Suche
Suche Menü

Ana Asti: „Fairer Handel ist meine Mission“

Die Brasilianerin Ana Asti aus Rio de Janeiro bereitet gerade die Bewerbung ihrer Heimatstadt  als „Fair Trade Town“ vor und sitzt heute auf dem MISEREOR-Podium „Realitätscheck Fairer Handel: Löhne – Kinderarbeit – Handelsmacht“ auf dem Katholikentag in Leipzig. Sie beschäftigt sich seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr mit dem Thema „Fairer Handel“ und hat mit einer lokalen NGO in den Elendsvierteln in Rio mit Frauengruppen gearbeitet, die Textilien produzierten. Sie war bis 2015 Welt-Vize-Präsidentin der World Fair Trade Organisation und hat die Geschäftsführung von SEDES inne – des Sekretariats zur Entwicklung einer solidarischen Ökonomie. Ana Asti ist Betriebswirtin, Sozialwissenschaftlerin und gerade einmal 36 Jahre alt. Unter der neuen Interimsregierung wurden in SEDES viele in ihrer Abteilung entlassen…Asti-vor-Kampagnenplakat_1

Ist die Kampagne „Fair Trade Town Rio“ ein Unikum für Brasilien?

Es ist das erste Mal, dass wir eine Bewegung wie diese starten und Teile von Rio den Status einer „Fair Trade Town“ erlangen sollen. Wir haben als Zivilgesellschaft die Kampagne „Fair Trade Town Rio“ ins Leben gerufen und ich war umgekehrt auf der Seite der Kommunalverwaltung dann die Ansprechpartnerin. Aber mein Sekretariat SEDES ist jetzt zusammengeschrumpft, was das Ganze jetzt viel schwieriger macht. Wir haben zwei Drittel der Mitarbeiter verloren und wissen nicht, wie es weitergehen soll. Wir waren dreißig Leute und nun sind wir nur noch zehn – das ist die aktuelle Entwicklung der letzten Wochen.

Warum haben Sie sich dem Fairen Handel verschrieben?

Ich habe bereits 2002 ein Treffen der World Fair Trade Organisation in Kuba besucht und gesehen, wie Fair Trade weltweit in Afrika, in Asien oder in Europa organisiert wird. Diese Erfahrungswerte versuchte ich bei den Textillieferketten und in den sozialen Bewegungen bekannt zu machen und anzuwenden. Gemeinsam mit anderen entwickelten wir im Jahr 2004 ein Netzwerk zu Fair Trade. Ein Jahr zuvor hatten wir als Zivilgesellschaft schon begonnen, das Thema Fairer Handel gegenüber der Regierung politisch einzufordern und verstanden uns dabei als Partner. Für mich war aber immer die Erfahrung in den Favelas von Rio mit den Frauen von Angesicht zu Angesicht die wichtigste Erfahrung, die mich antreibt.Asti-vor-MISEREOR_2

Wie anerkannt ist „Fairer Handel“ durch die brasilianischen Entscheidungsträger?

2010 konnte ich das Thema innerhalb der Stadtverwaltung von Rio das Thema etablieren. Wir nahmen die lokale Perspektive ein und überlegten, wie man den lokalen Konsum anregt und Märkte für Produkte aus Fairem Handel schafft.

Rio ist die erste Stadt in Brasilien, die ein Sekretariat hat, das sich rein um die Themen „Solidarische Wirtschaft“ und „Fairer Handel“ kümmert. Das Marktsegment „Solidarische Wirtschaft“  hat eine langjährige zivilgesellschaftliche Tradition in Brasilien und hat sich als Reaktion auf Wirtschaftskrisen und die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich entwickelt. Unter dem früheren Präsident Lula von der Arbeiterpartei PT wurden die Politikbereiche „solidarische Wirtschaft“ und „Fairer Handel“ eingeführt. Seitdem wird eine öffentliche Politik verfolgt, so dass der „Faire Handel“ ein Vermarkungsmechanismus ist für die Produkte aus der „solidarischen Wirtschaft“. Parallel zum internationalen Fairen Handel wird also dieser lokale Ansatz verfolgt.

