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Desmond Tutu – „Prophet der Nächstenliebe“ (1931 – 2021)

Im Alter von 90 Jahren ist der emeritierte Erzbischof Desmond Tutu in Südafrika gestorben. Die Welt gedenkt der Ikone des friedlichen Widerstands gegen die Apartheid, dem Menschenrechtsaktivisten und Friedensnobelpreisträger. An dieser Stelle würdigen MISEREOR-Partnerorganisationen und -Mitarbeitende sowie Weggefährten das Leben und Wirken des „Propheten der Nächstenliebe“.

Erzbischof Desmond Tutu Südafrika
Desmond Tutu war ein „Prophet der Nächstenliebe“, der furchtlos und freimütig zu den Mächtigen sprach. © Thomas Rost Stenerud / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Desmond Tutu war gewiss prophetischer Hoffnungsbringer, der die Vision von einem Südafrika nie aus den Augen ließ, in dem „allen Menschen die Würde zuteilwird, die ihnen als Geschöpfe nach dem Ebenbild Gottes zusteht.“ So würdigt Johan Viljoen, Direktor des Denis Hurley Peace Institute in Südafrika, den anglikanischen Geistlichen. Peter-John Pearson, Vorsitzender des Parlamentarischen Verbindungsbüros der Südafrikanischen Bischofskonferenz, fordert uns auf, den Blick zu bewahren für den Desmond Tutu, der die schwierigen Diskussionen zu Populismus und Nationalismus gesucht und mit klaren Worten geführt hat. Günter E. Thie, Länderreferent für das südliche Afrika bei MISEREOR (1982 bis 1995), erinnert an die Zusammenarbeit mit dem Kirchenrat in Südafrika und an die Begegnungen mit Tutu im Rahmen der Fastenaktion 1983 („Ich will ein Mensch sein“). Schließlich würdigt Günther Simmermacher, Herausgeber der katholischen Zeitschrift The Southern Cross, Tutu als „Propheten der Nächstenliebe“, der jedoch furchtlos und freimütig zu den Mächtigen sprach.

Johan Viljoen, Direktor des Denis Hurley Peace Institute in Südafrika:

In den 1980er Jahren war Südafrika ein rassistischer, militärisch geprägter Polizeistaat, von Gewalt und Unterdrückung gebeutelt, ohne jede Hoffnung. In der dunkelsten Episode der Geschichte unseres Landes wurde Desmond Tutu im Februar 1985 zum Bischof von Johannesburg ernannt. Obwohl er bereits seit vielen Jahren aktiv war und sich engagierte, war dies der entscheidende Moment, der ihm nationale und internationale Aufmerksamkeit brachte – in gewisser Weise der Beginn seines öffentlichen Wirkens. Ich werde diesen Moment nie vergessen. Furchtlos rief er das Reich Gottes aus; verkündete den Armen eine frohe Botschaft, den Zerschlagenen die Freiheit und den Gefangenen die Entlassung. Das erste Mal seit 25 Jahren gab es wieder Hoffnung für uns. Vielen von uns half er dabei, zu unserem Glauben zurück zu finden. Er öffnete uns die Augen für eine Vision von Südafrika, wo allen Menschen die Würde zuteilwird, die ihnen als Geschöpfe nach dem Ebenbild Gottes zusteht, wo es Gerechtigkeit für alle gibt und wo wir alle als Schwestern und Brüder leben können.

„Furchtlos rief er das Reich Gottes aus“

Es dauerte neun Jahre, bis diese Vision Wirklichkeit wurde. Und in den darauffolgenden Jahren wurde diese Vision wieder zerstört durch Korruption, wachsende Armut, Gewalt und xenophoben Hass. Heute sind wir mit anderen Herausforderungen konfrontiert. Doch der Glaube, die Liebe und die Hoffnung, die Desmond Tutu in unser Herz und unseren Geist gepflanzt hat, werden uns helfen, diese Herausforderungen zu überwinden und uns weiter für ein Land und eine Welt einzusetzen, die auf den Grundsätzen des Reiches Gottes basieren und wo Freiheit, Gerechtigkeit und Mitgefühl herrschen.


