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Afghanistan droht eine „humanitäre Katastrophe“

Nach der Machtübernahme der Taliban Mitte August und dem fluchtartigen Abzug der internationalen Truppen stehen Afghanistan dramatische Zeiten bevor. Es droht eine „humanitäre Katastrophe“, für die auch der „politische Westen“ eine Mitverantwortung trägt. MISEREOR und seine Partnerorganisationen stehen in dieser Zeit der Not weiterhin an der Seite der leidtragenden Menschen.

Afghanistan Frauen Burkha
Seit der Rückkehr der Taliban hat sich insbesondere die Situation von Frauen und Mädchen verschlechtert; an vielen Orten dürfen sie sich nur noch verschleiert in der Öffentlichkeit zeigen. © Amber Clay / Pixabay

Nach der Machtübernahme der Taliban Mitte August und dem fluchtartigen Abzug der westlichen Truppen ist die Lage in Afghanistan äußerst instabil. UN-Generalsekretär Guterres und Bundesentwicklungsminister Müller warnen vor einer „humanitären Katastrophe“ am Hindukusch. Und diese Warnung erscheint keineswegs als übertrieben: Mehr als die Hälfte der rund 38 Millionen Menschen sind bereits auf direkte Hilfen angewiesen. Lieferungen von Lebensmitteln, Medikamenten und anderen Nothilfen laufen nur schleppend.

„Gefahr des Bürgerkriegs“

„Neben der unmittelbaren Bedrohung durch politischen Terror droht den Afghan*innen eine Hungersnot und bittere Kälte im Winter“, analysiert der Leiter einer deutschen Hilfsorganisation, die seit Jahrzehnten in Afghanistan tätig ist und die Verhältnisse gut kennt. Weite Teile von Afghanistan werden bereits von einer Dürre heimgesucht. Etwa die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren in Afghanistan ist laut UN von Hunger bedroht. Darüber hinaus leiden die Menschen unter der rapide zunehmenden Arbeitslosigkeit. Ebenso steigt die Inflation. Hinzu kommt, dass sich die COVID-19-Pandemie geradezu ungebremst verbreitet – die Impfquote liegt bei 1 %. Und all die gravierenden Probleme Afghanistans werden verschärft durch erneut aufkeimende bewaffnete Konflikte in einigen Regionen: „Das Erstarken von Anti-Taliban-Milizen und Zivilist*innen, die zu den Waffen greifen, zeigt: Afghanistan könnte in einen Bürgerkrieg hineinschlittern“, so ein langjähriger, kirchlicher MISEREOR-Partner vor Ort zur aktuellen Lage.

„Rettungsleine“ der Staatengemeinschaft

Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, sieht das geschundene Land vor seiner vielleicht „schwersten Stunde“, in der die Menschen nicht im Stich gelassen werden dürfen. Er fordert von der Staatengemeinschaft eine „Rettungsleine“ und hatte aus diesem Grund eine internationale Geberkonferenz einberufen, bei der gut eine Milliarde Euro an Hilfsgeldern zugesagt wurden. Angesichts der bevorstehenden Herausforderungen kann dies auch für Bundesminister Müller nur der erste Schritt sein: Kurz vor der Genfer Konferenz hatte er ebenfalls zur Unterstützung Afghanistans aufgerufen und zur Bekämpfung von Hunger und Krankheit einen weltweiten UN-Hilfsfonds von zehn Milliarden Euro gefordert.

Kabul Afghanistan ungewisse Zukunft
UN-Generalsekretär Guterres sieht das geschundene Land vor seiner vielleicht „schwersten Stunde“, in der die Menschen nicht im Stich gelassen werden dürften. © Sohaib Ghyasi / Unsplash

Soforthilfe und Krisenprävention

Zudem setzt sich Müller für eine grundlegende Neuausrichtung der internationalen Hilfe ein – weg von der Krisenintervention hin zur Krisenprävention. „Es kann nicht sein, dass erst gestorben werden muss. Es gilt, vorsorgend zu investieren“, so Müller in einem Zeitungsinterview. „Diese Einsicht ist richtig und kommt doch reichlich spät“, kommentiert Thomas Kuller, Fachreferent für Friedensförderung bei MISEREOR. „Als Zivilgesellschaft setzen wir uns seit Jahren dafür ein, dass das internationale Engagement der Bundesregierung nicht nur auf Krisen reagiert, sondern vorausschauend agiert und diese zu verhindern sucht. Hier erhoffen wir uns von einer neuen Bundesregierung eine kohärentere Politik.“

Verhandlungen mit „gemäßigten“ Taliban nicht aufgeben

Zahlreiche Fachleute warnen vor einer Isolation des Taliban-Regimes. Trotz all der Gräueltaten und der politischen Risiken fordern sie, sich erneut auf die radikalislamischen Herrscher in Kabul einzulassen: „Die Taliban sind kein fester Block, es gibt sehr unterschiedliche Gruppierungen und einen teils sehr pragmatischen Umgang mit den eigenen Dogmen“, wie der Leiter einer deutschen Hilfsorganisation in Afghanistan versichert. Auch er betont, man solle versuchen, mit den eher aufgeschlossenen Fraktionen unter den neuen Machthabern in Austausch zu treten. Derzeit scheinen sich jedoch die fundamentalistischen Kräfte durchzusetzen.

