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Äthiopien: Mobile Viehzucht als Erfolgsmodell

Jutta Himmelsbach vereint bei MISEREOR eine eher ungewöhnliche Kombination von beruflicher Qualifikation: Sie ist Ingenieurin für Kommunal- und Umwelttechnik mit Schwerpunkt Wasserversorgung. Und sie hat einen Studienabschluss in Friedens- und Versöhnungsarbeit. Beide Ausbildungen kommen ihr bei der fachlichen Begleitung von Wasserprojekten in Afrika sehr zugute. Denn um den Zugang zu sauberem Wasser entstehen bekanntlich leicht Konflikte. Himmelsbach hat dabei schon sehr viele verschiedene Regionen kennengelernt. Heute erzählt sie, welches Projekt ihr ganz besonders am Herzen liegt.

Portraitfoto Jutta Himmelsbach
Jutta Himmelsbach ist Ingenieurin für Kommunal- und Umwelttechnik mit Schwerpunkt Wasserversorgung. Außerdem hat sie einen Studienabschluss in Friedens- und Versöhnungsarbeit. Foto: Claudia Fahlbusch

Was ist Dein Lieblingsprojekt?

Jutta Himmelsbach: Ein Pastoralismusprojekt in Äthiopien. Es trägt offiziell den Titel: „Verbesserung des Zugangs zu Trink- und Nutzwasser sowie Verbesserung der Hygiene- und Einkommenssituation in den Woredas Gurradhamole und Gorobakaksa“.

Was versteht man unter Pastoralisten?

Himmelsbach: Es handelt sich um ein Projekt, das sich an mobil lebende Viehhirten richtet, die mit ihren Tieren zu den unterschiedlichen Weidegründen ziehen. Die gesamte Familie oder auch nur Teile der Familien leben also nomadisch. Andere Teile der Familie siedeln sich – zumindest zeitweise – an.

Was macht das Projekt für Dich so besonders?

Himmelsbach: Mich fasziniert an diesem Vorhaben wie an vielen anderen Pastoralistenprojekten, dass die Hirten ihre Lebensweise mit einem sehr großen Selbstbewusstsein vertreten. Träger und Team des Projektes sind hier Muslime, und es ist sehr interessant, über Glaubensgrenzen hinweg gemeinsam auf hohem fachlichem Niveau miteinander zu diskutieren, sich gegenseitig zu faszinieren, zu bereichern, einander immer wieder herauszufordern oder auch mal zu provozieren. Meine Rolle als Frau, als Ingenieurin in diesem Projekt ist ohne Zweifel spannend für die andere Seite, aber auch für alle Beteiligten herausfordernd. Gerade bei den mobil lebenden Viehhirten ist interkulturelles Wissen sehr wichtig. Weil die Lebensweise dieser Menschen so abweichend ist von der Art, was und wie wir leben in Deutschland. Was ich besonders schön finde: Wenn wir zusammenarbeiten, dann sind wir meistens mehrere Tage miteinander unterwegs, leben sehr einfach gemeinsam im dörflichen Kontext und haben einen sehr humorvollen Umgang miteinander. Da geht es dann um die selbstironische Betrachtung von Rollenklischees oder um meinen Vegetarismus. Hervorzuheben ist auch das große Engagement des Projektteams: Diese müssen mit sehr schwierigen Arbeitsbedingungen und -kontexten umgehen und sind immer bereit, sich auf neue Ideen einzulassen, ihr Projekt auch ehrlich zu reflektieren.

Eine Viehherde wird einen Weg entlanggetrieben.
Pastoralisten sind mobil lebende Viehhirten, die mit ihren Tieren zu unterschiedlichen Weidegründen ziehen. Die gesamte Familie oder auch nur ein Teil lebt nomadisch. Foto: Jutta Himmelsbach

Was geschieht genau in dem Projekt?