Peter-John Pearson, Vorsitzender des Parlamentarischen Verbindungsbüros der Südafrikanischen Bischofskonferenz:

Nach dem Tod von Erzbischof Tutu haben zahlreiche Menschen aus den verschiedensten Teilen der Welt über ihre Erinnerungen an ihn gesprochen: Sie erinnerten seine Lehren, seinen Kampf gegen die Ungerechtigkeit auf der Welt und seine weltweite pastorale Arbeit. Aber vor allem die vielen Hinweise auf seinen tiefen Glauben zeigten, dass es nicht so sehr sein ausgezeichnetes strategisches Können, sein gewieftes Verhandlungsgeschick sowie seine Fähigkeit, komplexe Sachverhalte erfassen und mithilfe seines scharfen Verstands und unprätentiösen Auftretens für andere zugänglich zu machen, waren, die sein Leben besonders machten, sondern vor allem die Art und Weise, wie er seinen Glauben lebte. Er praktizierte den Anglikanismus in der anglo-katholischen Tradition. Die tägliche Eucharistie und das Stundengebet waren wichtige Bestandteile seines Glaubens. Der Freitag war für ihn immer ein Tag der Stille und zu seinem Jahresprogramm gehörte eine einwöchige Einkehr in Stille.

Wir erweisen ihm keine Ehre, wenn wir Desmond Tutu als ‚netten alten Mann mit einem schallenden Lachen‘ in Erinnerung behalten.

Peter-John Pearson

„Er war viel mehr als der fröhlich lachende Prälat“

In den schlimmsten Zeiten der Apartheid war ich mit ihm auf einer Demonstration – wie alle Demonstrationen in dieser Zeit illegal. Viele Teilnehmende wurden verhaftet und in einem Polizeibus auf die Polizeiwache gebracht. Ich landete im selben Bus wie er und gemeinsam mit anderen Verhafteten forderte ich ihn dazu auf, seine Stimme zu erheben und sich dagegen zu wehren, dass der Polizeistaat friedliche Demonstranten festnehmen ließ. Doch er nahm nur sein Stundenbuch aus seiner Tasche, bekreuzigte sich und betete. Sehr bald wurde es still in dem Bus. Der Erzbischof hatte den Polizeibus in aller Stille in einen sakralen Raum verwandelt. Er konnte laute Orte in Orte des Gebets verwandeln, ebenso wie er stille Orte in Orte des Gesangs und des Lachens verwandeln konnte. Mit seinem unverwechselbaren „gackernden Lachen“ konnte er Menschenmengen zum Jubeln bringen und gefährliche Spannungen entschärfen.

„Betest Du regelmäßig?“

In Zeiten, als der Kampf gegen die Apartheid seinen Höhepunkt erreichte, fanden in seinem Haus regelmäßig frühmorgens Treffen statt. Bei diesen Treffen wurden Kampagnen geplant, man unterstützte sich bei der Durchführung und es wurden Verbindungen zu Machthabern in aller Welt geknüpft. Wenn ich an diesen Treffen teilnahm, traf ich ihn bei meiner Ankunft oft im Garten an, tief im Gebet versunken, so als hielte er sich an eine alte spirituelle Lebensweisheit, die besagt, dass man zuerst mit Gott sprechen muss, bevor man mit Menschen spricht. Ich hatte damals das Privileg, an mehreren Vormittagen mit ihm spazieren gehen zu können. Seine erste Frage an mich lautete immer: „Betest du noch regelmäßig?“. Sein Leben entsprach den Aussagen von Dietrich Bonhoeffer und Karl Rahner, laut derer das moderne Christentum durch ein Leben des tiefen Gebets und das Streben nach Gerechtigkeit geprägt ist. Erzbischof Tutu glich den Propheten beider Testamente oder den vielen Menschen, die im Laufe der Jahrhunderte ihren Glauben in schwierigen Zeiten gegen Widerstände bezeugt und gelebt haben und sich für Gerechtigkeit eingesetzt haben. Ebenso wie sie fühlte sich Tutu als Gläubiger verpflichtet, für Gerechtigkeit zu kämpfen.

