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Wenn Träume Wirklichkeit werden. Oder: Der Fisch schwimmt wieder!

Den Einstieg lesen Sie hier.
Teil 1: Ribeirinhos: Leben am und mit dem Wasser lesen Sie hier.
Teil 2: Vom Traum der solidarischen Wirtschaft lesen Sie hier.

Seu Jose ist einer der Vielen, welche die Fischarten schon an dessen Blubberblasen erkennen können. Noch mehr:  er „schmeckt dem Fisch an“, in welchem Fluss er aufgewachsen ist. Als junger Mann ist er weite Teile Amazoniens auf großen Fischereiboten abgefahren, bis er seine Frau Margarida in einem kleinen Dorf antraf und sofort um ihre Hand anhielt. Nun leben sie seit bald dreißig Jahren in Lago do Limao. Und kämpfen genau gegen jene Fangflotten auf denen Seu Jose einst arbeitete.

Vor acht Jahren klagte Seu Jose mit freuchten Augen, dass er sich schäme, mir selbst in der Trockenzeit nur kleine elende Fische anbieten zu können. Als er jung war, kam so was nicht auf den Tisch. Viel zu gefährlich bei all den Gräten für die Kinder. Für viele Familien reichte der Fisch damals kaum mehr zum satt werden. Von Einkommen durch den Verkauf einiger Prachtexemplare wagte niemand mehr zu Träumen. Schuld waren die Fischereiflotten aber auch kleinere Fischer von außerhalb.

Abholzung wegen Überfischung

Sieht hübsch aus: ist aber eine Viehweide in der Trockenzeit. Hier kann sich kaum Fisch verstecken.

Die Menschen begannen, Holzkohle zu produzieren, um Essen zu kaufen und die Kinder zur Schule schicken zu können. Oder Viehweiden wurden angelegt. Ausgerechnet die Auwälder traf es. In der Regenzeit bieten diese vielen hundert Speisefischarten Nahrung und Schutz vor Fressfeinden. Bestes Beispiel: Der Tambaqui. Mit bis zu 30 kg ernährt er sich vor allem von Früchten der Bäume und verbreitet deren Samen in den Auwäldern. Ohne Bäume aber kein Tambaqui und ohne Tambaqui keine weitere Aussaat der Bäume.

Gemeinden beschließen Schutzgebiete

Die Ribeirinhos wollten diesen Teufelskreis durchbrechen. Bereits in den 80ern trafen sich Kleinfischer und Ribeirinhos um den Schutz der Fischgründe zu verhandeln. Ende der 90er Jahre wurden auf Gemeindeebene freiwillige Abkommen getroffen, wie in Zukunft gefischt werden darf – und wie nicht. In und an den Aufzuchtseen darf nun in einigen Gemeinden weder gefischt noch abgeholzt werden. In den Gemeinschaftsseen darf die lokale Bevölkerung mit traditionellen Methoden fischen. In den freien Seen darf jeder im Rahmen der gesetzlichen Bestimmungen fischen. Ein überaus effizientes Konzept: Denn in der Regenzeit steht alles unter Wasser und die Fische aus den vollen Aufzucht- und Gemeinschaftsseen breiten sich auf alle Gewässer aus.Vor 10 Jahren wurde auch in Lago do Limao ein solches Abkommen geschlossen. Drahtzieher war aber keine staatliche Behörde. Sondern die Landpastorale und die Gemeinde selbst.

Unterstützung durch die Behörden

Margarida bei der Nachtwache

Die Umweltschuztbehörde IBAMA erkannte diese Arbeit aber an. In „meiner“ Zeit wurden etwa insgesamt 12 freiwillige Umweltpolizisten ausgebildet. Mit IBAMA Ausweis und Kleidung ausgestattet patrollierten Margarida und andere mit motorisierten Kanus auf eigene Kosten. Gern erinnere ich mich an die eine oder andere Nacht auf dem Wasser mit Lagerfeuer und Geschichten von Waldgeistern oder hexenden Flussdelfinen.

Streit und Morddrohungen

Doch schien es nicht immer so friedlich gewesen zu sein: „Die Fischer hatten oft Schusswaffen dabei. Die ein oder andere Morddrohung fiel. Es gab viel Streit in der Gemeinde, weil sich nicht alle an das gemeinsam beschlossene Schutzabkommen erinnern wollten“ so Margarida. „Ich habe sie oft gebeten, aufzuhören“ ergänzt Seu Jose. Doch auch die Lästereien anderer, sie würde doch nur mit den anderen Männern der Schutztruppe rumflanieren wollen, wirkten nicht.

Der Fisch schwimmt wieder

Margarida bereitet einen jungen Tambaqui zu

Margarida bereitet einen jungen Tambaqui zu

Und der Erfolg gab ihr Recht: „Anika, wenn Du doch nur in der Trockenzeit gekommen wärst. Du hättest soo viele Fischarten essen können.“ höre ich von allen Seiten. Aber der ein oder andere Tambaqui findet doch seinen Weg in meinen Magen und: Ich sehe einen Pirarucu durchs Wasser gleiten. Der wird bis zu 5 m lang ist und hier bald 20 Jahre nicht mehr zu sehen gewesen. Auch der Wald an den Fluss- und Seeufern wächst überall schnell und dicht wieder auf. Allein verschiedene Schildkrötenarten sind noch nicht zurückgekehrt.

Hoffnungsvoller Abschied

Für mich heißt es Abschied nehmen. Die Trockenzeit beginnt hier ohnehin, so dass wieder viel zu tun sein wird. Das Wasser fließt bereits zurück in die Seen und Flüsse. Eine gute Zeit, Fisch zu erlegen. Ein letzter Blick auf den See und: Tatsächlich: Die „Handy-Jungs“ mit bunten Haaren stehen im Kanu und üben sich mit Pfeil und Bogen darin, Fisch zu erlegen.

Autor:

Anika Schroeder arbeitet als Referentin für Klimawandel und Entwicklung bei MISEREOR in der Abteilung Politik und Globale Zukunftsfragen. Dort setzt sie sich für mehr und vor allem gerechtere Klimapolitik in Deutschland und auf internationaler Ebene ein.

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