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Peru: Drei Generationen – drei Perspektiven auf den Fairen Handel

Susana Santos Lizana, 58 Jahre alt, Marleny Laban Lizana, 40, und Leydi Chunga Laban,22, sind Großmutter, Mutter und Tochter. Sie leben in dem kleinen Dorf San Cristobal in der Region Piura im Norden von Peru. Susana ist Kleinbäuerin und Näherin, ihre Tochter arbeitet als Krankenschwester im dörflichen Gesundheitszentrum und die Enkelin studiert in Piura Arbeitssicherheit und Umwelt. Die drei Generationen berichten, welchen Wandel sie durch den Fairen Handel in den letzten Jahrzehnten erlebt haben und vor welchen Herausforderungen sie heute stehen.

Die Straße in den kleinen Ort San Cristobal im Distrikt San Miguel de El Faique führt zu einem ockerfarben getünchten Haus aus Lehm. Auf einem Balkon stehen ein Dutzend Blumentöpfe, Kübel und Wannen, in denen Blumen und Gräser wachsen. Die Tür steht offen. Innen ist es dunkel und kühl. Der Raum im oberen Stockwerk ist schlicht und aufgeräumt. In einer Ecke steht eine alte Nähmaschine neben einem neuen Modell, daneben liegt ein Stapel bunter Stoffe. Ein Meerschweinchen flüchtet aus dem Raum in die Küche. Dort steht ein Gasherd neben einem Herd aus Lehm, über dessen Feuer eine Suppe köchelt. Das Meerschweinchen lugt unter dem Herd hervor. An der Wand hängen Töpfe, Schüsseln und ein Transistorradio.

In diesem Haus scheinen traditionelle neben neuen Dingen gut bestehen zu können: die Nähmaschinen, die Öfen, Landwirtschaft und Studium. Ist das Ihr Rezept, wie die Zukunft gut gelingen kann?

Foto: Florian Kopp | MISEREOR

Susana: Stimmt, wir haben einige Dinge doppelt im Haus (lacht). Das Schöne ist, dass uns sowohl die alten als auch die neuen Geräte nützen. Und auch die Landwirtschaft verträgt sich gut mit Veränderungen. Wir bearbeiten den Boden wie schon unsere Großeltern, aber es ist auch gut, dass die jungen Leute das Dorf verlassen können und ihre eigenen Schritte und Erfahrungen machen.

Marleny: Die alte Singer-Nähmaschine ist noch von meiner Großmutter. Die Maschine ist uralt, aber funktioniert perfekt. Nicht alles, was alt ist, muss weg. Das gilt für Dinge wie auch für Traditionen. Ich bin mit beiden Erfahrungen aufgewachsen, dem einfachen Landleben und der Möglichkeit, zu studieren und über den Tellerrand zu schauen.
Leydi: Das sehe ich auch so. Ich bin sehr gerne in El Faique, aber auch froh, studieren zu können und mehr Perspektiven zu haben als ausschließlich in der Landwirtschaft.

Wie hat sich Ihr Leben und Ihr Arbeiten in den letzten Jahrzehnten verändert?

Foto: Florian Kopp | MISEREOR

Marleny: Als ich Kind war, wohnten wir in einem kleinen Haus oben bei den Feldern. Unser Leben spielte sich ausschließlich im Dorf ab. Das hat sich extrem verändert. Durch die Weiterbildungen der Kooperative Cepicafé, die heute Norandino heißt, konnten meine Eltern den Anbau ihrer Pflanzen verbessern und mehr Geld verdienen.

Susana: Mein Mann Jesús hat später dieses Haus gebaut, in dem wir hier stehen. Der Lehm kühlt im Sommer und wärmt im Winter. Unsere Lebensqualität hat sich in den letzten 20 Jahren deutlich verbessert. Schauen Sie, wie viel Platz wir nun haben! Diesen Raum nutze ich als Nähstube. Wenn größere Aufträge kommen, arbeite ich mit einer Gruppe von Frauen im Dorf zusammen. Wir unterstützen uns gegenseitig, wo wir können.

