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Ist „groß auch gleich besser“? MISEREOR-Studie zu industrialisierter Landwirtschaft in Afrika

„Afrikanische Kleinbauern sind rückständig, ihre Erträge niedrig – ein Auslaufmodell! Mit ihnen wird der afrikanische Kontinent sich zukünftig nicht ernähren können.“ So lautet ein häufiger Vorwurf. Doch was ist dran an dieser Einschätzung? Dem wollten wir von MISEREOR mit einer wissenschaftlichen Studie nachgehen.

Burkina Faso Landwirtschaft Pflanzlochmethode zaï
Mithilfe der arbeitsintensiven Pflanzlochmethode (zaï) verwandeln Bauern in Burkina Faso vollständig ausgelaugte Böden wieder in fruchtbares Ackerland. © Florian Kopp / MISEREOR

Mehr Großbetriebe, weniger Hunger?

Wir haben uns folgende Fragen gestellt: Bringen großflächige Betriebe aus Entwicklungsperspektive wirklich den versprochenen Mehrwert? Wird die Ertragslücke geschlossen und der Hunger verringert? Können Regionen sich mittels großflächiger Landwirtschaft entwickeln? Die nun vorgelegte wissenschaftliche Studie setzt auf den systematischen Vergleich von kleinbäuerlichen Familienbetrieben mit großflächigen agrarindustriellen Betrieben in Subsahara-Afrika.

Afrikas Landwirtschaft ist kleinbäuerlich

In vielen Ländern Subsahara-Afrikas leben große Teile der ländlichen Bevölkerung auf dem Land. Deshalb sind die genannten Fragen so wichtig. Landwirtschaft wird für diese Menschen mangels Alternativen die zentrale Erwerbsquelle bleiben und deshalb entscheidend bei der nachhaltigen Überwindung von Hunger sein. Bislang ist die Landwirtschaft in den meisten Ländern Afrikas kleinbäuerlich geprägt. Sie produzieren einen Großteil der heimischen Nahrungsmittel und häufig auch Produkte für den Weltmarkt (u. a. Baumwolle, Kakao, Kaffee und Tee). Trotz des volkswirtschaftlichen Beitrags der kleinbäuerlichen Familienbetriebe setzen viele afrikanische Regierungen in immer größerem Ausmaß auf einen ländlichen Strukturwandel mittels großflächiger agrarindustrieller Betriebe über kapitalkräftige Investoren. In Afrika wurden in den Jahren zwischen 2000 und 2016 zehn Millionen Hektar Land für die großflächige Landwirtschaft „erworben“, durch private Investoren, börsennotierte Unternehmen, Investmentfonds oder lokale Eliten. Damit hält Subsahara-Afrika 42 % aller weltweiten Landnahmen für die landwirtschaftliche Nutzung.

Industrialisierte Landwirtschaft in Afrika – wozu?

Befürworter*innen betonen, die „industrialisierte“ Landwirtschaft bringe eine Vielzahl von Vorteilen für die Ernährungssicherung und die Entwicklung ländlicher Räume mit sich. In der Logik dieses Entwicklungsmodells erfüllen leistungsfähige kleinbäuerliche Familienbetriebe zukünftig ihren Beitrag zur Volkswirtschaft in Form von Vertragsanbau. Ein anderer Teil würde in der Subsistenz verbleiben und ein Großteil der ländlichen Arbeitskräfte würde freigesetzt werden. Viele afrikanische Regierungen erhoffen sich – der Entwicklungslogik einer „industrialisierten Landwirtschaft“ folgend – den „erforderlichen Modernisierungsschub“ ihrer heimischen Landwirtschaft auch mittels kapitalkräftiger Investoren.

Deutschland fördert nicht-nachhaltige Landwirtschaft

Solche Großinvestitionen und die genannten Modelle des Vertragsanbaus werden auch von der deutschen Bundesregierung bzw. den staatlichen Banken wie der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sowie der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) gefördert. Und das, obwohl die „industrialisierte“ und großflächige Landwirtschaft einseitig und nicht nachhaltig auf sehr hohen Betriebsmitteleinsatz (wie synthetischen Dünger, Pestizide sowie Hochertragssorten) und kapitalintensive Systeme (Einsatz moderner Landmaschinen) setzt.

Burkina Faso Landwirtschaft Innovationen Kleinbauern
Innovative und lokal angepasste Zwiebellagerung in Burkina Faso; sie ermöglicht es den Bäuerinnen und Bauern, Zwiebeln für mindestens 8 Monate zu lagern. © Florian Kopp / MISEREOR

Überraschende Ergebnisse

Die Studie vergleicht betriebswirtschaftliche Leistungen wie Ertrag und Einkommen sowie die sozialen Folgen von Investitionen in Land (insbesondere von Large Scale Land Acquisitions, LSLA) und was diese für die betroffene Bevölkerung in Bezug auf ihre Existenzsicherung, die ländliche Ökonomie sowie Landrechte bedeutet. Sie kommt dabei zu bemerkenswerten Ergebnissen:

