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Welttag gegen Kinderarbeit: „Ich befürchte, wir verlieren eine Generation“

In vielen Ländern des Globalen Südens müssen Kinder hart arbeiten, statt zur Schule zu gehen. Sie ernten Baumwolle oder Tabak, schuften in Steinbrüchen oder im Kakaoanbau – nicht zuletzt um uns, hier im Globalen Norden, mit Gütern zu versorgen. Anlässlich des Welttages gegen Kinderarbeit und der aktuell veröffentlichten Daten zu ausbeuterischer Kinderarbeit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) haben wir mit MISEREOR-Geschäftsführer Thomas Antkowiak darüber gesprochen. Was das Problem an Kinderarbeit ist, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat und was man dagegen tun kann, erzählt er im Interview.

Indien Kinderarbeit Müllsammler
Nach Angaben der ILO ist die Zahl der Kinder in Kinderarbeit weltweit auf 160 Millionen gestiegen – eine Zunahme um 8,4 Millionen Kinder in den letzten vier Jahren. © Schwarzbach / MISEREOR

Am 12. Juni ist der Welttag gegen Kinderarbeit. Was genau ist das Problem an Kinderarbeit?

Thomas Antkowiak: Kinderarbeit ist wohl das extremste Anzeichen von wirtschaftlicher Ungerechtigkeit. Damit ist nicht gemeint, dass Kinder auf dem Hof der Eltern bei der Ernte helfen oder bestimmte Aufgaben im Haushalt erledigen. Sobald aber gegen die Alters-, Arbeitszeit- und Arbeitsschutzauflagen verstoßen wird, der Schulbesuch oder Freizeit nicht möglich sind – dann wird es problematisch. Dies alles ist Teil einer verbreiteten Form der Ausbeutung von Arbeitskräften, auch auf den kleinbäuerlichen Betrieben in der Landwirtschaft. Wenn Kinder ausgebeutet werden, sind auch ihre Eltern zumeist Opfer von Ausbeutung. Sie wissen sich keinen anderen Rat, als ihre Kinder einzuspannen, denn verlässliche und angemessene Preise erzielen sie selten und weitere Einkommen sind gerade während der Corona-Pandemie kaum zu erzielen.

Eigentlich wollten die Vereinten Nationen die ausbeuterische Kinderarbeit bis zu diesem Jahr abschaffen. Kann das noch passieren?

Thomas Antkowiak: Nein. Schon jetzt hat die Staatengemeinschaft dieses Ziel auf 2025 verschoben. Wie so oft werden Ziele einfach nach hinten geschoben. Nach guten Fortschritten in den 2000er Jahren stagnierten zuletzt die Zahlen. Jetzt sind sie wieder gestiegen; auf 160 Millionen. Besonders die jüngsten Kinder zwischen 5 und 11 Jahren sind betroffen, allen voran in Ländern Afrikas, südlich der Sahara. Ich befürchte, dass wir eine Generation verlieren.

Peru Kinderarbeit
„Wenn Kinder ausgebeutet werden, sind auch ihre Eltern zumeist Opfer von Ausbeutung. Sie wissen sich keinen anderen Rat, als ihre Kinder einzuspannen.“ © Kopp / MISEREOR

Die Kinderarbeit abzuschaffen ist ein Unterziel der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, die bis 2030 umgesetzt werden sollen. Kann man die Kinderarbeit bis dahin abschaffen?

Thomas Antkowiak: Auch hier bin ich skeptisch. Über siebzig Prozent der betroffenen Kinder arbeiten in der Landwirtschaft. Die schlechten Preise für Bäuerinnen und Bauern – gerade auch der Produkte für den internationalen Markt wie Kakao, Baumwolle oder Kaffee – machen es Kleinbauernfamilien unmöglich, der Armut zu entfliehen oder zumindest für die Kinder eine bessere Zukunft zu schaffen. Das SDG-Unterziel 8.7 fordert die Abschaffung von Zwangsarbeit und moderner Sklaverei. Leider funktionieren Teile unseres Wirtschaftssystems derzeit nur auf Grundlage von Ausbeutung. Papst Franziskus meint auch dies, wenn er schreibt: „Diese Wirtschaft tötet“.

