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„Wir haben es satt“: Sojaanbau im globalen Süden für unseren Fleischkonsum

„Wir haben Agrarindustrie satt!“ Seit 2011 geht dieses Bündnis zum Auftakt der weltgrößten Agrarmesse „Grüne Woche“ in Berlin für bäuerliche Betriebe und eine ökologischere Landwirtschaft auf die Straße. Dahinter stehen Bäuerinnen und Bauern, konventionell und bio, von Tierhaltung bis Ackerbau, Lebensmittelhandwerker*innen, Natur-, Umwelt- und Tierschützer*innen, Aktive der Entwicklungszusammenarbeit sowie engagierte Jugendliche und kritische Bürgerinnen und Bürger. Pandemiebedingt muss die #WHES22-Demo in diesem Jahr ausfallen. Dennoch wird das Bündnis, zu dessen Trägerkreis auch MISEREOR zählt, den Startschuss für eine neue Agrarpolitik geben – und zwar online, mit einem Staffel-Lauch für die Agrarwende. Anlässlich der geforderten Agrarwende haben wir Regine Kretschmer, Referentin für ländliche Entwicklung bei MISEREOR, einige Fragen zum Agro-Business, zum Sojaanbau in Südamerika und zum Einsatz von Pestiziden vor Ort gestellt.

Wir haben es satt! Neustart Agrarpolitik

Regine, Du hast 20 Jahre in Südamerika gelebt und konntest durch Deine Arbeit mit Bauern und Bäuerinnen sowie Indigenen in Paraguay die Expansion des Sojaanbaus und die Auswirkungen auf die ländliche Bevölkerung aus nächster Nähe mitverfolgen. Welche Folgen hat die drastische Expansion des Sojaanbaus dort, insbesondere für die ländliche Bevölkerung?

Regine Kretschmer: Seit Anfang des Jahrhunderts expandiert gentechnisch veränderte Soja massiv in Lateinamerika. Heute dominiert die Soja einen Großteil der Landschaften ins Südamerika. Sojaanbau impliziert eine industrielle Landwirtschaft, mit riesigen Flächen von Monokulturen, Maschinenparks und Agro-Chemikalien. Soja bedeutet also einen massiven Einsatz von Pestiziden, die zu der Zerstörung der Lebensgrundlagen der Menschen und letztlich ihrer Vertreibung aus ihren Dörfern führt. Schockierend ist, dass über 30% der angewendeten Pestizide, die etwa in Brasilien und Argentinien eingesetzt werden, in der EU verboten sind! Wir haben es hier mit Doppelstandards zu tun.

Die Gemeinden in Südamerika werden von Soja geradezu „umzingelt“, ihre Felder und Häuser mit giftigen Pestiziden besprüht. Kinder müssen auf ihrem Weg zur Schule inmitten von Sojafeldern laufen, auf denen konstant große Mengen an Pestiziden ausgebracht werden. Sie werden krank, die Felder liefern nach einiger Zeit nur noch mickrige Ernten. Die Umweltauflagen sind in Südamerika sehr niedrig und werden immer weniger kontrolliert und daher kaum befolgt. Viele Gemeinden haben bei den Behörden Beschwerde gegen diese Verletzungen der Menschen- und Umweltrechte eingereicht, meist ohne Erfolg. Die Leute wollen kein Glyphosat und andere Pestizide!

Regine Kretschmer, Referentin für ländliche Entwicklung bei MISEREOR, zum Sojaanbau in Südamerika und zum Einsatz von Pestiziden.

Und was hat das mit uns zu tun?

Regine Kretschmer: Die Bauern und Bäuerinnen in Paraguay haben mich immer gefragt: ‚Was machen eigentlich die Europäer mit so viel Soja?‘ Die deprimierende Antwort: „Ein Großteil wird verfüttert – an Masttiere!“ Hinzukommt, dass über 80 Prozent der Futterimporte in Deutschland aus gentechnisch veränderter Soja stammt. Wir müssen also fragen: Was bedeutet unser Fleischkonsum und der Sojaanbau für die Menschen in Lateinamerika?

Wie sieht die Situation in den betroffenen Anbaugebieten aus? Welche ökologischen Schäden gehen einher mit dem Anbau von Soja?

