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Kamerun: Die Flucht vor Boko Haram

Wieder hat es am Wochenende in Nigeria Angriffe der islamistischen Miliz Boko Haram gegeben, wieder sind zehntausende Menschen auf der Flucht vor ihrem Terror. Erst vor wenigen Wochen hat MISEREOR mit Frauen, Männern und Jugendlichen in Nord-Kamerun über ihr Leid, ihre Flucht und ihr Leben nach der Entführung durch Boko Haram gesprochen. Unterstützt und begleitet  wurden die Recherchen zum Film von Vincent Hendrickx, der seit September 2015 Misereor-Verbindungsstellenleiter im Tschad ist.

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Herr Hendrickx, wie entwickelt sich die Lage um Boko Haram im Tschad und in Nord-Kamerun?

Derzeit prägen Sicherheitsmaßnahmen den Alltag in Ndjamena, der Hauptstadt des Tschads, in der ich lebe. Wenn ich in eine Bäckerei gehe, muss ich zum Beispiel durch einen Körperscanner. Verdunkelte Scheiben in Autos oder die Burka sind verboten.

In Nord-Kamerun ist die Beeinträchtigung noch größer. Dort gibt es Ausgangssperren, der Tourismus, von dem das Land einmal lebte, ist zum Erliegen gekommen. Die wirtschaftliche Lage hat sich seit den Angriffen durch Boko Haram extrem verschlechtert. In vielen Regionen wird aus Angst vor den Kämpfern nicht mehr geerntet, der Preis für Lebensmittel ist gestiegen. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele Hilfsorganisationen, wie auch Ärzte aus dem Ausland, haben die Region verlassen.

Gerade an der Grenze zu Nigeria, wo Boko Haram wie auch jetzt wieder brutale Angriffe durchführt, ist die Lage besonders angespannt. Viele Anwohner haben in Panik und Angst ihre Dörfer verlassen, in Nord-Kamerun leben derzeit rund 57.000 Flüchtlinge in Lagern.

Im UN-Flüchtlingscamp MINAWAO in Nordkamerun leben derzeit rund 75.000 Menschen, die vor der islamistischen Miliz Boko Haram geflohen sind.

Im UN-Flüchtlingscamp MINAWAO in Nordkamerun leben derzeit rund 75.000 Menschen, die vor der islamistischen Miliz Boko Haram geflohen sind. Fotos: Brockmann/MISEREOR

Sie sagten, viele Organisationen haben das Land verlassen. Viele unserer Partner aus dem kirchlichen Bereich arbeiten aber immer noch in Nordkamerun…

Die Kirche ist geblieben, ja. Unsere kirchlichen Partner verteilen Nahrungsmittel im Auftrag von Organisationen wie der Welthandelsorganisation oder der UNHCR in Regionen, in denen sich sonst niemand mehr traut. Oder nehmen wir Schulen in den Grenzgebieten zu Nigeria: die staatlichen Schulen sind seit rund einem Jahr geschlossen, seit September 2015 haben aber fast alle katholischen Schulen wieder geöffnet. Es ist natürlich sehr schwierig, noch Lehrer zu finden, die bereit sind, dorthin zu gehen.

Wie wichtig ist der interreligiöse Dialog, den Sie und unsere Partner unter anderem fördern, für diesen Konflikt?

Die Gefahr ist groß, dass es zu einer immer stärkeren Spaltung der Religionen kommt, nicht nur in Afrika. In Kamerun haben viele Leitfiguren der Religionsgruppen immer in Kontakt mit uns und miteinander gestanden und den kritischen Dialog über Boko Haram gestärkt.  Viele Imame, auch Anhänger des Salafismus, lehnen Boko Haram strikt ab. Sie haben zusammen mit den Christen deutlich Stellung dazu bezogen. Ihr klares Handeln war für all ihre Anhänger unheimlich wichtig. MISEREOR unterstützt ACADIR, die Association Camerounaise pour le Dialogue Interreligeux, die eine interreligiöse Bibliothek führt, Kolloquien ausrichtet und intensiv mit Jugendlichen arbeitet.

Die Gesichter der Betroffenen: Awa*, 38, stammt aus Mabass. Ihr Mann starb bei einem Überfall durch Boko Haram. Fotos: Brockmann/MISEREOR

Awa*, 38, kommt aus Mabass. Ihr Mann starb bei einem Überfall durch Boko Haram. Fotos: Brockmann/MISEREOR

Warum ist gerade die Arbeit mit jungen Menschen mit Blick auf Boko Haram so wichtig?

Der Filmemacher und ich haben einen jungen Mechaniker in Mokolo kennen gelernt, der von Boko Haram gezwungen wurde, die Motorräder der Organisation in Nigeria zu reparieren. Viele andere junge Menschen gehen aber freiwillig, sie fühlen sich in ihrem Land perspektivlos und von der Botschaft der Miliz angezogen. Die Jugend wird von den Regierungen vernachlässigt, selbst mit einem Diplom hat man kaum Chancen auf einen Job. Von Boko Haram bekommen sie Motorräder oder Geld. Die Dreharbeiten haben auch mir geholfen, einen noch tieferen Einblick in die Miliz Boko Haram zu bekommen.

Sie sagen, die Konflikte um Boko Haram als rein interreligiös zu verstehen, ist falsch. Warum?

Boko Haram ist nicht allein religiös motiviert, es geht auch um eine durch Armut getriebene Bewegung, um finanzielle Geschäfte. Entführungen bringen ihnen Geld ein. Es wurden doch auch viele Muslime getötet, mehr sogar als Christen, ihre Moscheen wurden einfach niedergebrannt. Man darf nicht allein zwei Fronten sehen: Christen gegen Muslime. Das alles zeigt auch: wenn wir die Wurzeln dieser Auseinandersetzungen, dieser Radikalisierung nicht adressieren, nämlich die Armut und Perspektivlosigkeit der Menschen und die Ungerechtigkeit, dann wird niemals Ruhe einkehren.

*Name wurde von der Redaktion geändert.


Weitere Informationen:

Kindersoldaten: „Sie werden direkt auf die Schlachtfelder geschickt“

Publikation: Sexualisierte Gewalt als Mittel der Kriegsführung

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Autor:

Rebecca Struck

Rebecca Struck arbeitet bei MISEREOR in der Presseabteilung.

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