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Situation Indigener weltweit weiter schwierig

Sie leben auf unterschiedlichen Kontinenten, sie haben unterschiedliche Namen, doch ihre Schicksale und Erfahrungen sind ähnlich: Am Tag der Indigenen weist MISEREOR auf die weiterhin bedrohliche Situation vieler indigener Gemeinschaften weltweit hin. Indigene und autochthone Völker erfahren als Minderheit häufig Rassismus und Diskriminierung, sie haben dadurch oft weniger Bildungschancen und eine schlechtere Gesundheitsversorgung. Soziale Ungleichheiten werden somit vererbt und schlechtere Lebensumstände zementiert.

Indigene Siona Putumayo Ecuador
Ecuador hat die Natur als Rechtssubjekt verfassungsrechtlich anerkannt; ein Stellenwert, den einige indigene Gemeinschaften ihr schon seit Jahrhunderten zusprechen. © Daniel Acosta / Pixabay

Indigene Gemeinschaften sind weltweit von Vertreibung sowie dem Verlust ihrer Territorien oder Landrechte bedroht, weil sie Wirtschaftsinteressen und Infrastrukturprojekten weichen müssen. Dies bedeutet nicht nur den Verlust ihrer Heimat und Identität, sondern raubt ihnen häufig auch die Lebensgrundlage. Ohne Land können sie keine Lebensmittel für sich und ihre Familien produzieren. Die Situation war also schon schwierig genug, die Corona-Pandemie hat sie jedoch noch weiter verschärft.

Aufgrund dieser zahlreichen Herausforderungen fördert MISEREOR rund 500 Projekte in 32 Ländern, vorwiegend in Asien und Lateinamerika, mit rund 123 Millionen Euro, in denen sich Projektpartner*innen ´von MISEREOR für die Rechte indigener Gemeinschaften, den Schutz ihrer Territorien und kulturellen Identität sowie die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen einsetzen. Trotz schwierigster Rahmenbedingungen verlieren die Menschen nicht den Mut und schöpfen Hoffnung aus einzelnen Erfolgsgeschichten. Hier erzählen Projektpartner*innen aus verschiedenen Länder- und Konfliktkontexten von ihren Erfahrungen:


Indonesien, Westpapua:

Die indigene Bevölkerung wird stark diskriminiert und weiter verdrängt – zuletzt begünstigte ein Gesetz von 2020 die weitere Zerstörung des Regenwalds für Palmölplantagen, Minen und Nahrungsmittelanbau. Der eskalierte Konflikt wird mit Gewalt geführt, Dialogversuche gibt es von der Regierung nicht. Papuan Voices möchte mit dem vierten Papua-Filmfestival einen anderen Weg gehen und lädt bewusst alle Parteien der papuanischen Gesellschaft ein, sich mit dem Konflikt konstruktiv auseinanderzusetzen.

Palmölplantagen sind nur ein Grund, weshalb der Regenwald immer weiter weichen muss und die Heimat der indigenen Bevölkerung zerstört wird. © Canva

„Die Situation in Papua ist derzeit sehr herausfordernd, weil wir innerhalb des Landes sehr unterschiedliche Ziele und Erwartungen haben, sowohl kulturell, sozial, wirtschaftlich als auch politisch. Indem Papuan Voices junge Menschen dazu einlädt, sich über das Medium Film auszudrücken, versucht das Projekt, den Menschen zu helfen, mit dieser Situation umzugehen. Papuan Voices steht für eine innovative Initiative, die zur Deeskalation und zur Bewusstseinsbildung beitragen möchte.“

Bernard Koten, Direktor von Papuan Voices


Argentinien

Am Pilcomayo-Fluss gefährdet die illegale Abholzung großer Waldflächen sowohl die Lebensgrundlage der indigenen Bevölkerung als auch der Kleinbauernfamilien, was zu Konflikten um das immer weniger werdende Land und Wasser führte. Nach jahrzehntelangen, friedlichen Verhandlungen erzielten beide Gruppen einen Kompromis: Das Land sollte aufgeteilt, die Kleinbauernfamilien umgesiedelt und eine gemeinsame Landnutzungsstrategie erarbeitet werden. Der argentinische Staat kam Zusagen zur Unterstützung dieses Prozesses jedoch nicht nach, weshalb er von der indigenen Dachorganisation Lhaka Honhat verklagt wurde – und verlor: Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte den argentinischen Staat 2020 wegen Menschenrechtsverletzungen an den Wichí-Indigenen. Ein enormer Erfolg, doch die Umsetzung wird aktuell von der Corona-Pandemie erschwert.

„Die formale Anerkennung der Rechte der Gemeinschaften am Pilcomayo-Fluss, sowohl auf ihr Territorium als auch auf verschiedene Aspekte ihres traditionellen Lebens, ist ein wichtiger Erfolg und hat die indigenen Gemeinschaften sehr gestärkt. Das Gerichtsurteil des Interamerikanischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu ihren Gunsten hat das Engagement der Menschen neu belebt und sie übernehmen nun die Verantwortung zur Umsetzung des Urteils. Aufgrund der Corona-Pandemie ist es jedoch schwierig, alle Gemeinschaften über das Urteil und die Maßnahmen zu informieren und diese am Umsetzungsprozess zu beteiligen. Zudem ist der langjährige und sehr geschätzte Koordinator von Lhaka Honhat erst kürzlich an COVID-19 verstorben und die Organisation wird Zeit brauchen, sich neu aufzustellen.“

MISEREOR-Partnerorganisationen Asociana und CELS, die gemeinsam mit Lhaka Honhat und anderen Akteuren den Prozess am Pilcomayo-Fluss begleiten.