„In Südafrika werden wir uns immer daran erinnern, dass The Arch am 26. Dezember gestorben ist, einem Feiertag in Südafrika, dem Day of Goodwill.“ (Foto: Pixabay)

Grenzenlose Freundschaft

Da die anglo-katholische Tradition in seinem Leben eine große Rolle spielte, fühlte er sich auch sehr eng mit der katholischen Kirche und den liturgischen Kirchen verbunden sowie mit der Welt der Liturgie und der Tradition. Die Gemeinschaft der Heiligen sowie gemeinsame Andachten waren sehr wichtig für ihn. Als anglikanischer Erzbischof schloss Desmond Tutu auch Freundschaften über die Grenzen seiner Konfession hinweg. Als sein Freund, der katholische Erzbischof Denis Hurley, aufgrund einer politischen Anklage im Zusammenhang mit den Sicherheitskräften in Namibia vor Gericht stand, änderte Erzbischof Tutu seine Reisepläne sofort. Er wollte seinen Freund vor Gericht unterstützen. Erzbischof Hurley erfuhr in dieser Situation viel Unterstützung, die vor allem in einer Kampagne mit dem Namen „Wir halten zu Erzbischof Hurley“ ihren Ausdruck fand. Erzbischof Tutu wurde zu einer wichtigen Stimme dieser Kampagne. Er nahm an der Amtseinführung und später der Beerdigung von Erzbischof Henry sowie an der Beerdigung von Erzbischof Naidoo teil, beides katholische Erzbischöfe von Kapstadt. Überall in Kapstadt gab es Gebetsstätten und Schreine, an denen Erzbischof Tutu gerne betete. Die Menschen nannten ihn the Arch – eine Abkürzung des englischen Begriffes the Archbishop für Erzbischof –, aber wenn sie direkt mit ihm sprachen, nannten sie ihn alle nur „Vater“.

Gerade jetzt muss der Gehalt von Tutus deutlichen Worten wieder in den Vordergrund gerückt werden: Themen wie Gerechtigkeit und die grundlegende Option für die Armen müssen öffentlich diskutiert und dem Engagement für Benachteiligte muss ein hoher Stellenwert beigemessen werden.

Peter-John Pearson

Unvollendete Schlachten

Jetzt, nach seinem Tod, versuchen einige, seine Person auf einen fröhlichen, lachenden Prälaten zu reduzieren, der Sinn für Gerechtigkeit hatte und niemanden fürchtete. Es ist aber wichtig, dass diese Darstellung seiner Person nicht dazu führt, dass die schwierigen und komplexen Diskussionen, die er geführt hat, verschleiert werden. Vor allem heutzutage, wo wir in einer Welt leben, in der populistische und nationalistische Strömungen immer mehr an Macht gewinnen und gesellschaftliche Pathologien der verschiedensten Ausprägungen toleriert werden. Gerade jetzt muss der Gehalt seiner härteren Worte wieder in den Vordergrund gerückt werden. Die von ihm angesprochenen Themen wie Gerechtigkeit, die grundlegende Option für die Armen, etc. müssen öffentlich diskutiert werden und der Einsatz für benachteiligte Bevölkerungsgruppen muss einen hohen Stellenwert haben. Wir erweisen ihm keine Ehre, wenn wir ihn als „netten alten Mann mit einem schallenden Lachen“ in Erinnerung behalten. Er stand für mehr als das, war sehr tiefgründig und hat uns unvollendete Schlachten hinterlassen, die wir, inspiriert durch ihn und unzählige andere, gewinnen müssen.

Narrativ des guten Willens

In Südafrika werden wir uns immer daran erinnern, dass er am 26. Dezember gestorben ist, einem Feiertag in Südafrika, dem Day of Goodwill (Tag des guten Willens). Sein Leben, sein Glaubenszeugnis, sein Gebet und seine öffentlichen Meinungsbekundungen trugen auf wertvolle Art und Weise dazu bei, ein neues Narrativ des guten Willens und der guten Tat in Südafrika zu entwerfen, welches uns daran erinnert, was wir noch alles tun müssen, damit dieses Narrativ zur Wirklichkeit wird. Wir ehren diesen Glaubenslehrer am besten, wenn unser Einsatz für den guten Willen und gute Taten auf Werten basiert wie Gerechtigkeit, Achtung der Menschenwürde und Förderung von Demokratie.


