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Die Kraft der Religionen

Während der Einfluss der Religionen in den meisten europäischen Ländern eher zurück zu gehen scheint, ergibt sich in der weltweiten Perspektive ein anderes Bild. Nicht nur, dass sich deutlich mehr als 80% der Weltbevölkerung zu einer Religion bekennen. Darüber hinaus bergen Religionen ein erhebliches Potenzial zur Bewältigung der großen Herausforderungen unserer Zeit. Und dieses Potenzial wird zunehmend genutzt. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man auf die Konferenz zu Frauen, Glaube und Diplomatie blickt, die in der vergangenen Woche unter dem Motto „Den Glauben bewahren, das Morgen verwandeln“ in Lindau am Bodensee stattfand.

Der „Ring for Peace“, eine aus verschiedenen Hölzern aus unterschiedlichen Ländern gefertigte Holzskulptur im Lindauer Luitpolt-Park, symbolisiert die Verbundenheit von Menschen und Religionen.

Auf Einladung von „Religions for Peace“, diskutierten vom 10.-13.11.2020 täglich mehr als 1.500 Teilnehmende darüber, wie Religionsgemeinschaften und insbesondere Frauen sich noch mehr für Geschlechtergerechtigkeit, verändertes Führungsverhalten, wertebasierte Bildung und Erziehung, die Bekämpfung von Hassrede sowie für Umwelt- und Klimaschutz einsetzen können. Die Veranstaltung wurde gemeinsam mit der in Lindau ansässigen Stiftung „Ring for Peace“ organisiert, vom Auswärtigen Amt finanziert und fast ausschließlich virtuell durchgeführt. Nach der Eröffnung durch Videobotschaften von Bundeskanzlerin Angela Merkel und VN-Generalsekretär António Guterres beteiligten sich Religionsvertreterinnen und Religionsvertreter aus über 60 Ländern an virtuellen Plenumsveranstaltungen, diskutierten in Workshops, stellten interreligiöse Projekte und Initiativen zu den verschiedenen Themen vor und brachten sich bei multireligiösen Gebeten und Meditationen ein. Nach der Weltversammlung mit über 1000 Teilnehmenden aus mehr als 100 Ländern im vergangenen Jahr, war die Konferenz bereits die zweite interreligiöse Großveranstaltung von Religions for Peace in Lindau.

Beide Konferenzen haben einmal mehr gezeigt, dass Religionsgemeinschaften in der Lage sind, in kurzer Zeit viele Menschen zu mobilisieren und dies nicht nur innerhalb der eigenen Religion, sondern weit darüber hinaus. In Lindau trafen sich Christinnen, Jüdinnen Musliminnen, Buddhistinnen, Hinduistinnen, Bahai, sowie Vertreterinnen indigener und zahlreicher anderer Religionen. Sie fühlten sich durch gemeinsame Werte miteinander verbunden, teilten Spiritualität sowie politische Visionen für eine bessere Welt und tauschten sich in großer gegenseitiger Wertschätzung aus. Es wurden zahlreiche Projekte, Initiativen, interreligiöse Zusammenschlüsse und Netzwerke vorgestellt, die die große Bandbreite religionsübergreifender Aktivitäten anschaulich machten. Auch die Politik erkennt das Potenzial der Religionen immer mehr, was unter anderem daran deutlich wurde, dass sich zahlreiche deutsche Botschafterinnen und Botschafter aktiv in die Diskussionen der Workshops einbrachten. Auch zahlreiche UN-Unterorganisationen brachten sich ein. Bundeskanzlerin Angela Merkel verwies in ihrer Videobotschaft auf das gemeinsame Streben der Religionen nach Frieden und mahnte, dass nur eine stärkere Beteiligung von Frauen zu nachhaltigen Lösungen führt. Die Generalsekretärin von Religions for Peace, Azza Karam, sieht ihre Organisation als „die UNO der Religionen.“ Sie verfolge die „Mission des Zusammenbringens“ und wolle Impulse für gerechtere, friedlichere und inklusivere Gesellschaften geben.

Für MISEREOR, das sich aufgrund seiner religiösen Werte seit mehr als 60 Jahren für eine gerechtere Welt einsetzt sind diese Botschaften Ermutigung und Ansporn. MISEREOR agiert ebenfalls in Bündnissen und will mit seiner Arbeit Beiträge zu einer weltweiten sozial-ökologischen Transformation leisten. Seine strategischen Ziele lassen sich unmittelbar mit dem Motto der diesjährigen Konferenz „Keeping Faith, Transforming Tomorrow“ verbinden. Es ist sehr zu begrüßen, dass Religionsgemeinschaften als Partner der (Entwicklungs-) Politik an Bedeutung gewinnen und ihre Arbeit eine größere Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfährt. Religiöse Führungspersonen und Institutionen fungieren in allen Gesellschaften als soziale und kulturelle Gatekeeper (Azza Karam). Deshalb sind sie für gesellschaftliche Veränderungen von zentraler Bedeutung. Ihr Mitwirken ist unverzichtbar für die Bewältigung aktueller Herausforderungen wie der Covid-Pandemie, der Klimakatastrophe oder der weltweiten Ungerechtigkeit. Ohne ihre aktive Unterstützung würden notwendige- Schritte hin zu einer gerechteren Welt fehlen und eine Chance nachhaltig zu sein vertan werden. Auch aus diesem Grund ist damit zu rechnen, dass die Kooperationsanfragen an religiöse und glaubensbasierte Akteure zunehmen. Strategien der interreligiösen Arbeit müssen deshalb weiterentwickelt werden, neue Konzepte für die Zusammenarbeit unterschiedlicher Religionsgemeinschaften werden benötigt.

MISEREOR fördert bereits heute zahlreiche Projekte an denen Akteure unterschiedlicher Religionsgemeinschaften beteiligt sind sowie interreligiöse Initiativen und Maßnahmen. Gleiches gilt für das Engagement bei Religions for Peace.

Über den Autor: Stefan Willmutz arbeitet in der MISEREOR-Stabsstelle Vorstand und Leitungsrunden und ist Referent für Religion, Entwicklung und Politik. Bis Juni 2020 war er im Auswärtigen Amt im Bereich Religion und Außenpolitik tätig.

Autor:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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