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„Durch Bildung werden Mädchen unabhängig und stark“

Arun Nyanthuoi Dielich. Gleichstellungsbeauftragte. Südsudan. Kämpft für das Recht auf Bildung für Mädchen und für ein modernes Rollenverständnis, nach dem Frauen stark und unabhängig sein dürfen.

Das sind meine Wurzeln

Bis ich zehn Jahre alt war, wusste ich nicht, was eine Schule ist. Wie es in der Dinka-Kultur meines Landes üblich ist, verbrachte ich meine früheste Kindheit damit, das Vieh zu hüten. Im Jahr 2000 nahm mich dann meine ältere Halbschwester, die das Glück hatte, eine Ausbildung erhalten zu haben, mit nach Kenia. Ich sollte dort auf ihre Kinder aufpassen, während sie arbeitete. Im Südsudan ist es üblich, dass die Aufgabe des Kinderhütens jüngere Verwandte, Mädchen zwischen neun und zwölf Jahren, übernehmen.

So wie es damals bei ihr der Fall gewesen war, als sie die Kinder ihrer Tante beaufsichtigte, meldete meine Schwester auch mich ein Jahr später in der Schule an. In der Klasse war ich die Älteste und Größte und ich hasste es, zwischen all den kleinen Kindern zu sitzen. Zum Glück hatte ich sehr gute Lehrer, die mir halfen zu verstehen, dass ich mich nicht zu schämen brauchte, weil ich älter oder größer war.

Viele Male forderten meine Brüder zuhause meine Schwester auf, mich zurückzuschicken, damit ich verheiratet werden könnte. Das ist für die Familie der Braut lohnend, weil sie ein sogenanntes Brautgeld erhält. Aber meine Schwester widersetzte sich solchen Anfragen und sorgte dafür, dass ich meine Ausbildung abschloss.

Heute bin ich sehr gerne Gleichstellungsbeauftragte, weil ich gefährdeten Mädchen in ähnlichen Situationen beistehen und gemeinsam mit der Gemeinschaft und den beteiligten Akteuren die Herausforderungen, angehen kann, die sich Mädchen im Südsudan auf vielfältige Weise stellen.

Das verleiht mir Flügel

Meine Familie ist mit etwa 30 Kindern sehr groß, doch nur drei von uns sind zur Schule gegangen. Die Umstände, dass meine Mutter die siebte Ehefrau meines Vaters ist und keines meiner biologischen Geschwister die Schule besucht hat, waren für mich der größte Ansporn, die Schule zu beenden. Denn ich wollte meiner Mutter ein besseres Leben bieten können.

Mein Ziel war es, etwas an meine Familie und meine Gemeinschaft zurückzugeben und etwas zu bewegen. Ich wollte der Bedrängnis, eine Frau im Südsudan zu sein, entfliehen. Einmal sah ich, wie eine meiner Schwestern brutal geschlagen und an einen fremden Mann verheiratet wurde, weil sie schwanger war. So etwas wollte ich nie durchmachen müssen. Ich wollte vielmehr so sein wie meine ältere (Halb-)Schwester, die gebildet ist und arbeitet. Sie ist mein Vorbild. Auch ich bin so für Andere zu einem Vorbild geworden. Das macht mich verlegen und spornt mich gleichzeitig an.

Dafür setze ich mich ein

In meinem Einsatzgebiet, dem Bistum Rumbek im Süden des Landes, setze ich mich dafür ein, dass jedes Mädchen zur Schule geht und weiß, dass ihm die gleichen Möglichkeiten zustehen wie Jungen. Außerdem sieht die südsudanesische Verfassung 35 Prozent der Führungspositionen für Frauen vor. In der Realität sind es leider viel weniger. Mit meinem Einsatz für bessere Bildungschancen von Mädchen und für die Stärkung der Rolle der Frau möchte ich meinen Beitrag leisten, um die 35 Prozent zu erreichen.

Meine Arbeit ist getan, wenn…

… genauso viele Mädchen die weiterführende Schule besuchen und ihren Abschluss machen, wie in der Grundschule angefangen haben. Meine Arbeit ist getan, wenn sie dabei akademisch mit den Jungen mithalten können und sich nicht unterlegen fühlen. Meine Arbeit ist getan, wenn gebildete Frauen als stark und unabhängig wahrgenommen werden – nicht als rebellisch.

Frauen können…

… Friedensstifterinnen, Brotverdienerinnen, politische Entscheiderinnen und wertvolle Arbeitskräfte für den südsudanischen Arbeitsmarkt sein. Frauen können ihre Träume verwirklichen, wenn sie an ihnen arbeiten.


Hintergrund

Schon kurz nach seiner – Jahrzehnte lang erkämpften – Unabhängigkeit 2011 stürzte der Südsudan in einen Bürgerkrieg mit 400.000 Todesopfern. Er zwang rund vier Millionen Menschen zur Flucht im eigenen Land. Mittlerweile gibt es ein Friedensabkommen, doch die Gewalt ist immer noch allgegenwärtig.

Die Kriege haben Generationen von Analphabeten hinterlassen, wovon besonders Frauen betroffen sind (75 %). Immer noch gibt es kaum Zugang zu guter Schulbildung. Am stärksten benachteiligt sind Mädchen. Nach Zahlen von Unicef gehen insgesamt 54 % der Jungen und nur 32 % der Mädchen im Schulalter zur Schule. Weniger als 10 % einer Abschlussklasse der Grundschule (8. Klasse) sind Mädchen.

Wenn Mädchen die Chance erhalten, die Schule zu besuchen, müssen sie diese also häufig vorzeitig abbrechen, was vielfältige Gründe hat: Mädchen werden im Südsudan sehr früh verheiratet: Laut der globalen Initiative „Girl Nos Brides“ heiraten 52% der Mädchen bis zu ihrem 18. Geburtstag, 9% sogar bevor sie 15 Jahre alt sind. Gründe hierfür sind das oben erwähnte Brautgeld und die Intention, Mädchen vor ungewollten Schwangerschaften zu schützen. Oder sie werden als Arbeitskraft im Haushalt von Eltern oder anderen Verwandten benötigt. Auch die Angst vor gewalttätigen Übergriffen und häufig fehlender Zugang zu sanitären Einrichtungen in den Schulen können weitere Gründe sein.

Bereits seit 1994 unterstützt MISEREOR in der Diözese Rumbek Projekte im Gesundheits- und Schulbildungsbereich. Ein besonderes Augenmerk wird dabei auf die Situation von Mädchen gelegt – hier setz Arun Nyanthuoi Dielich mit ihrer Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte an, indem sie Mädchen ermutigt zur Schule zu gehen und sie dabei unterstützt, ihre schulische Laufbahn zu beenden.


Sie sind Visionärinnen. Kämpferinnen. Trägerinnen von Entwicklung. Sie sind „Starke Frauen“. In unserer Reihe stellen wir sie und ihre Geschichten vor.

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1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Danke für diese konkreten Berichte! Frauen brauchen noch viel Unterstützung!

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