Günther E. Thie, Länderreferent für das südliche Afrika von 1982 bis 1995 bei MISEREOR:

Desmond Tutu war – gemeinsam mit Nelson Mandela – einer der wichtigsten Architekten des neuen Südafrika. Was die beiden Friedensnobelpreisträger einte, war ihre Fähigkeit, moralische Orientierung vorzugeben. Unter dem Apartheidregime hat Tutu die „Rassentrennung“ mit Verve als unmoralisch und als unvereinbar mit Gottes Wort gegeißelt. Auch MISEREOR hat durch die Fastenaktion 1983 („Ich will ein Mensch sein“) und die aktive Unterstützung des ökumenischen Kirchenrates in Südafrika am Kampf gegen das Apartheidregime teilgenommen.

„Ich will ein Mensch sein“: Fastenaktion 1983 mit Südafrika

Als ich 1982 als Referent die Zusammenarbeit für Südafrika in der Vorbereitung der Fastenaktion 1983 („Ich will ein Mensch sein“) von Agnes Bieling übernahm, hatten bereits lange aktive Kontakte zum South African Council of Churches (SACC) bestanden. Diese ökumenische Zusammenarbeit war im Haus jedoch noch nicht wirklich akzeptiert, nicht zuletzt wegen des Anti-Apartheid-Programmes des Weltkirchenrates. Es war „Kalter Krieg“ und Anti-Apartheid-Aktivitäten galten damals Vielen in der Bundesrepublik als „kommunistisch“. Erst die mühsame Durchsetzung der Fastenaktion 1983 mit großem Einsatz von Prälat Herkenrath und das langsam wachsende Verständnis, dass Menschenrechtsarbeit zur Entwicklungszusammenarbeit gehört, erlaubten die eindeutige Positionierung von MISEREOR – trotz massiven politischen Widerstandes, u.a. aus den Reihen der CDU / CSU. Die Regierung von Südafrika ließ gar ihren Botschafter die deutschen Bischöfe aufsuchen, um gegen die Fastenaktion vorzugehen.

Eröffnung der Fastenaktion 1983, der 25. Fastenaktion MISEREORs, mit dem Titel „Ich will ein Mensch sein“ in Fulda: „Sounds of Soweto“, eine Gruppe südafrikanischer Exilkünstlerinnen und -künstler, zeigt in eindrucksvollen Szenen die Auswirkungen von Rassentrennung und Unterdrückung auf die schwarze Bevölkerung in Südafrika. © KNA-Bild/MISEREOR
Eröffnung der Fastenaktion 1983, der 25. Fastenaktion von MISEREOR („Ich will ein Mensch sein“) in Fulda: „Sounds of Soweto“, eine Gruppe südafrikanischer Exilkünstler*innen, zeigt in eindrucksvollen Szenen die Auswirkungen der Apartheid in Südafrika. © KNA-Bild / MISEREOR

Erste Begegnung mit Tutu

Wenngleich es keine direkte Förderung von Projekten des SACC durch MISEREOR gab, fanden jedoch persönliche Konsultationen wegen prominenter Kenntnis der Lage dort statt, insbesondere bezogen auf die religiöse und kirchliche Situation. Also besuchte ich auf meiner ersten Projektreise – für die mir lange Zeit das Visum verweigert wurde – und den folgenden Projektreisen nach Südafrika den Kirchenrat und übergab zudem das Material der Fastenaktion 1983 mit dem Hungertuch aus Haiti. Dabei führte ich auch Gespräche mit dem Generalsekretär Desmond Tutu. Diese Begegnung war mein erster Kontakt mit ihm.

Gegen die religiöse Begründung der Apartheid

Der Leiter der Abteilung Justice and Peace, Dr. Wolfram Kistner, der auch die deutsche Situation kannte, war all die folgenden Jahre dann ein wichtiger Partner im Hintergrund, um die örtliche Situation einigermaßen zu verstehen und bei der Förderung zu berücksichtigen. Auf Desmond Tutu folgte als Generalsekretär des SACC der gerade 1984/85 aus der Bannung seitens der Regierung freigelassene Dr. Christiaan Frederick Beyers Naudé. Jener weiße Theologe der Niederländisch-reformierten Kirche, der 1960 auch in Reaktion auf das Massaker von Sharpville mit der religiösen Begründung der Apartheid brach und konsequent gegen dieses Unrecht vorging. Ihm wiederum folgte als Generalsekretär des SACC der schwarze Theologe Frank Chikane. Dies waren wichtige Gesprächspartner all die Jahre und begleiteten und verfolgten sehr intensiv die Projektförderungen seitens MISEREOR.

