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Kamerun: Anglophone sind Bürger zweiter Klasse im eigenen Land

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Der Konflikt in Kamerun zwischen dem anglophonen Teil des Landes und der Zentralregierung in Yaounde schwelt seit Jahren. Hintergrund der Spannungen ist die von vielen Kamerunern wahrgenommene Vorzugsbehandlung der mehrheitlich französisch sprechenden Bevölkerung in vielen Bereichen des alltäglichen Lebens. Nachdem wiederholt Gesetzestexte nicht ins Englische übersetzt und französischsprachige Lehrer in englischsprachigen Schulen geschickt wurden, traten Lehrer und Anwälte in einen Streik, der bis heute anhält. In großen Demonstrationen machten die englischsprachigen Kameruner ihrem Frust Luft, es kam zu Verhaftungen, Menschen  starben. Frank Wiegandt, Kamerun-Länderreferent bei MISEREOR, ist derzeit vor Ort und berichtet von einer immer angespannteren Lage.

Auf der Fahrt nach Bamenda, der Hauptstadt der anglophonen Region Nordwest, ist schon der äußerst schlechte Zustand der Straße symptomatisch für den Verfall der Infrastruktur in den ländlichen Gebieten des Landes. Eine Straßenmaut wird erst gar nicht mehr erhoben, weil der Zustand der Straße einfach zu desolat ist. Für die letzten 30 Kilometer bis nach Bamenda brauchen wir über eine Stunde. Ich bin am Abend des für jeden Montag angesetzten „Tag der toten Stadt“ (auch ghosttown oder ville morte in Kamerun genannt) in Bamenda angekommen. Geschäfte und Büros sind geschlossen geblieben, die Schulen und die Universität streiken schon seit Monaten, der Straßenverkehr kommt zum Erliegen. Ich checke im staatlichen Hotel Abaya ein, wo auch der Premierminister einquartierte wurde, um, wie es in den regierungsnahen Medien heißt ,“Sensibilisierungsmassnahmen“ in der Region durchzuführen. Schwerbewaffnete Spezialeinheiten der Armee bewachen den Zugang zum Hotel.

Spannung liegt in der Luft. Kaum Leben ist auf den Straßen. Hier und da sieht man kleinere Menschengruppen, die diskutieren und mit Handys hantieren, um an Informationen zu gelangen. Die Stadt ist im Ausnahmenzustand und scheint wie von der Welt abgeschnitten. Vor einem Monat schnitt die Regierung die beiden anglophonen Regionen vom Internet ab. Der Kontakt zu unseren Partnern kann nur noch per Telefon aufrecht erhalten werden.

Die Vertreter der Verbände der Lehrer und der Anwälte wollten mit ihren Streiks erreichen, dass die im Zuge der öffentlichen Kundgebungen und Demonstrationen inhaftierten Kollegen und Studenten wieder frei gelassen werden. Und dass Sprache, Kultur und Identität der anglophonen Regionen besser gewürdigt und erhalten werden, insbesondere das besondere Rechtssystem (Common Law) und das Bildungssystem. Die lange angekündigte Dezentralisierung mit weitreichenden Kompetenzen für die dezentralen Verwaltungen soll endlich Wirklichkeit werden.

Ausgelöst wurden die Unruhen dadurch, dass Gesetzestexte nicht in der englischen Übersetzung vorliegen und dass frankophone Lehrer ohne Englischkenntnisse vom Ministerium in englischsprachige Schulen entsandt sind. Die Bürger der anglophonen Regionen fühlen sich als Bürger zweiter Klasse im eigenen Land. Ein Bischof sagte, es sei notwendig, dass die Regierung endlich mal zuhöre, Dialogbereitschaft zeige und damit aufhöre so zu tun, als gäbe es kein Problem in den anglophonen Regionen.  Einer unserer langjährigen Partner sagt, es gehe in diesen Tagen nicht weniger als um die Zukunft des geeinten Kameruns.

Die Bischöfe der fünf Diözesen der beiden anglophonen Regionen ersuchten ein Gespräch mit dem Staatspräsidenten, der das bisher ablehnte. Das fragile Konstrukt des bilingualen und multikulturellen Kameruns ist, neben dem Krieg gegen Boko Haram im Norden, einer weiteren großen Herausforderung ausgesetzt.

Über den Autor: Frank Wiegandt arbeitet als Länderreferent für Kamerun bei MISEREOR.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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