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Textilproduktion: Der Konsument muss Fragen stellen

Löhne, die kaum ausreichen, um eine Familie zu ernähren. Unzumutbare Arbeitszeiten und der Einsatz von Chemikalien auf Kosten von Mensch und Umwelt.  Diese Missstände sind noch immer Realität in den Produktions- und Lieferketten der Textilindustrie. MISEREOR unterstützt Entwicklungsminister Gerd Müller dabei, soziale und ökologische Standards in der Branche durchzusetzen und die Sorgfaltspflichten von Unternehmen einzufordern. Erica van Doorn, Direktorin der Fair Wear Foundation, spricht im Interview mit MISEREOR über ihre Sicht auf das Textilbündnis der Bundesregierung und Konsumenten, die mehr Fragen stellen müssen.

2014-10-08 Interview Foto Erica van Doorn

Erica van Doorn, Direktorin der Fair Wear Foundation (FWF). Foto: FWF

Ein Interview von Wilfried Wunden und Rebecca Struck

Ihre Stiftung prüft die Hersteller von Kleidung, die in ihrem Bündnis sind, auf faire Produktionsbedingungen. Wenn wir uns die Produktionskette von Kleidung anschauen, dann gibt es jedoch etliche Prozesse, Verarbeitungsschritte und Beteiligte bis hin zum Kunden. Wie ist es da möglich, diese Wege nachzuvollziehen?

Es gibt niemals eine Garantie, das will ich hier betonen. Mir ist bewusst, dass Konsumenten nach den schwarz-weiß-Antworten suchen – bei der Produktion von Kleidung ist das aber einfach nicht möglich. Wir haben eine Grafik erstellt, die die Produktionsketten in der Textilindustrie verständlich machen soll, in der Praxis ist das dann noch einmal um ein vielfaches komplizierter. Es sind etliche Akteure involviert, viele Markenhersteller haben hunderte Produktionsstätten und ein Kleidungsstück besteht noch einmal aus etlichen Rohmaterialien und Stoffen. Es wird von unterschiedlichen Fabriken hergestellt und von verschiedensten Akteuren gehandelt. Dabei zu garantieren, dass alles zu 100 Prozent fair produziert ist, ist nicht möglich. Ihr Pullover zum Beispiel enthält vielleicht zehn verschiedene Materialien. Sie wissen vielleicht, dass er in einer geprüften Fabrik produziert wurde. Aber ob das auch für die Fabrik zutrifft, die den Reisverschluss oder den Knopf produziert hat, ist wiederum eine andere Sache. Wir sind noch immer auf dem Weg zu der Beantwortung der Frage: Wie können wir fairen Handel über all diese Ketten effektiv gewährleisten?

Sind nationale Textilbündnisse wie die aktuelle Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung dann überhaupt sinnvoll?

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Die Son Dong Garment Factory in Vietnam bildet Näherinnen und Näher aus.

Das finde ich persönlich nur bedingt. Es braucht Standards auf internationaler Ebene. Ich hätte mir vom BMZ mindestens ein europäisches Abkommen gewünscht, denn die Probleme sind weltweit immer die gleichen. Die Kleidungsindustrie ist nun mal eine internationale Industrie. Wir selbst haben acht Normen für unsere Partner entwickelt und ich schätze, dass sie zu 98 Prozent den Standards entsprechen, die es bereits gibt. Schließlich hat die Internationale Arbeitsorganisation ILO bereits vor Jahren darüber entschieden, wie solche Arbeitsbedingungen weltweit aussehen müssen. Das Problem sind nicht die fehlenden Standards in der Branche, sondern deren Umsetzung. Gut an dem Bündnis ist wiederum, dass es auch in Deutschland wieder mehr Aufmerksamkeit für den globalen Textilhandel schafft und zeigt, dass sich die Umstände dringend zum Besseren ändern müssen.

Was kann der einzelne Konsument tun?

Wenn mich die Leute fragen, was wir von den Konsumenten erwarten, habe ich immer die gleiche Antwort: Sie sollen Fragen stellen, wenn sie Kleidung kaufen. Wie wurde der Pullover hergestellt? In welchem Land, in welcher Fabrik? Wissen sie etwas über die Arbeiter, die diese Kleidung herstellen? Viele Textilproduzenten sagen mir, sie müssten sich nicht um solche Fragen kümmern, weil es die Käufer nicht interessiert. Ich sage nicht, dass Konsumenten ihr Kaufverhalten von heute auf morgen radikal umstellen sollen. Sie sollen anfangen Fragen zu stellen.

Stammt denn billige Kleidung automatisch aus unfairer Produktion?

Egal wie teuer ein Kleidungsstück ist: Das heißt nicht, dass in Sachen Arbeitsbedingungen oder Umweltschutz auch alles gut läuft. Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen teurer Kleidung und dem Vorteil für Arbeiter und Umwelt. Kostet aber hier in Deutschland ein Kleid drei bis fünf Euro und es ist auch noch in Bangladesch produziert worden, dann muss sich der Käufer bewusst sein, dass da nicht alles in Ordnung sein kann. Anders herum ist es genauso: Ein Beispiel ist Takko, eines unserer großen Partnerunternehmen in Deutschland. Takko ist ein Hersteller von preisgünstiger Kleidung, tut aber viel dafür, sich hinsichtlich fair produzierter Kleidung weiterzuentwickeln. So verfolgen wir jährlich den Fortschritt mit Blick auf die Einführung angemessener Arbeitsbedingungen für die Angestellten in den Fabriken. Darüber berichten wir dann auf unserer Website, sodass jeder nachvollziehen kann, wie sich der Hersteller entwickelt und ob das in die richtige Richtung geht.

