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Brasilien: „OPAN kämpft für das Überleben der Indigenen“

„Wenn ich an mein Lieblingsprojekt denke, dann löst das bei mir Emotionen aus. Es kommt viel Schmerz hoch, aber auch Energie und Leidenschaft für die Menschen vor Ort“, erzählt die Brasilien-Länderreferentin Regina Reinart. Für sie ist ihr „Lieblingsprojekt“ viel mehr als nur ein Antrag eines Partners auf finanzielle Unterstützung. „Mein Herz schlägt für Brasilien, und ich bin von der Arbeit unserer Partner vor Ort wirklich begeistert.“ Viele ihrer Projekte stehen in Zusammenhang mit dem Schutz der über 300 Indigenen Gemeinschaften in Brasilien. Welcher Partner jedoch sticht für sie besonders heraus? Anlässlich des Welttags der Indigenen Bevölkerung haben wir mit Regina Reinart, die selbst 12 Jahre in Brasilien gelebt hat, über ihr „Lieblingsprojekt“ gesprochen.

Regina, was ist dein Lieblingsprojekt als Brasilien-Referentin?

Regina Reinart: Die Indigenen liegen mir sehr am Herzen, weshalb auch eine Organisation, die mit Indigenen zusammenarbeitet, ein wichtiges Projekt für mich ist: die Operação Amazônia Nativa, beziehungsweise, da wir in Brasilien Abkürzungen lieben, einfach kurz OPAN. Bereits im Jahr 1969 ist die Organisation im Bundesstaat Mato Grosso gegründet worden. Mato Grosso ist in Deutschland weniger bekannt, aber überaus wichtig für MISEREOR und auch in Brasilien, da er als sehr divers gilt: Ein Teil zählt zum Amazonas-Gebiet, weitere Teile zum Cerrado, der wichtig für Klima und Ernährung ist, und zum Pantanal, einem Feuchtgebiet. Die Bedrohung durch die Agrarindustrie und Sojalobby ist dort sehr groß. Hier wiederum besteht natürlich eine enge Beziehung zu Deutschland, wenn wir beispielsweise an die Forderung nach einem Lieferkettengesetz denken: Wir exportieren Pestizide nach und importieren Soja und Agrarprodukte aus Brasilien.

Die Karte zeigt den brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso, der rund 2,5-mal so groß ist wie Deutschland. Dort arbeitet OPAN eng mit den Indigenen zusammen. © OPAN
 

Warum liegt dir das Projekt besonders am Herzen?

Regina Reinart: Das Projekt wirkt lokal, regional, national und auch international und ist dabei ganz nah an den indigenen Völkern dran. OPAN hat ihren Sitz in der Hauptstadt des Bundesstaats Mato Grosso, Cuiabá, und wirkt politisch dort sowie in südlichen Teilen der Bundesstaaten Amazonas und Pará. Auch auf nationaler und internationaler Ebene hat sich OPAN durch ihre Advocacy- und Lobbyarbeit einen Namen gemacht. Mit MISEREOR war der Partner auf der Klimakonferenz in Kattowitz. Derzeit kämpft die Organisation für das Überleben der Indigenen, nicht nur im Kontext der Corona-Pandemie, sondern vor allem gegen die anti-indigenen Gesetzeserlasse in Brasilien. Ihre tiefgehenden Kenntnisse über die indigenen Völker dieser Region und ihr politisches Engagement zur Sicherung der Indigenen-Rechte sind beeindruckend.

Wie kann man sich die Arbeit der Partner vor Ort konkret vorstellen?

Regina Reinart: OPAN fährt mehrgleisig. Zum einen arbeitet die Organisation vor Ort direkt mit zwölf indigenen Völkern in deren Territorien zusammen. Diese Zusammenarbeit findet in verschiedenen Bereichen statt. Aktuell beispielsweise begleitet OPAN gemeinsam mit dem Volk der Manoki den sogenannten FPIC-Prozess, dem „free, prior and informed consent“, im indigenen Territorium Apiaká-Kayabi im Norden von Mato Grosso. Hierbei geht es darum, dass die indigenen Völker im Vorfeld eines Vorhabens, das ihr Territorium einbeziehen würde, entsprechend der Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) konsultiert werden und ein Mitspracherecht haben.

Die Territorien dieser Völker sind extrem bedroht – nicht nur von der Agrarindustrie, sondern auch an den Flüssen. Dort sind Wasserkraftwerke geplant, bereits gebaut worden und in Betrieb. Dadurch werden indigene Territorien überschwemmt. OPAN hat nun Kartierungen erstellt, auf denen deutlich wird, welche Gebiete von Abholzungen betroffen sind, in welchen Gebieten Wasserkraftwerke geplant sind oder sich in Betrieb befinden. Das finde ich unheimlich spannend. Es ist komplexe, wissenschaftliche Arbeit, diese Karten zu erstellen und so im Detail auch nur zusammen mit den Indigenen möglich. Sie zeigen, wie es um die Region steht und dienen so als Lobbyinstrument.

