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„Wenn nur die Kohle zählt“ – auf Exkursion in Südafrika

Die gleichnamige MISEREOR-Studie kann als Anlass dafür gelten, dass sich 20 GeographiestudentInnen der Universität zu Köln zusammen mit Dozentin Dr. Dorothea Wiktorin und Martin Gottsacker von MISEREOR zur Großen Exkursion nach Südafrika aufgemacht haben.

Zu Besuch beim Minenunternehmen Anglo American in eMalahleni. Foto: MISEREOR

Zu Besuch beim Minenunternehmen Anglo American in eMalahleni. Foto: MISEREOR

Nachdem wir in Emalahleni und damit in der Kohleregion ankamen, hatten wir einen Termin bei dem Minenbetreiber Anglo American, der uns zu einer Wasseraufbereitungsanlage führte. Ein Vorzeigeprojekt, wird das verschmutzte Wasser doch zu 98% wieder gereinigt. Uns hat vor allem der Umstand schockiert, dass Anglo American sauberes Wasser unter anderem aus Flüssen entnimmt, es durch den Kohleabbau verschmutzt und sich die Rückführung des sauberen Wassers an die Bevölkerung von der Gemeinde bezahlen lässt. Diesen Teil erfuhren wir aber nicht von Anglo American, sondern erst später…

In der anschließenden Diskussion über „Mining“ generell und die Gefahren für die lokale Bevölkerung und den Naturraum versuchten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihr Unternehmen als Vorreiter bei Aspekten wie Umweltstandards darzustellen und auch für die Bevölkerung tue Anglo American etwas. Gefahr ginge vor allem von den kleinen Unternehmen aus. Selbstkritisch muss an dieser Stelle zugegeben werden, dass Anglo American die meisten von uns zunächst überzeugt hat.

„A mine is a hole owned by liar“ – Mathews Hlabane

Aktivist Mathew Hlabane von der Organisation SAGRC im Gespräch mit den Studierenden. Foto: MISEREOR

Aktivist Mathew Hlabane von der Organisation SAGRC im Gespräch mit den Studierenden. Foto: MISEREOR

In diesem Zusammenhang war unser erstes Zusammentreffen mit Mathews Hlabane von SAGRC (South African Green Revolutionary Council) besonders spannend, denn er teilte unseren ersten guten Eindruck von Anglo American überhaupt nicht. Sein Zitat „A mine is a hole owned by liar“ wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Für die kommenden Tage kündigte er an, uns unter anderem aktive und verlassene Minen von Anglo American zu zeigen und uns vom Gegenteil zu überzeugen.

Leben in direkter Nachbarschaft von Kohleminen

Wie sich das Leben am Rande einer Mine auswirkt, erfahren wir direkt von Anwohnern. Foto: MISEREOR

Wie sich das Leben am Rande einer Mine auswirkt, erfahren wir direkt von Anwohnern. Foto: MISEREOR

Nachdem uns bei Anglo American berichtet wurde, dass die Minen nicht in direkter Nähe zu Wohnsiedlungen lägen, waren wir am nächsten Tag umso schockierter, als unser Bus an einer informellen Hüttensiedlung hielt und auf der anderen Straßenseite direkt die Mine lag. Während die einen noch mehr als verwundert darüber waren, dass die Mine nicht einmal eingezäunt ist, stellten die anderen fest, wie sehr die Luft verschmutzt ist und wie schwer das Atmen fällt. Gespräche mit BewohnerInnen der einfachen Hütten machten uns deutlich, in welchem Teufelskreis diese Menschen stecken. Versuchen sie sich für einen Job in einer Mine zu bewerben, scheitern sie am Gesundheitscheck, der einer Anstellung vorgeschaltet ist. Dadurch, dass die Luft so stark verschmutzt ist, leiden die Menschen an Lungenproblemen wie Tuberkulose oder Asthma. Außerdem haben wir Menschen kennengelernt, die durch verseuchtes Trinkwasser mit starken Nierenprobleme zu kämpfen haben. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass beim Kohleabbau pyrit-haltiges Gestein freigelegt wird und in der Folge toxische Schwermetalle ausgewaschen werden. Die Menschen in den von uns besuchten Hüttensiedlungen haben keinen Strom und kochen deshalb mit offenem Feuer. Dazu suchen sie Kohle in den Ausläufern der angrenzenden Mine. Die Minenbetreiber erlauben das zwar, aber für Sicherheitsmaßnahmen bei dieser gefährlichen Suche fühlen sie sich nicht verantwortlich. Der fehlende Zugang zu Strom machte uns sprachlos, wenn man bedenkt, dass in unmittelbarer Nähe Kraftwerke zur Stromerzeugung stehen.

Verlassene Minen werden nicht gesichert oder rekultiviert und stellen eine Gefahr dar

Verlassene und eingestürzte Minen gefährden die Anwohner. Foto: MISEREOR

Verlassene und eingestürzte Minen gefährden die Anwohner. Foto: MISEREOR

Am nächsten Morgen wanderten wir mit Matthews und seinen Mitstreitern im Gänsemarsch über eine ehemalige Kohlemine. Was auf den Fotos lustig aussehen muss, hat einen ernsten Hintergrund: auch in diesem Gebiet ist Einsturzgefahr ein großes Problem. Darüber hinaus wurden wir mit einem weiteren Phänomen konfrontiert – Flozbrände. Seit über 80 Jahren brennen sie unterirdisch. Ein Junge aus der Hüttensiedlung hat uns erzählt, dass er beim Spielen in einen alten Schacht fiel und sich dabei verbrannt hat. In diesem Zusammenhang weist uns Matthews Hlabane darauf hin, wie wichtig es sei, in die Bevölkerung hineinzuhören. Seine Organisation SAGRC hat unter anderem Erste Hilfe-Kästen angeschafft und BewohnerInnen als ErsthelferInnen geschult. An diesem Beispiel ist uns deutlich geworden, dass wir in Sachen (Entwicklungs-)hilfe manchmal einfach im falschen Maßstab denken. Durch Spuren und Tierkot stellten wir fest, dass Menschen in dem Gebiet der ehemaligen Minen ihr Vieh grasen lassen, wodurch Fleisch und andere Produkte mit Schwermetallen belastet sind. SAGRC fordert von der Regierung, dass das Gebiet eingezäunt wird – getan hat sich seit Jahren nichts. Wir haben einige verlassene Minen gesehen – von Anglo American und von kleineren Minenbetreibern – aber nicht eine war gesichert, geschweige denn rekultiviert.