Regine Kretschmer: Wo früher Indigene, Bäuerinnen und Bauern lebten, wird heute Soja angebaut. Inmitten der Felder stehen verlassene Schulgebäude und Wassertanks als Zeugen, dass sich hier ganze Dörfer befanden. Soja bedeutet außerdem Raubbau an der Natur und Umweltzerstörung: Abholzung von Urwäldern, Vergiftung von Böden und Gewässern, Verlust der Biodiversität und die Verschärfung der Klimakrise insgesamt. Außerdem gehen mit dem Anbau von Soja Landnahme und Vertreibung einher, die Ausübung von Gewalt spielt hier eine wichtige Rolle. Während der Pandemie haben Abholzung, Gewalt, Vertreibung und Landaneignung sogar noch zugenommen. In Paraguay zum Beispiel werden fast jede Woche zwei Dörfer geräumt, um Platz für weitere Sojafelder zu machen. Um den Widerstand der Menschen zu brechen, werden sie stigmatisiert und von der Justiz verfolgt. Auch Anwälte und Wissenschaftlerinnen werden zunehmend unter Druck gesetzt, angeklagt oder bedroht. Der Sojaanbau ist der zentrale Auslöser für die immer stärkere Landkonzentration.

MISEREOR gehört zum Trägerkreis der „Wir-haben-es-satt-Proteste“ und fordert gemeinsam – in einem breiten Netzwerk zahlreicher Organisationen und Verbände –, jetzt ernst zu machen mit einer echten Agrarwende. Wie siehst Du das?

Regine Kretschmer: Die Agrarwende müssen wir gemeinsam mit dem globalen Süden in Angriff nehmen. Denn insbesondere die Bäuerinnen und Bauern und die Indigenen im globalen Süden erleiden die Konsequenzen unserer nicht nachhaltigen Lebensweise. Als Teil der Agrarwende geht es auch darum, Megakonzerne zu entflechten und Agro-Gentechnik kritisch zu hinterfragen – bei uns, aber auch und gerade in den großen Anbaugebieten in Südamerika – und Regulierungen für den Export einzufordern. Wir stehen für eine integrale, agrarökologische und solidarische Landwirtschaft, hier in Deutschland und im globalen Süden.

Um beim Sojaanbau zu bleiben: Sojaanbau in dieser Form bedeutet Zerstörung der Umwelt, Landkonzentration, Gewalt und Vertreibung. Dem Agro-Business wird immer mehr Macht eingeräumt, Korruption in staatlichen Institutionen wie Umwelt- und Landbehörden, in der Verwaltung und der Justiz greift immer stärker um sich. Auf der anderen Seite gibt es immer weniger Raum für Mitspracherecht und demokratische Teilhabe. Wir sprechen auch von Shrinking Spaces. Diese Entwicklungen müssen gestoppt werden und wir müssen dazu einen Beitrag leisten. Daher ist mein Appell an Euch: Denkt über die Konsequenzen Eures Fleischkonsums nach. Erkundigt Euch, woher das Futter der Tiere kommt. Kauft Lebensmittel von den Bauern und Bäuerinnen in Eurer Umgebung und aus dem „Hofladen Eures Vertrauens“. Essen ist politisch! Fordert mit uns, Ernährungssouveränität, ökologischen Anbau und die Agrarwende insgesamt jetzt politisch durchzusetzen.

Geschrieben von:

Tobias Bader arbeitet als Online-Redakteur bei MISEREOR.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Bedauerlich, dass sich Misereor von Anti-Bauern-NGOs vor den Karren spannen lässt. Der Artikel strotzt vor Widersprüchen und Fehlern. Soja wird nicht an Tiere verfüttert, sondern Soja-Schrot, ein Abfallprodukt, das damit Verwertung findet. Grüne Gentechnik ist eine Chance, die hilft, Pflanzenschutzmittel einzusparen. Weil das meiste Soja aus den USA stammt und dort gentechnisch optimiert wurde, bleibt für Importeure nichts anderes übrig als Soja aus Südamerika einzuführen.
    Und vieles weitere.

    Statt Geld für eine Demo in Berlin gegen die heimischen Bauern auszugeben, sollte Misereor seine Spenden lieber sinnvoll für die Menschen ausgeben.

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