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Öl, Gas und Coltan in Afrika: rohstoffreich und bitterarm

Die Republik Kongo ist einer der größten Ölproduzenten Afrikas. Doch trotz seines immensen Erdölreichtums und steigenden Wachstumszahlen kämpft das Land mit hoher Arbeitslosigkeit, schlechter Infrastruktur und Armut, von der rund 1/3 der Bevölkerung betroffen ist. Statt von den Einnahmen der Rohstoffindustrie zu profitieren, leidet vor allem die lokale Bevölkerung unter Menschenrechtsverletzungen und Umweltverschmutzung. Können Rohstoffe wie Öl, Gas, Coltan oder Kohle überhaupt Motoren für eine gerechte Entwicklung sein? Und wie wirkt sich die internationale Klimapolitik auf die Entwicklungsziele afrikanischer Staaten aus? Zusammen mit Partnerorganisationen aus Afrika und Asien diskutiert Misereor diese Fragen erstmals im Rahmen eines Workshops in Pointe Noire, Standort des wichtigsten Seehafens und Wirtschaftsmetropole der Republik Kongo. Mit dabei sind Vincent Neussl, Afrika-Referent und Kathrin Schröder, Energieexpertin bei MISEREOR.

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„Für die unmittelbar betroffene Bevölkerung hat der Abbau von Rohstoffen zunächst eher negative Folgen“, sagt Vincent Neussl, Misereor-Referent für Afrika.

Herr Neussl, warum sind nicht nur Partner aus Afrika, sondern auch aus Asien, speziell China, in den Kongo eingeladen?

China ist heute die verlängerte Werkbank der Welt und weltweit größter Rohstoffverbraucher. Das Land hat eine stark wachsende Mittelschicht, deren Rohstoff- und Energieansprüche steigen. Und es hat Afrika als Markt für sich entdeckt; geht aber vor wie europäische und amerikanische Länder in den 60er und 70er Jahren. Es werden Verträge mit afrikanischen Staaten über Investitionen geschlossen, sich aber wenig um die Verwendung des Geldes oder soziale Folgen für die Bevölkerung gekümmert. Unsere zivilgesellschaftlichen Partner aus Afrika haben hier viele Fragen an China. Ein Beispiel: auf internationaler Ebene ist inzwischen akzeptiert, dass es Regelwerke braucht wie EITI, die Initiative für Transparenz im rohstoffgewinnenden Sektor. Darin geht es vor allem um die Transparenz von Verträgen. Ohne diese Regelung kommt es immer wieder zu Einnahmen, die der Bevölkerung nicht nützen, sondern Eliten fördern. Von solchen Abkommen ist China in seiner Praxis noch weit entfernt. Das Zweite ist das Verhalten chinesischer Firmen. Unsere Partner in Afrika arbeiten schon lange an Fällen aus Deutschland, der EU, Amerika – aber heute sind chinesische Firmen die Player im Welthandelssystem, und auch in ihrem Fall geht es keineswegs besser zu, als bei den Fällen, die wir bisher betrachtet haben. Mit dem Workshop im Kongo erhoffen wir uns, eine Tür für die afrikanischen Partner aufzustoßen im direkten Austausch mit China.

In den Minendörfern sind die Lebenshaltungskosten enorm hoch, die Lebensbedingungen jedoch bescheiden © Roland Brockmann/MISEREOR

In den Minendörfern im Kongo sind die Lebenshaltungskosten enorm hoch, die Lebensbedingungen jedoch bescheiden. © Roland Brockmann/MISEREOR

Was heißt, es geht keineswegs besser zu?

Was mich in seinen Dimensionen immer wieder überrascht, ist der extreme Kontrast von Reichtum an Rohstoffen bzw. ihrer Förderung und der Armut in der jeweiligen Förderregion. Für die unmittelbar betroffene Bevölkerung hat der Abbau zunächst eher negative Folgen. Er bringt wenig nachhaltige Jobs, führt oft zu Vertreibung, extremer Umweltverschmutzung, enormen sozialen Umbrüchen, denen zum Beispiel das Gesundheitswesen oder die Infrastruktur nicht gewachsen sind, und zum Verlust produktiven Kapitals ohne adäquate Entschädigung für zum Beispiel Kleinbauern. Nigeria beispielsweise hat eine lange und leidvolle Geschichte der Ölförderung, noch immer sind dort 70 Prozent der Menschen extrem arm. Zwischen 60 und 70 Prozent der staatlichen Einnahmen kommen aus der Ölförderung, im Alltag der Menschen kommen aber nicht einmal 10 Prozent davon an. Nigeria ist an der Schwelle zur Industrialisierung, aber was wurde gesamtgesellschaftlich vorangetrieben? Das Öl-Delta ist heute einer der am meisten verschmutzten Regionen weltweit. Auch in China fragt man sich inzwischen zunehmend: Ist die Umweltverschmutzung der Preis, den wir für unsere Entwicklung zahlen wollen?