„Geschütztes Territorium“: Die Heimat der Deni ist demarkiert und als indigenes Gebiet geschützt, was unter Präsident Bolsonaro selten geworden ist. MISEREOR-Partnerorganisationen wie OPAN setzen sich für den Schutz der indigenen Gebiete ein.
© Gambarino/OPAN

Gleichzeitig findet auch Aufklärungsarbeit und Bewusstseinsbildung statt, indem OPAN beispielsweise mit Universitäten zusammenarbeitet. So fand kürzlich ein Seminar über Gendergerechtigkeit und Indigene statt, für das die Aktivistinnen Célia Xakriabá und Lina Terena von den jeweils gleichnamigen Völkern der Xakriabá und der Terena vor einem 400-köpfigen Publikum sprachen und in Workshops debattierten.

Was sind Erfolge, die in dieser schwierigen Situation verzeichnet werden können?

Regina Reinart: Ein Erfolg ist zum Beispiel, dass OPAN alles kartografiert und publiziert hat. Die Karte zeigt schwarz auf weiß, dass der brasilianische Präsident Bolsonaro systematisch die Gesetze missachtet. Es ist ein Skandal, der da auf dem Tisch liegt, und es wird ganz deutlich, dass wir etwas tun müssen. Dies ist ein ganz wichtiger Teil der Arbeit von OPAN: Es wird das verschriftlicht, was die Indigenen häufig nur mündlich überliefern.

Was ich darüber hinaus auch noch als großen Erfolg werten würde, ist die Präsenz der Indigenen in der Öffentlichkeit auch dadurch, dass OPAN als Sprachrohr dient. So hat eine Vertreterin der Organisation beispielsweise auf der UN-Klimakonferenz in Kattowitz gesprochen, gemeinsam mit einer Indigenen. Ich glaube, dass es ohne OPAN und auch ohne CIMI, die Fachstelle für Indigene der Brasilianischen Bischofskonferenz, kleinere Völker wie die Bororo, Rikbaktsa oder Xavante nicht mehr gäbe. Dann wüssten wir von ihnen und ihren enormen Kenntnissen über die Natur nichts mehr. Die Organisation hört den Indigenen zu, lässt sie zur Sprache kommen und macht sich politisch für die Rechte der Indigenen stark. Gleichzeitig stärkt sie das Bewusstsein der Bevölkerung, was auch enorm wichtig ist: Das achtsame Leben, der rücksichtsvolle Umgang miteinander und mit der Natur sind etwas, das wir alle von den Indigenen lernen können.

Menina Paumari gehört dem gleichnamigen Volk der Paumari an. Ihr Territorium liegt im Bundesstaat Amazonas. © Gamabrini/OPAN

Es ist ein jahrelanger Kampf, seit über 50 Jahren ist OPAN unterwegs, und das alltäglich, allwöchentlich, alljährlich in großen und kleinen Treffen, auf Versammlungen. Sie kennen dort die einzelnen Schicksale. Es ist eine richtige Freundschaft entstanden, die auch spürbar ist, wenn ich in deren Projektregion in Mato Grosso bin.


Indigene in Brasilien

In Brasilien gibt es laut der Volkszählung von 2010 rund 900.000 Indigene, die über 300 Völkern angehören. Die Volkszählung von 2020 wird aufgrund von COVID-19 nicht stattfinden, fachlichen Schätzungen zufolge definieren sich ca. 1,3 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer als indigen. Einige Völker leben in freiwilliger Isolation in abgelegenen Regionen, andere halten in der Stadt ihre indigene Herkunft. Ihre Situation in Brasilien war immer sehr prekär, die aktuelle Lage gestaltet sich jedoch als besonders dramatisch: Unter der Regierung Bolsonaros gehören Vertreibungen, Diskriminierung und Landraub zum Alltag, die Brandrodung und landwirtschaftliche Nutzung des amazonischen Regenwalds zerstören Lebensraum von Indigenen. Die Corona-Pandemie trifft sie zudem besonders hart. Jüngsten Zahlen zufolge kommen auf 100.000 Brasilianerinnen und Brasilianern ca. 900, die an Corona infiziert sind – unter den Indigenen sind es rund 1.500 Personen.


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Mein Lieblingsprojekt

In der Reihe „Mein Lieblingsprojekt“ stellen MISEREOR-Mitarbeitende regelmäßig Projekte vor, die ihnen besonders am Herzen liegen und geben so Menschen aus dem Süden ein Gesicht.

Autor:

Jana Echterhoff volontiert in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.

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