Marleny: Früher gab es ausschließlich die Landwirtschaft. Wenn du nicht die Felder beackern wolltest, musstest du fortgehen. Heute gibt es Arbeit im Dorf, darum bin ich zurückgekommen.

Welche Rolle hat der Faire Handel in dieser Entwicklung gespielt?

Susana: Ich bin sehr dankbar für die Unterstützung durch die Organisation PROGRESO. Sie haben uns damals Türen geöffnet und gezeigt, was jenseits unseres Wirtschaftens, das nur für den direkten Verzehr diente, möglich ist. Über den Fairen Handel haben wir Zugang zu Märkten bekommen, von denen wir überhaupt nichts wussten. 2004 durfte ich für eine Kampagne für Fairen Handel der GEPA nach Deutschland reisen. Es war sehr spannend zu sehen, wie der Kaffee dort weiterverarbeitet wird. Heute bin ich stolz, wie gut die Zusammenarbeit funktioniert: Wir geben uns Mühe, einen guten Kaffee zu ernten, und ihn zu verkaufen.

Marleny: Ich habe dank des Fairen Handels studieren und eine gute Arbeit finden können. Nach der Geburt von Leydi habe ich drei Jahre bei Cepicafé in Piura gearbeitet und später Arbeit als Krankenschwester in Ecuador und in Jaen, einer Provinz im Norden Perus, gefunden. Seit sieben Jahren lebe ich nun wieder hier.

Wie gut können Sie von der Landwirtschaft leben? Wie sehen Sie die Perspektiven im Anbau von Kaffee?

Susana: Wir kommen über die Runden, aber die Kaffeepreise sind so niedrig, dass wir nur mit dem Fairen Handel überleben können. Darum betreibe ich nebenher diese Nähwerkstatt und verkaufe manchmal Kaffee aus eigener Verarbeitung. Momentan sind aber viele Pflanzen vom Kaffeerost befallen, einer ausgesprochen hartnäckigen Plage. Das macht uns sehr zu schaffen. Obendrein gab es vor kurzem wieder starke Stürme, die die Bäume entwurzelten und unsere Ernten vernichteten. Es sind keine einfachen Zeiten für den Kaffeeanbau.

Marleny: Andere Einkommensquellen sind wichtig. Nur mit dem Kaffeeanbau sind wir zu abhängig von guten Ernten, und die fallen mit den Klimaveränderungen sehr unterschiedlich aus. Außerdem sind die Preisschwankungen auf dem globalen Markt enorm. Neben meiner Arbeit als Krankenschwester helfe ich meiner Mutter bei ihrem Kunsthandwerk. Sie hat mir gezeigt, dass man mit harter Arbeit und Zuversicht viel erreichen kann und, dass wir Frauen uns gegenseitig stärken müssen. Dazu haben auch die Fortbildungen von PROGRESO beigetragen. Und schauen Sie, wo wir jetzt stehen! Es geht uns trotz allem gut.

Leydi, Sie studieren in Piura Arbeitssicherheit und Umwelt. Welche Perspektiven sehen Sie für sich persönlich?

Leydi: Ich lebe in Piura bei meinem Onkel und komme nur am Wochenende nach El Faique. Ich bin sehr dankbar, dass meine Familie mir mein Studium finanzieren kann. Vor 20 Jahren wäre das nicht möglich gewesen. Ich denke, dass es im Dorf und für unsere Generation mehr Möglichkeiten gibt. Wohin mich meine Wege führen, weiß ich noch nicht. Vielleicht bleibe ich in der Stadt, vielleicht komme ich irgendwann zurück, so wie meine Mutter. Vielleicht wenn ich selbst Mutter bin (lacht).

Das Interview führte Eva Tempelmann. Sie lebt und arbeitet als freie Journalistin und Fotografin in Lima, Peru.


Fairer Handel & MISEREOR

MISEREOR hat vor 50 Jahren den Fairen Handel mitbegründet. Seither engagieren wir uns für faire Löhne, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und gerechte Handelsbeziehungen weltweit. Erfahren Sie mehr über die Arbeit von MISEREOR zum Fairen Handel in unserem Web-Dossier: www.misereor.de/fairerhandel

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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