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Aufbruch in El Salvador? Seligsprechung des Jesuiten Grande 30 Jahre nach dem Bürgerkrieg

Vor 30 Jahren beendete der Friedensvertrag von Chapultepec in El Salvador einen grausamen Bürgerkrieg sowie Jahrzehnte militärischer Vorherrschaft. Er ebnete zugleich den Weg für die Demokratie. Doch bis heute beherrschen Armut, soziale Ungleichheit und Gewalt das kleinste Land Zentralamerikas. Auch die hart erkämpften und mühsam aufgebauten demokratischen Strukturen sind erneut in akuter Gefahr. Ausgerechnet in diese Krisenzeit fällt die Seligsprechung des Jesuiten Rutilio Grande, der sich leidenschaftlich für die Armen und Marginalisierten in El Salvador engagierte. Und damit auch zur wichtigen Inspiration für den 1980 ermordeten heiligen Erzbischof Óscar Romero wurde. Können von der Seligsprechung am 22. Januar 2022 Impulse für einen gesellschaftlichen Aufbruch ausgehen?

Ein Wandbild in El Salvador zeigt die Geistlichen Romero und Grande: Die Seligsprechung Grandes (Bildmitte rechts oben) wird am 22. Januar 2022, nur wenige Tage nach dem 30. Jahrestag des Friedensschlusses und nur wenige Meter entfernt vom Grab Óscar Romeros, stattfinden. (Laurel Marshall Potter, privat)

Unter den bewaffneten Konflikten, die im 20. Jahrhundert in Lateinamerika ausgetragen wurden, gilt der Bürgerkrieg in El Salvador (1980-1992) zwischen dem rechten Militärregime und der linken FMLN-Guerilla als besonders grausam. Vor allem dem Militär, unterstützt durch die USA, werden zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung und systematische Folter angelastet. Die erschütternde Bilanz nach zwölf Jahren Bürgerkrieg waren der Verlust von 80 000 Menschenleben sowie Millionen Vertriebene. Der Friedensvertrag von Chapultepec vor 30 Jahren, am 16. Januar 1992, setzte den blutigen Kämpfen ein Ende und sollte den Weg ebnen für den Wiederaufbau des Landes und eine demokratische Gesellschaft.

Den Menschen fehlen Perspektiven

An den gesellschaftlichen Verhältnissen hat sich in dieser Zeit allerdings kaum etwas geändert: Nach wie vor beherrschen Armut, soziale Ungleichheit und Gewalt El Salvador. Seit Jahrzehnten schon verlassen massenhaft Menschen das kleinste Land Zentralamerikas auf der Suche nach einem besseren Leben. Immer mehr fliehen auch vor der Bedrohung durch gewalttätige Jugendbanden und korrupte Sicherheitskräfte. Besonders jungen Menschen fehlt es in der Heimat an Perspektiven. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Da die landwirtschaftliche und industrielle Produktion bei weitem nicht den Bedarf der Bevölkerung decken kann, ist das dichtbesiedelte Land weitestgehend von teuren Importgütern und Rücküberweisungen der knapp zwei Millionen salvadorianischen Migrant*innen abhängig. Außerdem hat El Salvador massiv mit den Folgen der globalen Klimakrise zu kämpfen. Wirbelstürme und Überschwemmungen zerstörten in den letzten Jahren vermehrt die ohnehin prekäre Lebensgrundlage der Menschen.

El Salvador Ende des Bürgerkrieges 1992
Die Menschen in El Salvador feiern 1992 das Ende des Krieges. © Flickr / Joseph Morris (CC BY-NC-ND 2.0)

Präsident Bukele: vom Hoffnungsträger zum „coolsten Diktator der Welt“

Der 2019 zum Präsidenten gewählte junge und charismatische Nayib Bukele war zunächst ein Hoffnungsträger. Er versprach die extreme Spaltung und Polarisierung in der Gesellschaft zu überwinden, das Land zu modernisieren und die Korruption zu bekämpfen. Die Halbzeitbilanz seiner Regierung ist jedoch besorgniserregend. Bukele hat demokratische Mechanismen systematisch ausgehebelt und hat heute de facto die absolute Kontrolle – sowohl über das Parlament als auch über die Rechtsprechung des Landes. Kritische Stimmen bringt er zum Schweigen. Auch MISEREOR-Partner berichten mit großer Sorge über die systematische Bedrohung und Verfolgung von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen. Unabhängige Medien werden ausspioniert und in ihrer Arbeit behindert. Aufgrund von geschicktem Marketing und schillernder Präsenz in den sozialen Netzwerken hat Bukele dennoch nach wie vor hohe Zustimmungswerte in der Bevölkerung.

Für soziale Gerechtigkeit und gegen Ausbeutung

In diese Krisenzeit fällt die Seligsprechung des salvadorianischen Armenpriesters Rutilio Grande. Der Jesuit war 1977 ermordet worden. Er hatte sich gegen den Machtmissbrauch durch die Militärdiktatur in seinem Land gestellt und sich stets für die Entrechteten und arm gemachten Menschen engagiert. Immer wieder verurteilte Grande öffentlich die Ausbeutung von Landarbeiter*innen und brachte damit die Großgrundbesitzer gegen sich auf.