Tutu drängte auf Sanktionen

Es gab viele parallele Vorgehensweisen, die unsererseits mit dem Vorsitzenden der südafrikanischen Bischofskonferenz SABC, Erzbischof Denis Hurley, abgestimmt waren. Dies war der Kontext, in dem ich zunächst zwei- oder dreimal mit Desmond Tutu persönlich zusammentraf. In der Arbeitsgruppe zum südlichen Afrika (Southern Africa Working Group) des Dachverbandes katholischer Entwicklungsorganisationen aus Europa und Nordamerika, CIDSE, gab es zusammen mit anderen NGOs heftigen Widerstand gegen die Pläne der EU, in Südafrika noch während der Apartheid eine Botschaft einzurichten. Erzbischof Tutu versuchte gemeinsam mit Dr. Beyers Naudé, Frank Chikane, Alan Boesak und Erik Molobi die EU zu Sanktionen zu bewegen, doch dies gelang nicht.

MISEREOR unterstützte politische Arbeit gegen Apartheid

Aus diesen Initiativen entstand – auch mit starker Unterstützung der 1984 von Dr. Jan Nico Scholten (Niederlande), Hon. Donald Anderson (Vereinigtes Königreich) and Treasurer Pär Granstedt (Schweden) gegründeten Association of West-European Parliamentarians for Action against Apartheid (AWEPA) – das Special Programme for Victims of Apartheid der Europäischen Kommission. Diesem sollten auf südafrikanischer Seite drei Empfängergruppen entsprechen (Zivilgesellschaft, Kirchenrat und katholische Bischofskonferenz). MISEREOR konnte direkt mit der Bischofskonferenz Projekte fördern, u. a. die von schwarzen Südafrikanern herausgebrachte Zeitung New Nation, deren MISEREOR-Förderung durch politische Intervention aus Bayern große Probleme für das Haus bedeutet hatten.

Erzbischof Desmond Tutu Kagiso Trust
Erzbischof Desmond Tutu und Dr. Beyers Naudé während einer Sitzung des Kagiso Trust mit der EU in Brüssel. © Kagiso Trust

Kagiso Trust: regelmäßige Beratungen mit der EU

Fr. Smangaliso Mkhatshwa, der schwarze Generalsekretär der SACBC, hatte die Zeitung gegründet. Er war auch Trustee des Kagiso Trust (der Trust wurde 1985 in einer Zeit intensiver Kämpfe in Südafrika gegründet, u. a. von Erzbischof Tutu. Im Kampf gegen die Apartheid unterstützte der Trust Entwicklungsinstitutionen und -initiativen in einer Reihe von Sektoren). Es gab dann enge Zusammenarbeit des SACC mit dem Kagiso Trust.  Zwischen der EU und dem Kagiso Trust, zugleich den beiden Kirchen, fanden regelmäßige Beratungen statt, in deren Rahmen ich, auch als Vorsitzender der CIDSE-Gruppe „Südliches Afrika“, immer wieder direkt mit Erzbischof Tutu persönlich zusammentraf, der im Trust eine tragende Rolle spielte neben Dr. Naudé und Eric Molobi (Black Consciousness Movement).

MISEREOR mit umfangreichen Kooperationen

Es waren Tage höchster Konzentration und politischen Denkens, zugleich mit eben der weltweit gerühmten Art und Weise von Erzbischof Tutu. Sein Humor und seine Überzeugung ermöglichten eine wirkliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Die Abende und Pausen waren herzerfrischend und sehr persönlich, „man kannte sich“! Wodurch die doch regelmäßigen Treffen auf den Projektreisen in Südafrika selbst nur gewonnen haben. Begonnen mit 5 Millionen ECU, der damaligen Europäischen Währungseinheit, wurden von 1985 bis 1993 insgesamt 671 Projekte im Umfang von 336 Millionen ECU gefördert, manche davon auch durch MISEREOR.