Die tschadische Regierung ist derzeit der Meinung, dass „Öl arm macht“ und gibt an, den Motor für die Entwicklung des Landes wieder in der Landwirtschaft und in der Viehzucht zu sehen. Vor wenigen Jahren äußerste sich der wiedergewählte Idris Déby aber noch ganz anders.

Bisher war die dominante Wahrnehmung, dass Rohstoffe der Motor für die Entwicklung afrikanischer Staaten sind. Ich glaube, daran wachsen – auch aufgrund der schwankenden Ölpreise – derzeit in Afrika Zweifel. Der Ölpreisverfall hat viele Regierungen zumindest dazu angeregt, den Blick wieder zu weiten. Anfang der 2000er Jahre musste der Tschad als neuer Ölförderer über eine immense Privatinvestition an die Atlantikküste Kameruns angebunden werden. Die Weltbank als Geldgeber forderte, dass Einnahmen aus Öl und Pipeline in die Bekämpfung der Armut fließen sollen; die Bilanz des Vorhabens ist heute mehr als ernüchternd. Milliardensummen versickerten im korrupten System. Mit den Auswirkungen des Pariser Klimaabkommens werden ölfördernde Staaten noch stärker unter Druck geraten. Um die darin geforderte Begrenzung der globalen Erwärmung auf unter 2 Grad das zu schaffen, muss ein Großteil – einige Expertinnen und Experten sprechen von mehr als 80 Prozent – der derzeit bekannten fossilen Ressourcen im Boden bleiben. Ausgehend von den negativen Erfahrungen der Ölförderung, möchten wir die Chancen einer Zukunft mit erneuerbaren Energien für Armutsbekämpfung und Klimaschutz diskutieren. Je eher Zivilgesellschaft und Staaten einen Weg aus der Abhängigkeit von Ölexporten beschreiten, desto wahrscheinlicher ist es, dass dieser Umbruch gelingen kann.

Wie setzt sich Misereor derzeit für seine Partner in Afrika im Bereich Rohstoffabbau und Menschenrechte ein?

Auf europäischer Ebene haben wir vor allem die EU-Richtlinie zu Konfliktrohstoffen im Blick, auf deutscher Ebene den Nationalen Aktionsplan für Wirtschaft und Menschenrechte (NAP). In der Republik Kongo beispielsweise, vor allem in Katanga, kaufen viele chinesische Akteure Rohstoffe auf. Diese werden in Südostasien geschmolzen und weiterverarbeitet. Wir schauen derzeit noch auf das Endprodukt in Deutschland; wieviel Konflikt steckt im Handy, im Tablet? Wichtig wäre es aber, dass auch China für seine verarbeitende Industrie Regelungen zum Verbot von Rohstoffen trifft, die Konflikte und Kriege in den Abbauregionen fördern. Auch die EU ist hiervon noch weit entfernt. Man versucht sich noch immer vor der Verantwortung für die gesamte Lieferkette zu drücken bzw. betont, eine Überprüfung sei gar nicht möglich. Warum geht das dann aber mit Blick auf die Qualität eines Produktes? Selbst ein hoch komplexes Produkt kann detailliert und bis in jeden Schritt nach Qualitätsstandards in der Produktion bewertet werden –erstaunlich, dass es bei Fragen von Arbeitsrechten, Menschenrechten und Umweltrechten nicht geht.


Weitere Informationen:

Unterschreiben Sie unsere Petition: „Menschenrechte vor Profit“ damit deutsche Unternehmen per Gesetz verpflichtet werden, Menschenrechte zu achten

Dossier: „Wenn nur die Kohle zählt“ mit Bildern, der Studie und einem Film zum Kohlebergbau in Südafrika

Dossier „Konfliktrohstoff Coltan“ über den Abbau des Handy-Rohstoffs im Kongo

Autor:

Rebecca Struck

Rebecca Struck arbeitet bei MISEREOR in der Presseabteilung.

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