Himmelsbach: Die Zielgruppen des Projekts leben in einem etwas tiefergelegenen Gebiet am Übergang zur Sahelzone, in einer trockenen, savannenartigen Landschaft. Auf den ersten Blick sieht die Region für europäische Augen ungenutzt und wenig kultiviert aus. Doch tatsächlich gelingt es den Menschen, die Möglichkeiten des Landes sehr weitgehend und effizient zu nutzen. Durch den fortschreitenden Klimawandel ist das nur noch mit immer größeren Herausforderungen machbar, weil nicht immer alle Weidegründe wie in früheren Jahren genügend hergeben zur Versorgung des Viehs. Einerseits ist es oft außerordentlich trocken, andererseits kommt es auch nach schweren Regenfällen zu Flutkatastrophen. Unter solchen Bedingungen entstehen oft Konflikte, es müssen in der Region Flüchtlingsfamilien aufgenommen werden, andere Menschen wiederum verlassen das Gebiet aufgrund der problematischen Bedingungen. Die Menschen sind dort mit sehr vielen akuten Herausforderungen konfrontiert, die das Leben alles andere als leicht machen. Bis vor kurzem hatte man den Eindruck, dass die äthiopischen Behörden gar nicht genau verstanden haben, wie man so leben kann. Die staatlichen Stellen haben registriert, dass sich dort viel brachliegendes Land befindet. Es wurde diskutiert, dieses Land zu verkaufen, was den Druck auf die Viehhirten erhöht hat. Das hat sich unter der aktuellen Regierung etwas geändert. Auch durch unsere Projektaktivitäten ist in Harodibe und anderen Projektgebieten eine andere Wahrnehmung entstanden.

Zwei Kamele
Pastoralisten leisten einen relevanten Beitrag zum nationalen Bruttosozialprodukt: Das Vieh wird häufig nach Übersee, vor allem in die arabische Welt, verkauft. Foto: Jutta Himmelsbach

Auch wir bei MISEREOR mussten uns zunächst mit der Lebensweise der Viehhirten vertraut machen. Diese wurde und wird auch jetzt noch oft als altmodisch, traditionell und nicht an die Ökonomie angepasst verstanden. Tatsächlich haben wir erkennen können, dass der Pastoralismus eine an die schwierigen Bedingungen vor Ort perfekt angepasste Lebensweise ist, die auch ökonomisch als erfolgreich bezeichnet werden kann. Sie leistet einen relevanten Beitrag zum nationalen Bruttosozialprodukt, erkennbar daran, dass das Vieh häufig nach Übersee, vor allem in die arabische Welt, verkauft wird. Diese Erfolge werden in Äthiopien von staatlichen Stellen nicht immer wahrgenommen. Im Gegenteil, die Lebensweise der Hirten ist immer wieder bedroht, und bestimmte politische Kreise vertreten die Auffassung, dass man den Leuten dabei helfen muss, auf eine andere, bessere Lebensweise umzustellen.

Wir haben allerdings bei MISEREOR mit unseren Partnern gelernt, dass diese Lebensweise große Stärken hat und wir herausgefordert sind, uns auf die Denkmuster der Pastoralisten umzustellen.

Es geht in dem Projekt im Wesentlichen darum, den Menschen Zugang zu Trinkwasser zu ermöglichen, Trinkwasserquellen zu erschließen und diese gemeindebasiert im Sinne der Nutzergruppen zu verwalten. Es geht aber auch insbesondere darum, eine Wasserinfrastruktur zu bauen, die dem Pastoralismus förderlich ist. Das hat bei MISEREOR zunächst ein Umdenken erforderlich gemacht. Wir bauen nämlich Wasserinfrastruktur dort, wo kein Mensch dauerhaft lebt. Wasserinfrastruktur also, die nur kurze Zeit im Jahr genutzt werden darf und soll. Die daher sehr klein gebaut werden muss, damit die Weidegründe in der Umgebung nicht übernutzt werden können. Wasser muss demnach limitiert werden. Üblicherweise planen wir im Wasserbau immer, so viel Wasser wie möglich bereitzustellen, Wasser, das das ganz Jahr über so kosteneffizient wie möglich nutzbar sein soll. Es ist sehr herausfordernd, hier komplett anders zu denken. Und es ist auch eine große Herausforderung, in sehr abgelegenen Gebieten eine Wasserversorgung und die dazugehörigen Managementsysteme aufzubauen, die nur ganz kurze Zeit im Jahr genutzt werden sollen. Wer ist dafür verantwortlich, wer kümmert sich darum, dass die Systeme unterhalten werden? Wie schafft man es, hierfür ein Tarifsystem zu schaffen, mit dem die Anlagen und ihr Unterhalt finanziert werden können? Das sind alles sehr spannende Fragen auf Projektebene.