Mandela im EU-Parlament

Es war dann auch ein Ergebnis dieser Arbeiten, dass Nelson Mandela am 14. Juni 1990 die europäischen NGOs im Europäischen Parlament in Strassburg traf: „The role of the NGOs in the struggle against apartheid has been crucial”. Vorher hatten der Kagiso Trust und die NGOs sich dort vorbereitend getroffen. Auch dies waren sehr persönliche Treffen mit Nelson Mandela als stellvertretender Präsident des ANC und dem damaligen ANC-Präsidenten, Thabo Mbeki. Ich/wir konnten wichtige Fragen stellen, die uns auch den realen Zustand des ANC und die Diskrepanzen der Beiden wahrnehmen ließen, die sich ja im Laufe der Jahre politisch nicht gerade positiv ausgewirkt haben.


Günther Simmermacher, Herausgeber von „The Southern Cross”, katholische Zeitschrift des südlichen Afrikas:

Desmond Tutu war der charismatischste unter einer Reihe von starken christlichen Führern im Kampf gegen die Apartheid. Da er Erzbischof von Kapstadt und damit der anglikanische Primas im südlichen Afrika war, konnte das Regime ihn nicht gefangen nehmen oder hinrichten. Dieser Schutz, den sein Amt ihm verlieh, ermöglichte es ihm, auf lokaler und internationaler Ebene öffentlich seine Meinung kund zu tun – umso mehr, nachdem ihm 1984 der Friedensnobelpreis verliehen worden war.

Führende Stimme und Mahner

Der Kampf gegen die Apartheid wurde von einer Allianz angeführt, die unterschiedlicher nicht hätte sein können. Geistliche und kommunistische Führer (und Menschen anderer Ideologien) liefen Seite an Seite (wobei der katholische Erzbischof Denis Hurley sehr darauf bedacht war, nicht unter einer kommunistischen Flagge gesehen zu werden). Diese verschiedenen Hintergründe und Positionen hatten Einfluss darauf, wie die Menschen den Kampf gegen die Apartheid führten. Die Geschichte lehrt uns, dass die christliche Position, die ohne Gewaltanwendung Freiheit und schließlich Versöhnung erreichen wollte, den größten Einfluss hatte. Dieser christliche Einfluss bestand auch vor Tutu schon, doch als das Regime in den 1980er Jahren in sich zusammenfiel, war Tutu die führende Stimme, die die Menschen immer wieder ermahnte, diese Grundsätze einzuhalten, und gleichzeitig das Regime verurteilte.

Der Nobel Square in Kapstadt, Südafrika, zeigt die vier Friedensnobelpreisträger des Landes, Albert John Luthuli, Desmond Tutu, Frederik Willem de Klerk sowie Nelson Mandela. © Harvey Barrison / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

„Der Erzbischof kniet“

Tutu richtete sein ganzes Leben und Wirken nach dem Gebet aus. Es heißt, dass er sechs Stunden am Tag betete. Unterbrechungen waren nicht erlaubt; Besucher*innen wurden fortgeschickt mit den Worten: „Der Erzbischof kniet.“ Die vielen Stunden im Gebet gaben ihm das Vertrauen, dass er das tat, was Gott ihm aufgetragen hatte. Sie führten auch dazu, dass er manches im Alleingang machte, was selbst von seinen engsten Verbündeten teilweise kritisiert wurde. Doch wie der katholische Erzbischof von Johannesburg, Buti Tlhagale OMI, einmal sagte: „Wo findet man in der Bibel einen Propheten, der erst andere um Rat bittet, bevor er spricht?“

Freimütiger Prophet

Denn das ist es, was Tutu war: ein Prophet. Einer, der freimütig zu den Mächtigen sprach, freimütig zu seinen Feinden und freimütig (und tröstend) zu seinen Freunden, immer im Dienste Gottes und seines Volkes. Vor allem aber war er ein Prophet, der uns lehrte, unsere Nächsten zu lieben – auch und insbesondere, wenn wir sie verachten. Diese Liebe ist die Grundlage für Südafrikas beispielhafte Vergebung, Versöhnung und Freiheit (so unvollkommen sie sind, sind sie noch immer beispielhaft). Derzeit droht dieser grundlegenden christlichen Tugend der Untergang durch politische Machenschaften, die Verweltlichung und Polarisierung der Gesellschaft und die Unfähigkeit der meisten christlichen Führer, mit gutem Vorbild voranzuschreiten.

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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