Als Zivilgesellschaft setzen wir uns seit Jahren dafür ein, dass das internationale Engagement der Bundesregierung nicht nur auf Krisen reagiert, sondern vorausschauend agiert und diese zu verhindern sucht. Hier erhoffen wir uns von einer neuen Bundesregierung eine kohärentere Politik.

Thomas Kuller, Fachreferent für Friedensförderung bei MISEREOR

Weiterführende Bildung nicht für Mädchen

Seit der Rückkehr der Taliban hat sich insbesondere die Situation von Frauen und Mädchen verschlechtert. An vielen Orten dürfen sie sich ausschließlich verschleiert in der Öffentlichkeit zeigen, an Universitäten darf nur strikt nach Geschlechtern getrennt gelehrt werden. Mädchen sollen vorerst vom Unterricht an weiterführenden Schulen ausgeschlossen bleiben; dies verkündeten jüngst die Taliban. Sie riefen ausdrücklich „alle männlichen Lehrer und Schüler“ auf, wieder an die Schulen zurückzukehren. Einige MISEREOR-Partnerorganisationen, die sich der Bildung von Mädchen und jungen Frauen verschrieben haben, fürchten nun, dass sie ihre Aktivitäten gänzlich einstellen müssen.

Zukunft der Hilfsorganisationen vor Ort ungewiss

Afghanistan droht der ökonomische Kollaps. Da die Wirtschaft am Boden liegt und das Land auf Hilfe von außen angewiesen ist, sieht sich das Taliban-Regime immer mehr unter Zugzwang. Mittlerweile hat man Deutschland und andere Staaten um humanitäre Hilfe und Unterstützung beim Wiederaufbau gebeten. Die prekäre ökonomische Situation könnte auch die Haltung der Taliban gegenüber Hilfsorganisationen im Land beeinflussen. Das „wohlwollende Dulden“ könnte aktiver Unterstützung weichen. Die meisten Hilfsorganisationen, auch kirchliche, möchten ihre Arbeit in Afghanistan fortsetzen.

Kinder in Kabul Afghanistan 2020
Am 21. September, dem UN-Weltfriedenstag, sollten wir uns umso mehr für einen „gerechten Frieden“ einsetzen, der weit mehr ist als die Abwesenheit von direkter Gewalt. © Sohaib Ghyasi / Unsplash

Kein Frieden ohne politische Lösung

Die Bilder der verzweifelten Menschen am Flughafen von Kabul nach der Machtübernahme sind zum Sinnbild des gescheiterten Nation Building nach westlichen Vorstellungen in Afghanistan geworden. Dass der „politische Westen“ und auch Deutschland für die Tragödie in Afghanistan eine Mitverantwortung tragen, darauf hat Bundespräsident Steinmeier eindringlich hingewiesen. Eines ist sicher: Ohne eine umfassende politische Lösung gibt es keinen Frieden. Gerade am Weltfriedenstag der Vereinten Nationen sollten wir uns umso mehr für eine Vision des Friedens in Recht und Gerechtigkeit einsetzen. Für einen „gerechten Frieden“, der weit mehr ist als die Abwesenheit von direkter Gewalt.


Anmerkung: Die Namen der Partnerorganisationen und von deren Vertreter*innen werden aus Sicherheitsgründen hier nicht genannt.


Spenden für Afghanistan

MISEREOR unterstützt in Afghanistan aktuell zwölf Projekte, mit einem Gesamtvolumen von 7,5 Millionen Euro. Schwerpunkt der Hilfe ist die Förderung von Frauen, Gesundheits- und Bildungsprogrammen, ländliche Entwicklung und sowie Friedensförderung. Wir stehen in engem Kontakt mit unseren Projektpartnern. Sie setzen alles daran, an der Seite der Bedürftigen zu bleiben, insbesondere die Frauen und Mädchen zu schützen und die Bildungsprogramme für sie aufrechtzuerhalten. 


Weitere Informationen:

Derzeit unterstützt MISEREOR in Afghanistan zwölf Projekte mit einem Gesamtvolumen von 7,5 Millionen Euro. Schwerpunkt der Hilfe ist die Förderung von Frauen, Gesundheits- und Bildungsprogrammen sowie ländliche Entwicklung und Friedensförderung.

Geschrieben von:

Tobias Bader arbeitet als Online-Redakteur bei MISEREOR.

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