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Online Lernen ohne Grenzen

Freitag Abend 21 Uhr. Mein Arbeitstag geht heute in die Verlängerung. Wie so oft in den letzten Wochen finden meine wichtigsten Arbeitstermine am Abend statt – dabei geht es nicht etwa um ein Abendessen mit Gästen aus dem Süden oder einen Vortrag vor einer Kirchengemeinde. Bei meinen Abendterminen sitze ich – physisch alleine, aber doch umgeben von einer ganzen Gruppe von Kursteilnehmern – zu Hause in meinem Büro vor dem Computer. Meine „Gegenüber“ sitzen derweil auf der anderen Seite der Erdkugel, in  Argentinien, Bolivien, Brasilien, Ecuador, Guatemala, Honduras, Kolumbien, Mexico und Peru. Bei ihnen ist gerade Nachmittag. Gerade habe ich sie herzlich zu unserer zweiten Online-Konferenz begrüßt.

Per Internet steht Susanne Friess in Verbindung mit Kurs-Teilnehmern in Lateinamerika.

Per Internet steht Susanne Friess in Verbindung mit Kurs-Teilnehmern in Lateinamerika.

Sei drei Wochen läuft nun unsere Online-Schulung für Misereor-Partnerorganisationen in Lateinamerika, die sich mit Menschenrechtsverletzungen im Umfeld großer Bergbauprojekte befassen. Insgesamt 46 TeilnehmerInnen aus 30 Institutionen haben sich für den Online-Kurs angemeldet. Es ist aufregend, mit so vielen engagierten Anwälten und Projektmitarbeitern im Austausch und Kontakt zu sein.

Der Kurs beschäftigt sich mit „internationalen Beschwerdemechanismen“. Das ist ein sperriger Titel für eine in der Praxis sehr spannende Frage: wie können internationale Konzerne, die im Ausland Menschenrechtsverletzungen und Umweltdelikte begehen, für diese Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Gerade im Umfeld großer Bergbauprojekte werden solche Rechtsbrüche von unseren Partnerorganisationen sehr häufig beklagt – doch gibt es neben dem Lamento auch juristische Wege, die in Sanktionen für die Urheber dieser Straftaten münden und in Entschädigungszahlungen für die Geschädigten? Auf nationaler Ebene genießen die Unternehmen oft den Schutz der Regierung – schließlich tätigen sie wichtige Investitionen im Land, die will man auf Regierungsseite auf keinen Fall aufs Spiel setzen, indem man allzu sehr auf den Menschenrechtsfragen herumreitet. Wo der Klageweg auf nationaler Ebene ins Leere läuft, kommt die internationale Ebene ins Spiel – und genau damit beschäftigt sich unser Kurs! Beschwerdewege auf internationaler Ebene sind lang und mühsam – es gibt keinen internationalen Gerichtshof, vor dem diese Art von Delikten angeklagt werden könnten, man muss sich im komplexen internationalen Rechtssystem die entsprechenden Beschwerdeinstanzen und Angriffsmöglichkeiten suchen. Umso wichtiger ist es für unsere Partnerorganisationen, die verschiedenen Mechanismen zu kennen – sowohl, was ihre Chancen und Potenziale angeht, als auch in Bezug auf ihre Limitationen.

Bis September wird unser gemeinsamer Lernprozess zu diesem Thema noch andauern. Konkret heißt das für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kurses, dass sie jede Woche ca. 5-6 Stunden ihrer Zeit investieren, um die Kursinhalte, die in didaktischen Modulen für das Online-Lernen aufbereitet wurden, studieren und die theoretischen Inhalte auf ihre konkret vor Ort gelebte Praxis übertragen. Damit auch Räume zum direkten Austausch geschaffen werden, treffen wir uns alle zwei Wochen auf einer Kommunikationsplattform und diskutieren, tauschen uns aus, ExpertInnen zu den einzelnen Themen beantworten offen gebliebene Fragen.

So neu und fremd das Lernen in virtuellen Räumen anfangs für viele ist – der Funke der Begeisterung erfasst schnell die ganze Gruppe. Denn wo sonst könnten sie sich in regelmäßigen Abständen mit Fachkollegen und Gleichgesinnten aus ganz Lateinamerika im direkten Gespräch zu solch spezifischen Fragestellungen austauschen?  Die Online-Kommuniktion funktioniert – nach anfänglichen Schwierigkeiten – sehr gut und die Kursteilnehmer diskutieren intensiv über die Chancen und Risiken, die ein von den Vereinten Nationen angestoßener Prozess zur besseren Haftbarmachung von Menschenrechtsverletzungen mit sich bringt.

Mein Freitagabend endet diese Woche um 22:30. Noch ein Mausklick, dann schließt sich die virtuelle Konferenztür hinter mir. Bis nächsten Dienstag, wenn ich den Schlüssel wieder im virtuellen Schlüsselloch drehe und den Raum zur nächsten Konferenz erneut betrete!

Autor:

Susanne Friess arbeitet seit 2004 für Misereor. Von 2005 bis 2008 war sie Leiterin der Misereor Dialog- und Verbindungsstelle in Lima, Peru. Seit 2009 ist sie als Beraterin mit dem Schwerpunkt Bergbau und Entwicklung für die Lateinamerika-Abteilung tätig.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Frau Friesse,
    herzliche Grüße aus Tumaco, Kolumbien. Gerade lese ich im FriEnt-Rundbrief von Ihrer interessanten Online-Schulung, an der auch MISEREOR-PartnerInnen aus Kolumbien teilnehmen.
    Mein Name ist Heide Trommer, bin im Aufrag von EQM in Kolumbien, um die „Coordinación Regional Pacífico“ zu evaluieren. Meine AnsprechpartnerInnen in MISEREOR sind Matthias Lanzendörfer, Birgit Reich, Susanne Breuer und natürlich Stefan Ofteringer. Für die Evaluation ist es nun von Interesse, ob auch Mitglieder der Coordinación an der Schulung teilnehmen. Ich nehme an, Sie kennen die Coordinación? Wenn nicht, sende ich Ihnen gerne die Liste der Mitgliedsorganisationen. Würde gerne hierüber mit Ihnen in Kontakt treten. Danke schon im Voraus für Ihre Aufmerksamkeit.
    Mit freundlichen Grüßen
    Heide Trommer

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