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Hoffnung für Schwangere und junge Mütter im Nordosten von Kenia

Ein mulmiges Gefühl hatte ich schon, als klar wurde, dass wir bei unserem Projektbesuch tagelang nicht erreichbar sein würden. Im Juni dieses Jahres reiste ich mit meiner Kollegin Hughlene Fortune nach Nordkenia. Was ich dort erlebte, wird mich den Rest meines Lebens nicht mehr loslassen.

Hughlene Fortune in der Basistation des mobilen Krankenhauses in Barpello im Nordosten Kenias. © Jung | Misereor

„Ganz ohne Telefon oder Internet? Drei Tage lang?“, fragte mich meine Mutter besorgt. Gut, dass Martin Wamai, der Projektleiter der Diözese Nakuru, uns erst vor Ort eröffnete, dass wir bei Regen sogar noch länger eingekesselt sein würden – ohne jeden Kontakt nach außen. Was für ein Unterschied zur Lebenswirklichkeit hierzulande, wo manche Menschen keine zehn Minuten durchhalten, ohne einen Blick auf ihr Smartphone zu werfen! Sie können sich vielleicht vorstellen, wie froh ich war, dass meine Kollegin in Kenia dabei war. Sie ist die Hauptansprechpartnerin unseres Partners hier bei Misereor in Aachen.

Hughlene und ich wollten uns das mobile Krankenhaus ansehen, das die Diözese mit Ihrer Unterstützung in Kenia betreibt. Start war in Nakuru. Den weitesten Teil der Reise hatten wir hinter uns, aber der anstrengendste sollte noch vor uns liegen: Dreieinhalb Stunden lang wurden wir auf der Fahrt kräftig durchgeschüttelt bis wir in der kleinen stationären Klinik in Barpello ankamen. Sie ist die Basisstation für das mobile Krankenhaus. Hier empfing uns die Warmherzigkeit von Schwester Lucy, die sehr charismatisch ist und uns beide unglaublich beeindruckte. Von Barpello aus startete die mobile Klinik – und Hughlene und ich konnten sie begleiten.

Johanna Jung (Misereor) mit Misereor-Projektpartner Martin Wamai (Diözese Nakuru) © Jung | Misereor

Die „mobile Klinik“, das sind zwei große Autos mit sechs Personen: Fahrer und medizinisches Personal. Die Ladeflächen sind vollgepackt mit Liegen, Impfstoffen und medizinischen Tests. Von Barpello aus fuhren wir weitere 90 Minuten durch das felsige Gelände. Je länger wir unterwegs waren, umso klarer wurde uns: Ein mobiles Krankenhaus ist mehr als notwendig – wie wohl an vielen anderen Orten der Welt auch. Wir hatten das Gefühl, als wäre der Staat in dieser Gegend gar nicht präsent. Die Kirche ist es, Ordensschwestern, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Diözese, die sich hier um das öffentliche Leben kümmern. Die mobile Klinik versorgt sechs Dörfer, die über ein riesiges Gebiet verstreut sind.

Im Wald angekommen, auf den ersten Blick als wäre es mitten im Niemandsland, sahen wir eine Ansammlung von vielleicht hundert Frauen, viele davon hochschwanger und mit Säuglingen. Wir wurden freudig empfangen. Die Menschen klatschten in die Hände, führten einen Begrüßungstanz für uns auf und steckten uns mit ihrer Fröhlichkeit an.

Aus einer Lichtung im kenianischen Wald wird ein mobiles Krankenhaus

Die Lebensmittelausgabe nach den medizinischen Untersuchungen ist ein fester Bestandteil der Treffen mit den Frauen. © Jung | Misereor

Jeden ersten Montag im Monat kommt das Team der Klink hierher, um Kinder zu impfen, Schwangere zu untersuchen und zu beraten. Das medizinische Personal testet auf HIV und Malaria und klärt zum Beispiel über die Folgen der brutalen Genitalverstümmelungen auf, die hier oft noch vorgenommen werden.

Dann wurden wir Zeuginnen, wie man kenianischen Wald in ein Krankenhaus verwandelt. Staunend und voller Bewunderung beobachteten wir das Treiben. Wir wollten mit anpacken, aber wir hätten das Team nur aufgehalten. In Windeseile waren Tische und Behandlungsliegen aufgebaut – wie in einem gut organisierten Krankenhaus eben! Vor allem aber erstaunte uns die Geduld der Menschen: Die Frauen warteten dort schon so lange mit ihren Kindern und trotzdem gab es kein Gedränge. Sie halfen sich gegenseitig und passten gemeinsam auf die Babys auf. Selbst bei der Lebensmittelverteilung verließ sich jede darauf, dass sie bald auch an der Reihe sein würde.