Ökonomische Indikatoren
  • Umsetzung der Landkäufe: Nur etwa die Hälfte der abgeschlossenen Landkäufe sind heute produktive Betriebe. Lediglich auf 11 Prozent der Fläche dieser Landkäufe hat die landwirtschaftliche Produktion begonnen. Die meisten Fehlschläge beruhen auf fehlenden Informationen zum Produktionspotenzial, Grenzkonflikten mit angrenzenden Kleinbauern oder anderen agrarindustriellen Betrieben, Schwierigkeiten beim Import von Betriebsmitteln (Pestiziden, Dünger und Maschinen) und der Unsicherheit über die langfristige Gültigkeit des Landkaufs. Welchen Anteil Bodenspekulationen als Ursache für die geringe Inwertsetzung haben, ist bislang nicht bekannt.
  • Lebensmittelproduktion: Ein Großteil der Produktion auf großflächigen Betrieben dient dem Export von Agrarrohstoffen. Mit dem Wechsel von kleinbäuerlichen Systemen hin zur industriellen Landwirtschaft ist häufig ein effektiver Rückgang der Lebensmittelproduktion in der Region verbunden. Die Behauptung, großflächige Landnahmen mit ebensolchen Strukturen würden generell zur Verbesserung der Lebensmittelversorgung beitragen, ist daher falsch.
  • Produktivität: Kleinbauern erzielen in der Regel hohe Erträge pro Hektar. Das liegt an der sehr arbeitsintensiven Produktion und der Diversifizierung der Kulturen. Im Gegensatz dazu erreichen Großbetriebe eine höhere Kapital- und Arbeitseffizienz bei gleichzeitig geringeren Hektarerträgen. Kleinbauernbetriebe weisen zudem eine hohe technische Effizienz auf – wenn alle Inputfaktoren berücksichtigt werden.
  • Erträge: Das gängige Argument, LSLA-Betriebe könnten dazu beitragen, die Ertragslücke zu schließen, wird durch die Studie nicht untermauert. Die verfügbaren Belege stützen also nicht die Annahme, dass LSLA-Betriebe generell höhere Erträge pro Fläche erzielen als kleinbäuerliche Betriebe – obwohl sie meist höhere Mengen an externen Betriebsmitteln einsetzen. Einige Studien haben sogar gezeigt, dass größere Betriebe unter den gleichen agro-ökologischen Bedingungen im Allgemeinen eine geringere Produktivität pro Hektar erzielen als kleinere Betriebe.
Kleinbauern Sahel Mikro-Variabilität
Kleinbauern im Sahel wissen um die feinen Unterschiede in der Beschaffenheit ihrer Böden; sie können als echte Präzisionslandwirte bezeichnet werden. © Hartmut Schwarzbach / MISEREOR
Soziale Indikatoren
  • Zugang zu Land: Es ist die lokale Bevölkerung, die besonders stark unter den Landnahmen leidet. Sie verliert ihre landwirtschaftlichen Flächen. Ihre Kleinbauern haben wenig Möglichkeit, sich gegen diese Landnahmen zur Wehr zu setzen. Ihre rechtliche Situation und Sicherheit sind häufig ungeklärt bzw. unzureichend. Land, das ursprünglich dem Gewohnheitsrecht nach oder in Form von Gemeinschaftsflächen (Commons) organisiert ist und bewirtschaftet wird, geht der ländlichen Bevölkerung häufig dauerhaft verloren. Der Verlust von Land – und damit der landwirtschaftlichen Produktionsgrundlagen – hat schwerwiegende negative Folgen: Ihre Nahrungsmittelsicherheit und ihre ökonomischen Existenzen sind dadurch stark gefährdet. Denn die Nahrungsmittelunsicherheit ist im Umfeld von großflächigen Betrieben deutlich höher als in kleinbäuerlich geprägten Strukturen.
  • Arbeitskräftebedarf: Abhängig von der Kultur haben großflächige Betriebe einen Bedarf an Arbeitskräften (AK), der zwischen 0,1 und 1 AK pro Hektar liegt. Im Gegensatz dazu weisen Kleinbauern konsistent einen Arbeitskräftebedarf von 1 AK pro Hektar auf – dies geht bis zu 3,77 AK pro Hektar, abhängig von den Anbaukulturen. Außerdem ist unter kleinbäuerlichen Bedingungen das Risiko sehr niedrig, erwerbslos zu werden. Das bedeutet, dass die kleinbäuerliche Landwirtschaft mehr Menschen pro Hektar beschäftigt als die großflächige und damit für mehr Ernährungssicherheit und ökonomische Auskommen sorgt.
  • Freisetzung von Arbeitskräften: Auf großflächigen Betrieben werden bis zu 74 % der Menschen nicht mehr als Arbeitskräfte benötigt und verlieren damit ihre Lebensgrundlage.
  • Schaffung von Arbeitsplätzen: Durch die Schaffung der neuen großflächigen Betriebe entstehen neue Arbeitsplätze. Dies ist jedoch mehrheitlich saisonale Beschäftigung (zwischen 2 und 5 Monaten). Und bedingt durch die niedrige Bezahlung reichen diese saisonalen Anstellungen oft nicht aus, um die Verluste aus den Erträgen der kleinbäuerlichen Betriebe zu kompensieren und ihre Familien zu ernähren.

Fazit

Das schlechte Image kleinbäuerlicher Betriebe bei Afrikas Regierungen und zu großen Teilen auch in der deutschen Entwicklungspolitik hält demnach einer wissenschaftlichen Betrachtung nicht stand. Es ist unstrittig, dass die Landwirtschaft in Afrika Unterstützung, Investitionen, Beratung und verlässliche Rahmenbedingen benötigt, vor allem was den Zugang zu Land, Saatgut und Wasser angeht. Aber Investitionen in industrialisierte Landwirtschaft sind dabei sicherlich nicht der richtige Weg – das hat die Studie eindrucksvoll belegt.

Autor*innen: Dr. Sabine Dorlöchter-Sulser ist MISEREOR-Referentin für den Bereich ländliche Entwicklung in Afrika, Markus Wolter ist Referent für Landwirtschaft und Ernährung bei MISEREOR.


Weitere Informationen:

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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