In 2012 haben wir es sogar geschafft, ein sehr progressives Gesetz zu verabschieden. Jetzt haben wir auf der lokalen Ebene einen öffentlichen Rat, der aus Mitgliedern der Kommune und der Zivilgesellschaft zusammengesetzt ist und der die Gesetzesvorgaben zu „Solidarischer Wirtschaft“ und „Fair Trade“ umsetzt. Das ist ein neues Modell, das wir in mehreren Städten etablieren wollen und das die die lokalen Absatzmöglichkeiten für Produzenten der „Solidarischen Wirtschaft“ optimiert.

Ana Asti auf dem Podium "Realitätscheck Fairer Handel" am 27.5.2016 in Leipzig

Podium „Realitätscheck Fairer Handel“ am 27.5.2016 in Leipzig mit Ana Asti

Wie ist die aktuelle Situation seit dem Präsidentschaftsende von Dilma Rouseff?

Ich habe begründete große Befürchtungen, dass die Fortschritte zunichte gemacht werden. Beispielweise hat das Sekretariat für solidarische Wirtschaft, das an die Bundesregierung angegliedert war, bereits seinen Status verloren und ist sozusagen kein eigener Bereich mehr. Die meisten unserer Kollegen, die in der Regierung arbeiteten, haben in den letzten Wochen ihre Jobs verloren. Letzte Woche hat auch der Leiter des Sekretariats, Prof. Paul Singer, ein Führer der Bewegung für die „solidarische Wirtschaft“ in Brasilien, seinen Posten verlassen. Unsere Bewegung verliert viel Raum und Gelder innerhalb der Regierungsstrukturen.

Dasselbe passierte in der Stadtverwaltung. Es wird sich in den nächsten zwei Wochen entscheiden, was der Bürgermeister von Rio damit macht und ob wir noch gefördert werden.

Gibt es noch mehrere Frauen, die sich in diesem Politikfeld engagieren?

Als Frau in der Regierung mitzuarbeiten, ist generell eine große Ausnahme. Im Gegensatz dazu engagieren sich in den zivilgesellschaftlichen Bewegungen hauptsächlich Frauen. Wenn meine Arbeit in der Regierung aufhört, gehe ich wieder zurück und engagiere mich zivilgesellschaftlich. In dem Bereich „solidarische Wirtschaft“ sind insgesamt mehr Frauen als Männer aktiv.

Sie arbeiten noch weiterhin in den Favelas mit den Frauen vor Ort?

Ja, das ist der beste Teil meiner Arbeit. Ich will auf keinen Fall die Beziehung zu den eigentlichen Akteuren verlieren und von Angesicht zu Angesicht mit den Frauen arbeiten. Ich habe in verschiedenen Gemeinden in Rio angefangen und ich arbeite immer noch dort und helfe den Produzentinnen, beispielsweise lokale Vermarktungsstrukturen zu schaffen. Das ist sehr wichtig, auch wenn es durch die Gewalt und die Drogendealer darum herum ein sehr gefährlicher Ort ist. Aber nur so kann man die Realität der Leute verstehen und sehen, was sich verbessern lässt. Sonst kann man keine Projekte etablieren.

Ana Asti Fairer handel bleibt ihre Mission ob innerhalb oder außerhalb der Institutionen

Ana Asti , Expertin Fairer Handel undGast von MISEREOR auf dem Katholikentag in Leipzig

Was werden Sie machen, falls Sie auch Ihren Arbeitsplatz verlieren?

Für mich ist es unerheblich, ob ich innerhalb oder außerhalb der Regierung arbeite: Fair Trade bleibt meine Mission. Ich werde die Ziele so oder so weiter verfolgen.


Mehr Informationen zum Fairen Handel bei MISEREOR…

… unter www.misereor.de/fairerhandel

Merken

Autor:

Eva Wagner

Eva Wagner arbeitet im Berliner Büro von MISEREOR.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.


Sichherheitsüberprüfung * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.