Menschen stehen an einem Brunnen
Das Projekt soll eine Wasserinfrastruktur fördern, die dem Leben der Pastoralisten angepasst ist. Foto: Jutta Himmelbach

Also nochmal zum besseren Verständnis: Die Pastoralisten sollen an den genannten Versorgungsstellen Wasser vorfinden, das sie ein paar Wochen nutzen, ehe sie zu den nächsten Weidegründen für ihr Vieh ziehen, und dann wird die bis gerade gebrauchte Wasserinfrastruktur erst einmal monatelang nicht benötigt, richtig?

Himmelsbach: Ja, genau so ist es gemeint. Die Logik dahinter ist so, dass die Viehhirten mit ihren mobilen Herden dem Regen hinterherziehen. Überall, wo sie hinkommen, ist es zuvor durch Niederschlag grün geworden.  Tatsächlich hat das Vieh dann normalerweise Weideland, das ihm genug Futter bietet, es hat aber nicht unbedingt ausreichend Wasser, das in unseren Projekten entsprechend noch organisiert werden muss. Wenn der Regen dann in einer anderen Region fällt, ziehen auch die Hirten mit ihrem Vieh weiter dorthin, wo dank der Niederschläge genug Futter für ihre Tiere gewachsen ist. Weil das fruchtbare Weideland in der Region sehr knapp ist, besteht die besondere Anforderung an uns und unsere Partner darin, dafür zu sorgen, dass in einem Gebiet nicht so viel Wasser bereitgestellt werden, dass Menschen dort dauerhaft siedeln, denn dafür würden die verfügbaren Wasser-Reserven nicht ausreichen. Überall wo umfangreiche Wasserinfrastruktur vorhanden ist, tendieren Menschen dazu, sich dauerhaft niederzulassen, zum Beispiel auch viele Flüchtlinge. Das sollte in den genannten Regionen aber nicht geschehen, damit die traditionelle Lebensweise der Pastoralisten weiter aufrechterhalten werden kann. Der Erfolg der nomadischen Lebensweise hängt zentral von der Mobilität ab. Nur wer dem Regen folgen kann, hat Zugang zu ausreichend Weideland und anderen Ressourcen. Mit unserem Projektansatz soll also die Mobilität unterstützt werden, damit die Menschen die Option haben, trotz des fortschreitenden Klimawandels weiterhin in ihrem Lebensstil leben und wirtschaften zu können.

Warum ist es so wichtig aus Sicht von MISEREOR, dass Hirten in Äthiopien und anderen Ländern Afrikas weiter nomadisch leben und nicht irgendwo fest siedeln, wie es bestimmte politische Kreise fordern?

