Regierung zu demonstrieren. Im Anschluss an die Proteste sei es jedoch zu einem schrecklichen Vorfall gekommen, der ein weiteres, gravierendes Problem des Landes offenlege, erklärt der Verbindungsstellenleiter: „Auf der Demonstration sind drei prominente Frauen, unter anderem eine Parlamentsabgeordnete, festgenommen worden, da die Proteste nicht erlaubt waren. Während sie sich in Polizeigewahrsam befanden, haben Beamten sie weggebracht, gefoltert und sexuell missbraucht. Es ist schockierend, dass die Regierung in einer so bedrohlichen Krisensituation ihre Macht ausnutzt, statt mit der Bevölkerung nach Lösungen zu suchen.“

Lokale statt pauschale Lösungen

Pauschal angeordnete und rigoros durchgesetzte Corona-Eindämmungsmaßnahmen als Schutz der Bevölkerung? Peter Meiwald und Désiré Nzisabira sind sich einig, dass dieser Weg insbesondere die Probleme der armen Bevölkerung dramatisch verschärft, statt sie zu lindern. „Es ist höchste Zeit, diese Maßnahmen in bestimmten Wohn- und Lebenssituationen den lokalen Gegebenheiten anzupassen. Dabei muss die Würde des Menschen im Zentrum des staatlichen und humanitären Agierens stehen“, findet Nzisabira. Auch Meiwald fordert: „Wünschenswert wäre ein differenzierter lokaler Umgang mit der Corona-Pandemie jenseits pauschaler Lockdowns und ein Engagement der Weltgemeinschaft im Kampf gegen Armut, das zumindest ansatzweise die Aufmerksamkeit erfährt, die dem Corona-Virus gerade entgegengebracht wird.“


Autor:

Jana Echterhoff volontiert in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.

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