„Die Frauen und Kinder kommen aus Nomadenfamilien,“ erklärte mir Schwester Lucy. „Sie leben dort, wo das Vieh gerade am meisten Nahrung findet. Gerade die Hochschwangeren weisen wir immer darauf hin, dass sie sich rechtzeitig vor der Geburt auf den Weg zur stationären Klinik nach Barpello machen sollen.“

Abseits vom Trubel der Kleinen und der anderen Frauen, können in Ruhe die Herztöne abgehört und die Entwicklung des Babys eingeschätzt werden. Außerdem ein Zeitpunkt, um intime Fragen im geschützten Rahmen klären zu können und Unsicherheiten aus dem Weg zu räumen. © Jung | Misereor

Alle haben ihre Vorsorge- und Untersuchungshefte für die Kinder dabei. Für die Schwangeren bauen die Mitarbeiter eine Liege weiter entfernt auf. Nach wenigen Minuten Fußweg erreichen die Frauen so einen geschützten Raum mit etwas mehr Privatsphäre. Hier untersuchen die Krankenschwestern zum Beispiel die Herztöne des Babys und den Zustand der schwangeren Frauen.

„Es ist wichtig, dass unsere Kinder geimpft werden!“

Für mich ist schön, dass eine der Patientinnen Englisch spricht und ich mich mit ihr unterhalten kann! Sie heißt Mary und ist 26 Jahre alt. Erst vor zwei Wochen hatte sie ihr zweites Kind bekommen. Neun Kilometer ist sie mit dem Baby auf dem Rücken gelaufen, damit es hier seine ersten Impfungen bekommt. Das hatte sie auch beim ersten Kind so gemacht und seitdem bei anderen jungen Frauen fleißig die Werbetrommel gerührt.

Die Impfungen sind für die Mütter genauso aufregend wie für die Kleinen. Jede Mama fühlt mit und ist froh, wenn es geschafft ist und sich das Baby vom Schreck des Piks erholen kann. © Jung | Misereor

„Es ist sehr wichtig für die Kinder, dass sie geimpft werden und dass sich die Frauen während der Schwangerschaft untersuchen lassen,“ ist Mary überzeugt, „Für viele ist der Weg aber auch zu weit.“ Heute wird Mary zum ersten Mal von ihrer Freundin Rosie begleitet. Rosie hatte vor einer Woche ein Neugeborenes aufgenommen, dessen Mama bei der Geburt gestorben war. Jetzt stillt sie es selbst und will es mit ihren drei eigenen Kindern zusammen großziehen. Ich bewundere Rosies aufopferungsvolles Engagement, denn in dieser abgelegenen Gegend drohen immer wieder Hungersnöte, die durch Dürren, Überschwemmungen oder Heuschreckenplagen verursacht werden. In diesem Jahr ist die Regenzeit ausgeblieben und der Boden verdorrt bereits. Das sind die schrecklichen Folgen des Klimawandels. Auch ist ungewiss, wie sich der Krieg in der Ukraine auf die Nahrungsmittelversorgung im gesamten Land auswirken wird.

Endlich geht es einmal nur um die Frauen!

Mary ist sehr dankbar, dass sie hierherkommen kann, und hat großes Vertrauen zum Personal, das sich um die Schwangeren und um die Babys kümmert. „Ehrlich gesagt, quatschen wir hier auch viel und genießen die Zeit, in der es nur um uns und unsere Babys geht“, lacht die junge Mutter. Denn leider sind patriarchale Strukturen im Nordosten Kenias noch weit verbreitet, die Frauen und Mädchen benachteiligen. Neben der Genitalverstümmelung werden junge Mädchen zu oft zur Heirat und zu polygamen Ehen gezwungen. Das Familieneigentum, vor allem Vieh, gehört nur den Männern und nur sie können erben.

Zum Abschied tanzten die Frauen noch einmal für uns. Durch den Tanz spürte ich, wie glücklich und dankbar alle Frauen waren über den Besuch der mobilen Klinik. Auf dem Nachhauseweg war Mary noch mehr beladen. Sie hat Mais und Bohnen erhalten. Gegen Ende des Nachmittags räumten wir zusammen und machten uns auf den Rückweg zur Klinik, bevor es dunkel wurde denn im Lichtkegel der Autoscheinwerfer sind Schlaglöcher schwer zu erkennen.

Als ich später im Haus der Schwestern in meinem Bett lag, gingen mir die Erlebnisse des Tages noch lange durch den Kopf. Welche der vielen Eindrücke sollte ich zu Hause mit den Misereor-Spenderinnen und -Spendern teilen? Werde ich die richtigen Worte finden, um deutlich zu machen, wie immens wichtig das Projekt für diese Frauen und ihre Kinder ist? Dass es viele Leben retten, vielen der Frauen und Kinder ein besseres Leben ermöglichen wird?

Die Babys und ihr Wohlergehen sind das wichtigste für die jungen Mütter. © Jung | Misereor

Wenn diese Babys, die ich kennengelernt habe, in den nächsten Jahren groß werden, werden sie ein Leben führen, das uns in Deutschland weitgehend fremd ist. Sie haben das Recht auf einen gesunden Start ins Leben. Genau dafür sorgt unser Projekt der mobilen Klinik.

Über die Autorin: Johanna Jung arbeitet bei Misereor in der Spenderkommunikation und ist Ansprechpartnerin für Spendenprojekte in Afrika.



Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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