Grande und Romero: Bedrohung für die Junta

Die Ermordung Grandes gilt zudem als Weckruf für den 2018 heiliggesprochenen Óscar Romero, den damaligen Erzbischof von San Salvador. Romero hatte sich – bewegt vom Martyrium seines engen Freundes Grande – zu einem prominenten Verfechter der Befreiungstheologie gewandelt. Fortan setzte er sich vehement für die „Option für die Armen“ ein. Die Junta hingegen sah sich immer mehr in ihrer Macht bedroht. Und am 24. März 1980 wurde Romero von einem Scharfschützen getötet. Die Verantwortlichen für die Ermordung kamen aus den Reihen des Militärregimes. Es war die Ermordung Romeros, die den Beginn des Bürgerkriegs in El Salvador markierte.

Flagge El Salvador auf Mauer
An den gesellschaftlichen Verhältnissen hat sich seit dem Bürgerkrieg kaum etwas geändert: Nach wie vor beherrschen Armut, soziale Ungleichheit und Gewalt El Salvador. © David Peterson / Pixabay

Seligsprechung: Zeichen des Aufbruchs?

Die Seligsprechung Rutilio Grandes wird am 22. Januar 2022, vor der Kathedrale von San Salvador, nur wenige Tage nach dem 30. Jahrestag des Friedensschlusses und nur wenige Meter entfernt vom Grab Óscar Romeros, stattfinden. Damit birgt die religiöse Zeremonie zweifelsohne eine große Symbolik, die weit über das Religiöse hinausweist. Der MISEREOR-Partner Kardinal Gregorio Rosa Chávez, der in Vertretung von Papst Franziskus der Seligsprechung vorstehen wird, ist selbst Zeitzeuge von Óscar Romero und Rutilio Grande und sich diesem Zusammenhang bewusst: „Der Geist und die Errungenschaften des Friedensvertrages sind in einer tiefen Krise. Die demokratischen Institutionen sind in ernsthafter Gefahr. Wir müssen wieder zu der Vision zurückkehren, die der Friedensvertrag von 1992 von unserem Land entworfen hat“, sagte er vor wenigen Tagen auf einer Pressekonferenz.

Nie wieder Diktatur“

An einer Rückkehr zur Vision des Abkommens von 1992 hat Präsident Bukele allerdings wenig Interesse. Die Vergangenheit ist für ihn überwunden und den Bürgerkrieg sowie den Friedensvertrag sieht er als Farce seiner einstigen politischen Kontrahenten. Daniela Brunet, Leiterin der MISEREOR-Partnerorganisation Equipo Maíz aus San Salvador, widerspricht dem vehement: „Der Friedensvertrag hat für unser Land das Ende einer blutigen Epoche und von 60 Jahren Militärdiktatur bedeutet. Heute, zum 30. Jahrestag müssen wir daran erinnern und als Gesellschaft gemeinsam aktiv dafür eintreten, dass es in El Salvador nie wieder eine Diktatur gibt.“

Präsident von El Salvador Nayib Bukele Pressekonferenz
An einer Rückkehr zur Vision des Abkommens von 1992 hat Präsident Bukele wenig Interesse; die Vergangenheit ist für ihn überwunden und den Friedensvertrag sieht er als Farce seiner einstigen politischen Kontrahenten. © U.S. Department of State / flickr (gemeinfrei)

Für P. Edwin Hernríquez, MISEREOR-Partner und Leiter der Caritas San Salvador, hat die Erinnerung an den historischen Friedensschluss auch direkt mit dem Erbe Rutilio Grandes zu tun. „Der Frieden ist ein Zusammenleben von Brüdern und Schwestern in gegenseitiger Achtsamkeit und Verantwortung. Grande träumte von einem Mahl an einem gemeinsamen Tisch, an dem es Platz für alle Salvadorianerinnen und Salvadorianer gab, an dem jede und jeder seine Mission hatte und es für alle genug zu essen gab.“ Ob die beiden bevorstehenden Feierlichkeiten, entgegen aktueller Tendenzen, wirklich den Impuls geben können für einen Aufbruch in eine Gesellschaft, in der es einen Platz und Perspektiven für alle gibt, wie es der Traum Rutilio Grandes war, bleibt abzuwarten und zu hoffen.


Unterstützen Sie die Rutilio Grande Stiftung von MISEREOR: Rutilio Grande Stiftung | Helder Camara Stiftung (helder-camara-stiftung.de)

Geschrieben von: und

Benjamin Schwab ist Referent für Zentralamerika (El Salvador, Guatemala, Honduras und Nicaragua) und Menschenrechte bei MISEREOR.

Tobias Bader arbeitet als Online-Redakteur bei MISEREOR.

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