Demokratische Republik Kongo

Die Situation der autochthonen Twa (umgangssprachlich „Pygmäen“ ) ist geprägt von Diskriminierung, die teilweise in Gewalt mündet. Viele Twa-Gemeinschaften erfahren den Verlust ihrer Lebensgrundlage durch Vertreibung, als Folge leiden die Menschen teilweise Hunger.

Um den Hunger zu bekämpfen und für eine gesicherte Lebensgrundlage wird gemeinsam Gemüse angebaut. © Florian Kopp/ MISEREOR

„Wir nehmen die traditionelle Lebensweise der autochthonen Gemeinschaft, der Twa, als Jäger und Sammler auf und entwickeln daraus neue Einkommensmöglichkeiten. Auch gemeinschaftlicher Anbau von Gemüse trägt dazu bei, genügend Lebensmittel für die Gemeinde zu produzieren. Dabei spielen Grund- und Berufsbildung sowie das Recht, Land besitzen und nutzen zu können, eine essenzielle Rolle für ein selbstbestimmteres Leben. Darüber hinaus wirkt das Projekt als Wegbereiter für eine friedliche Koexistenz mit der Volksgruppe der Bantu.“

Abbé Edouard Makimba Milambo, Koordinator der Caritas Kongolo


Indien

Indigene, die sich in Indien als Adivasis bezeichnen, machen einen großen Anteil der Wanderarbeiter*innen aus, die von Gelegenheitsarbeiten leben und aufgrund fehlender Absicherung und schlechter Gesundheitsversorgung die Folgen der Pandemie besonders deutlich spüren. Zudem werden Adivasi-Gemeinschaften in ländlichen und Waldregionen immer wieder von Vertreibungen durch Wirtschaftskonzerne bedroht.

„Es gibt unzählige Fälle in denen sich Adivasi und andere Bevölkerungsgruppen gegen die Vertreibung von ihrem angestammten Land wehren. Doch nur selten gelingt es ihnen, sich den räuberischen Vorstößen großer Konzerne, staatlicher Behörden oder Regierungen wirksam zu widersetzen, trotz bestehender Gesetze zum Schutz der Rechte indigener Gemeinschaften. Die anhaltenden Konflikte, ausgelöst von den Wirtschaftskonzernen, reißen Risse in das soziale Gefüge der indischen Gesellschaft. Sie sind für die Vertriebenen gefährlich und Proteste und Klagen gegen diese Ungerechtigkeiten können Jahrzehnte dauern – häufig mit mäßigem Erfolg“.

MISEREOR-Partnerorganisation (Zum Schutz des Teams werden keine Namen genannt)


Philippinen

Die 12 Millionen Indigenen in den Philippinen leiden unter Armut, Marginalisierung und Diskriminierung. Ihr Zugang zu Grunddiensten wie Bildung und Gesundheit ist stark eingeschränkt. Aus wirtschaftlichen und politischen Interessen werden indigene Gemeinschaften ihre verbrieften Rechte verwehrt und ihres angestammten Landes beraubt. Als Reaktion auf ihr Eintreten für ihre Rechte werden sie immer öfters durch perfide Kriminalisierung und Verunglimpfung als Terroristen in ihrer Existenz bedroht. Die Pandemie hat die Situation der Indigenen weiter verschlechtert.

Für die Indigenen ist ihr angestammtes Land zentral für ihre Wirtschaften aber auch für ihre kulturelle Identität. Ca. 65% der verbleibenden Waldflächen befinden sich auf dem Land indigener Gemeinschaften. Indigene übernehmen wegen ihrer naturverbundenen Lebensweise wichtige Schutzfunktionen für Wälder, Wassereinzugsgebiete und Bioreservate. Indigene Governance-Strukturen und Ressourcenmanagement-Systeme spielen hier eine entscheidende Rolle und basieren auf einem reichen traditionellen Wissen, das aber droht, verloren zu gehen. Für den Erhalt des indigenen Wissens und die Berücksichtigung indigener Bildungsinhalte in dem formalen Bildungssystem setzen sich die Assisi Development Foundation (ADF) ein.

Bildung ist ein wichtiger Schlüssel für die Indigenen, um den Teufelskreis aus Diskriminierung und Armut zu durchbrechen. © MISEREOR

„Die Pandemie hat die Herausforderungen der indigenen-Gemeinschaften verstärkt. Ohne Geräte, Strom und Internetzugang in abgelegenen Gemeinschaften kann zum Beispiel kein digitaler Unterricht stattfinden. Und trotz allem – das zeigt mein Werdegang, aber auch der vieler anderer – wenn Indigene eine echte Chance und angemessene Unterstützung erhalten, können sie es schaffen und den Teufelskreis aus Diskriminierung und Armut durchbrechen.“

Kristine Mae Sumalinab, Indigene und frühere Programmteilnehmerin und Mitarbeiterin des MISEREOR-Projektpartners Assisi Development Foundation

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