Himmelsbach: Um die knappen Ressourcen, also Wasserquellen und Weidelandschaften, effizient und nachhaltig nutzen zu können, darf man sie nicht überbeanspruchen. Wenn man in den genannten Regionen fest siedeln würde, würde man diese Ressourcen viel zu schnell ausschöpfen oder überlasten. Damit wären sie dann zeitweise gar nicht mehr verfügbar. Damit die Tier-Herden bestehen können, müssen sie mit ihren Haltern mobil leben. Weil die Weidegründe so knapp sind, müssen sie von einem Gebiet ins andere wandern und dem Regen folgen können. Nur so können sie überleben, und daher ist Mobilität der Schlüsselfaktor für eine erfolgreiche Ökonomie in dieser Region. Wenn wir versuchen, durch Infrastruktur, Bildungsmöglichkeiten und andere Anreize diese Menschen sesshaft zu machen, dann verlieren sie ihre Mobilität und damit ihre wirtschaftliche Grundlage. Sie geraten in Gefahr von externer Hilfe abhängig zu werden. Das Land ist so karg, dass es kaum anders genutzt werden kann. Übrigens: Menschen, die sesshaft leben, sind vom Staat viel leichter zu steuern.  Es ist auch viel leichter, Steuern von Ihnen einzuziehen. Die Sichtweise bestimmter Teile der Politik ist, dass Verwaltung und Versorgung dieser Bevölkerungen einfacher seien, wenn die Menschen irgendwo einen festen Wohnsitz haben. Damit würde man diese Menschen allerdings auch sehr abhängig vom Staat machen. Das kann keine dauerhaft nachhaltige Lösung sein.

Zwei Frauen tragen Wasserkanister
Die Zielgruppen des Projekts leben in einem etwas tiefergelegenen Gebiet am Übergang zur Sahelzone, in einer trockenen, savannenartigen Landschaft. Foto: Jutta Himmelsbach

Wieviele Menschen leben in Äthiopien eigentlich als Pastoralisten?

Himmelsbach: In Äthiopien stellen die Pastoralisten einen beachtlichen Anteil der Bürgerinnen und Bürger, wir gehen von etwa zwölf Millionen Menschen aus. In dem von mir beschrieben Gebiet lebt 100 Prozent der Bevölkerung durch den Pastoralismus.

Wir wissen, dass Wasser und Hygienefragen immer gemeinsam gedacht werden müssen, gerade auch mit Blick auf den Welttoilettentag am 19. November. Denn sauberes Wasser alleine führt noch nicht zu einer sicheren Verbesserung der Gesundheitsbedingungen, erst kombiniert mit Hygieneregeln und der Unterbrechung der Infektionsketten verbessert man die Gesundheitsbedingungen. Wie kann man dem bei der nomadischen Lebensweise gerecht werden?

Himmelsbach: Tatsächlich sind wir auch bei dieser Frage neu gefordert, denn Toiletten gibt es nicht selbstverständlicher Weise, wenn die Hirten mit den Tieren unterwegs sind. Hier verfolgen wir mit unseren Ansätzen moderne Methoden. Es gilt zuerst, die Menschen über die Infektionsketten zu informieren. So wie wir gerade an Corona lernen, ist das im Wesentlichen ein Sensibilisierungs- und Informationsprozess. Wenn ich weiß, wie sich Krankheiten übertragen, kann ich mich schützen und die Infektionsketten durchbrechen. Es geht darum, Methoden zu entwickeln, die man überall anwenden kann. Auch unterwegs. Hände möglichst häufig und in kritischen Momenten waschen, z.B. bei der Zubereitung von Essen, sich getrennt halten von den Tierfäkalien, die eigenen Fäkalien vergraben, wo man länger bleibt, einfache Latrinen aus dem vorhandenen Material bauen. Krankheiten, die durch verschmutztes Wasser verursacht werden, kann man über Aufbereitungsmethoden trinkbar machen. Dazu gehören dann beispielsweise das Abkochen von Wasser oder auch die Filtration über mobile, kleine Filter, die auch ein Kamel oder Esel transportieren kann. Hier experimentieren wir zusammen mit den Partnern und Projektgruppen an angepassten Methoden.


Mein Lieblingsprojekt

In der Reihe „Mein Lieblingsprojekt“ stellen MISEREOR-Mitarbeitende regelmäßig Projekte vor, die ihnen besonders am Herzen liegen und geben so Menschen aus dem Süden ein Gesicht.

Autor:

Ralph Allgaier

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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