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie bei dieser Entwicklung? Wäre die Situation ohne die Pandemie besser?

Thomas Antkowiak: Es wäre falsch, in dieser Frage die Corona-Pandemie einseitig als Ursache zu sehen. Wir wissen aus vielen Wirtschaftsbereichen, dass sich die Zahlen schon vor der Pandemie erheblich verschlechtert hatten, darunter die Zunahme der Kinderarbeit im Kakaosektor Westafrikas. Fast 2,2 Millionen Kinder sind nach einer Auswertung der Universität von Chicago betroffen. Das waren noch mal eine halbe Millionen Kinder mehr gegenüber Zahlen aus dem Jahr 2017. Aber klar ist: Durch die Pandemie fiel vielerorts die Schule aus, Saisonkräfte konnten die Ernte nicht einfahren und auch bei staatlichen Kontrollen auf Feldern und in Arbeitsstätten gab es Rückschläge. Unsere Projektpartner aus Indien berichten, dass Kinder Gefahr laufen, aus dem Schulsystem zu fallen und arbeiten zu müssen – meist im informellen Sektor, in dem Arbeitsrechte kaum umgesetzt werden. Für Kinder, die bereits arbeiten, besteht die Gefahr, dass sie länger und unter noch miserableren Bedingungen arbeiten müssen. Zudem müssen in privaten Haushalten Mädchen zunehmend Tätigkeiten in Haushalt und Landwirtschaft bestreiten, statt lernen zu dürfen. Das Ausmaß an Armut zeigt sich auch in der Zunahme von Menschenhandel:  Eltern sehen sich gezwungen, ihre Babys zu verkaufen. Ein Ende der Pandemie wird nicht zwangsläufig oder direkt zu einer Verbesserung der Situation führen, da viele Eltern es sich nicht mehr leisten können, ihre Kinder zu ernähren oder gar zur Schule zu schicken.

Guatemala Kinderarbeit Schuhputzer
„Kinder Gefahr laufen, aus dem Schulsystem zu fallen und arbeiten zu müssen – meist im informellen Sektor, in dem Arbeitsrechte kaum umgesetzt werden.“ © Kopp / MISEREOR

Welche Veränderungen müssen dafür geschehen?

Thomas Antkowiak: Zunächst müssen wir eine völlig andere Landwirtschaft betreiben und unseren Handel und unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit ändern, besonders gegenüber afrikanischen Ländern denn dort sind Zahlen zur Kinderarbeit enorm. Dass ein nachhaltiger Anbau zum Wohle von Mensch und Umwelt möglich ist, beweisen unsere Partnerorganisationen. Bäuerinnen und Bauern müssen für ihre Arbeit und ihre Leistungen für Umwelt und den Anbau unserer Lebensmittel ganz anders bezahlt werden. Wahre Kosten müssen von Handelsunternehmen getragen werden.  Die Technische Universität Delft beziffert allein den volkswirtschaftlichen Schaden pro Kind und pro Jahr auf mindestens 80.000 Euro, da dem Staat wegen fehlender Schulbildung und mangelnder Gesundheit Fachkräfte für die Zukunft fehlen werden. Um diesen Wert wird der betreffende Staat in seinem Wirtschaftswachstum zurückgeworfen. Die Einbeziehung solcher Faktoren in die Vermögensbilanz möchten wir als Mitglied der True-Cost-Initiative schon bald zum Standard für Unternehmen machen.

Was können Bürgerinnen und Bürger dafür tun?

Thomas Antkowiak: Da zitiere ich gerne den scheidenden Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung: „Das Wohl der Menschen ist nicht verhandelbar. Das heißt auch: faire Preise, die Existenzen sichern und dem Naturverbrauch entlang von globalen Lieferketten einen Preis geben.“ Der Faire Handel ist seit 50 Jahren die Antwort und er wächst. Er ist nicht perfekt, aber es lohnt, sich für ihn einzusetzen, um damit den Handel insgesamt fair zu machen.

Die Fragen stellte Ina Thomas, Volontärin in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.


Weitere Informationen

Unterrichtsmaterial zu Kakao und Kinderarbeit.

Wie Fairer Handel vor Armut schützt.

Geschrieben von:

Ina Thomas volontiert in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.

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