Durch den Kohleabbau verunreinigte Gewässer. Foto: MISEREOR

Durch den Kohleabbau verunreinigte Gewässer. Foto: MISEREOR

Neben direkten Schäden zeigten uns Matthews und seine MitstreiterInnen auch Folgeschäden des Kohleabbaus. Wir standen in ehemaligen Flussbetten, die weiß vom abgelagerten Sulfat sind. „Snow in Africa“, sagte einer von Matthews Mitstreitern sarkastisch. Flüsse und stehende Gewässer mit einem pH-Wert von 2, vergleichbar mit Batterieflüssigkeit, ließen unseren Atem stocken und unsere schockierte Betroffenheit wurde zu Wut. Unbegreiflich für uns ist, dass wir Kinder weglaufen sahen, die in dem beschriebenen Gewässer gebadet haben – mit Plastikflaschen und mit Luft gefüllten Tüten als Schwimmhilfen. Warnschilder gibt es hier nirgendwo.

Tiefer Respekt und was wir tun können

So bedrückend die Tage mit SAGRC für uns auch waren, der Respekt den wir gegenüber der Arbeit dieser Umweltaktivisten haben, lässt sich kaum in Worte fassen. Das Durchhaltevermögen beim schier aussichtslosen Kampf gegen Minen-, Kraftwerksbetreiber und die Regierung hat uns nachhaltig beeindruckt. Die hier aufgeschriebenen Worte können nicht wirklich das von uns Erlebte wiedergeben. Aber wir werden unter anderem durch Texte wie diesem im Sinne Mathews („Spread our problems“) auf die Problematiken vor Ort aufmerksam machen. Darüber hinaus werden wir im Anschluss an unsere Exkursion gemeinsam mit MISEREOR ein Schulmaterial zum Gesehenen und Erlebten entwickeln, das online verfügbar sein wird. Unsere Zeit mit SAGRC und den anderen Partnerorganisationen, die wir während unserer Exkursion kennen gelernt haben, hat uns für unsere spätere Arbeit, sei es in der Schule oder anderswo für die Schieflagen vor Ort sensibilisiert. Wir möchten andere Menschen dazu ermutigen, sich mit Problemen in anderen Ländern intensiver auseinander zu setzen. Unsere Erlebnisse und Erfahrungen von der Exkursion werden uns dabei behilflich sein. Nachdem wir so viel gesehen und erlebt haben, ist es unser Anliegen, ein Projekt in Südafrika zu unterstützen. Welches, werden wir an unserem im Herbst folgenden Workshop-Tag entscheiden. Alle Stationen unserer Exkursion und unsere Erlebnisse können in unserem Blog nachgelesen werden.


Die Gruppe der Geographie-Studierenden, darunter 16 angehende Lehrerinnen und Lehrer in der Msinga-Region. Foto: MISEREOR

Die Gruppe der Geographie-Studierenden, darunter 16 angehende Lehrerinnen und Lehrer in der Msinga-Region. Foto: MISEREOR

Eine Große Exkursion ist im Geographie-Masterstudium obligatorisch, das Ziel kann den jeweiligen Angeboten entsprechend gewählt werden. Dass eine solche Exkursion als Kooperation stattfindet, ist nicht unbedingt üblich. Umso dankbarer sind wir Martin Gottsacker, dass er unser Institut, auch aufgrund des Afrika-Schwerpunkts, für diese Kooperation ausgesucht hat. Nicht zuletzt, weil unsere Gruppe bis auf vier StudentInnen aus LehramtsstudentInnen bestanden hat, war sie in den Augen von MISEREOR der geeignete Multiplikator für die Erkenntnisse aus der Kohlestudie, aber auch für andere Themen, die auf der Exkursion behandelt wurden.

Neben der Kohleabbauregion in Mpumalanga besuchten wir mit MISEREOR-Partnerorganisationen informelle Siedlungen und sogenannte „Bad Buildings“ in Johannesburg. Wir beleuchteten das südafrikanische Bildungssystem und konnten in Schulen selber zeitweise den Unterricht übernehmen und zum Schluss der Reise ging es nach einem Aufenthalt im Hluhluwe Nationalpark noch in die tief im Zulu-Land gelegene ländliche Msinga-Region, in der wir ein Landwirtschaftsprogramm besuchten und bei Gastfamilien übernachteten. Bei den Projektpartnern hat uns Martin Gottsacker mit den Worten „They have read the topics in books, now they want to see them in reality“ vorgestellt und damit unser geographisches Interesse auf den Punkt gebracht. Der Kohleabbau und seine Folge für die lokale Bevölkerung und den Naturraum war für uns als GeographInnen im Kontext von Mensch-Umwelt-Beziehungen besonders spannend.


Jan Rossdeutscher ist Student an der Uni Köln und hat im September 2016 an der Südafrika-Exkursion des Geographischen Instituts der Uni Köln in Kooperation mit MISEREOR teilgenommen.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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