Ist es dann nicht besser, gleich Kleidung zu tragen, die in Europa hergestellt wurde?

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Produktionskette eines einzelnen Kleidungsstücks. Grafik: FWF

Geht man davon aus, dass manchmal Textilfracht im Flugzeug transportiert wird, würde das Ihr Argument stützen. Natürlich wäre eine Welt, in der alles lokal produziert und konsumiert wird, wunderbar. Das ist auch meine  Idealvorstellung. Aber wenn man sich die Realität anschaut, dann kommen die Rohmaterialien zum Beispiel aus der Türkei, die nach China geschifft um dort zu Garn und Stoff verarbeitet zu werden, der wiederum dann nach Indien gebracht wird, um dort zu Kleidung genäht zu werden. Vielleicht kommt noch ein anderes Land hinzu, in dem die Kleidung gewaschen wird oder auch nur weil es das günstigere Steuersystem hat. Manche Kleidungsstücke reisen drei Mal um die Welt, bevor sie in den Läden landen. Das ist lächerlich. Wir verschwenden kostbare Ressourcen, um Kleidung um die Welt zu schicken. Aber auch innerhalb von Europa zu produzieren  heißt nicht, dass nicht auch dort etwas schief laufen kann. Erst kürzlich gab es einen Fall, in dem Arbeiterinnen aus China per Container und unter unmenschlichen Bedingungen nach Italien gebracht wurden, um Kleidung „made in italy“ herzustellen. Überall in der Welt können diese Dinge falsch laufen. Der wichtigste Unterschied ist, dass wir hier ein Rechtssystem haben, in dem solche Menschenrechtsverletzungen auch verfolgt werden können, in dem Gewerkschaften und Verbände für die Rechte der Arbeiter eintreten. Das gibt es in Bangladesch oder Indien so nicht.

Wie arbeitet denn die FWF mit den Produktionsstätten?

Zunächst einmal: Es gibt etliche Prüfstellen und -agenturen, die Standards überprüfen. Ich bin mir aber sicher, dass sie Verstöße nicht immer finden können. Man muss die richtigen Fragen stellen, die Arbeiter abseits der Firmen befragen – und das tun kommerzielle Prüfer nicht. Nehmen wir die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. An ihrer Arbeitsstelle werden Arbeiter sich hierzu nicht öffentlich äußern. Daher arbeiten wir mit lokalen Teams und führen auch Interviews mit den Arbeitern und Arbeiterinnen außerhalb des Fabrikgeländes durch. In türkischen Fabriken versuchen wir ein Modell einzuführen, das Arbeiter und Management an einem Tisch zusammenbringt, um Probleme anzusprechen. Das ist ein langwieriger Prozess: Viele Arbeiter sind Frauen und Migranten. Sie haben nie gelernt, ihre Meinung zu äußern. Sie glauben, es ist nicht ihr Recht. Oder sie kennen ihre Rechte schlichtweg nicht. Es beginnt dabei, den Leuten erst einmal ihre Rechte aufzuzeigen. Das Management unterstützt uns oftmals, es kann funktionieren.Man kann auch nicht immer den Fabrikanten Vorwürfe machen. In der Türkei gibt es ein Gesetz, das es Jedem ermöglicht einer Gewerkschaft beizutreten. Dazu müssen jedoch ein Notar eingeschaltet und weitere Hürden überwunden werden, sodass die Wege zum Eintritt so umständlich und teuer sind, dass viele Arbeiter ihn nicht gehen. Und ihn auch nicht gehen können. Die Regierung selbst hat ein großes Problem mit der Versammlungsfreiheit, der soziale Dialog in solchen Ländern ist einfach so gut wie nicht vorhanden. Schaut man sich alle diese Details entlang der Textilproduktionskette an, dann sorgt die Vorstellung eines alles umfassenden Labels höchstens dafür, dass die Kunden mit einem besseren Gewissen in den Schlaf kommen.

Sie haben ein Young Designer Programm ins Leben gerufen. Um was handelt es sich dabei?

Menschen, die ihre eigenen Marken und Unternehmen aufbauen wollen, haben oft tolle Ideen, aber auch viel Arbeit damit, ihre Produktion voran zu bringen und ihre Marke bekannt zu machen. Wir wollen sie dabei unterstützen, auf die Beine zu kommen. Wir wollen sie dabei unterstützen, ihre Produktion von Anfang an nachhaltig und mit Blick auf faire Arbeitsbedingungen aufzubauen. Es gibt ein paar Bedingungen für diese Form der Mitgliedschaft bei Fair Wear Foundation. So dürfen sie zum Beispiel nur dann in Hochrisikoländern wie Indien produzieren, wenn die Fabrik bereits von anderen unserer Partnerunternehmen genutzt und kontrolliert wird. Auch aus Deutschland nehmen mehr und mehr junge Designer an diesem Programm teil, zum Beispiel die Rote Zora.YouTube Preview Image


Mehr erfahren…

Faltblatt in deutscher Sprache mit Grafiken

Das Prinzip der Fair Wear Foundation:  Youtube-Video

Entwicklung wohin? In Bangladesch kollabieren nicht nur Hochhäuser: mehr erfahren

 

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. Es gibt mittlerweile ein sehr große Anzahl an Anbietern für fair gehandelte Kleidung. Manche Sachen sind auch nicht viel teurer als andere Markenkleidung. Wirkliche Alternativen zu konventioneller Kleidung gibt es also schon. Irgendwelche „grünen“ Initiativen von H&M & Co. halte ich dagegen für wenig glaubwürdig. Den Kunden dort ist ein günstiger Preis das wichtigste Argument!

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