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Brasilien: Gekürzt wird nur bei den Armen

Naidison de Quintella Baptista von der brasilianischen Sozialorganisation ASA war kürzlich zu Gast in der MISEREOR-Geschäftsstelle.
Im Interview äußert er seine Sorge über die soziale Lage im Land.

Prangert die Sozialkürzungen der brasilianischen Regierung an: Naidison de Quintella Baptista von der MISEREOR-Partnerorganisation ASA. Foto: MISEREOR

Sie kommen aus dem Nordosten von Brasiliens, einem sehr trockenen Gebiet. wie sehr hat der Klimawandel das Leben in der Region verändert?

Wir haben dadurch in jüngerer Zeit immer größere Schwierigkeiten bekommen, weil der Regen geringer geworden ist und sehr unregelmäßig fällt. Bei uns macht sich das  Klima-Phänomen La Niña bemerkbar, das meist im Anschluss an die bekanntere Wettererscheinung El Niño auftritt und in Brasilien generell für verschärfte Trockenperioden sorgt. Wettervorhersagen sind immer schwerer zu treffen. Wir erleben immer häufiger Zeiten, in denen man wegen der Trockenheit keinen Feldbau betreiben kann. Natürlich würden wir uns wünschen, dass die brasilianische Regierung   benachteiligte Bevölkerungsgruppen dabei unterstützt, nachhaltig und professionell Regenwasser zu sammeln.  Ich denke dabei nicht  an riesige Staubecken, sondern eher an dezentral verteiltes Wasser, das in Zisternen aufgefangen wird – einen solchen Weg nennen wir in Brasilien die  Demokratisierung des Wassers. Die Bevölkerung sollte ihn gemeinsam gehen, individuelle Interessen sollten zurückstehen. Es ist ganz wichtig, die vorhandene Vegetation zu bewahren. Die brasilianische Caatinga zum Beispiel  ist eine einmalige Landschaftsform im Norden unseres Landes. Sie besteht vor allem aus Pflanzen und Bäumen, die an ein sehr trockenes Klima angepasst sind. Sie stehen allerdings in Konkurrenz zu großen Plantagen, zum Teil Monokulturen, wo vorwiegend Früchte für den Export, nicht zuletzt nach Europa, produziert werden. Diese Plantagen verbrauchen deutlich zu viel Wasser.         

Wie stark werden  die von den Folgen des Klimawandels besonders betroffenen Menschen durch den Staat unterstützt?

 Die Regierung hat diese Menschen in gewissem Maße unterstützt, etwa durch kleine Zisternen  an den  Wohnhäusern, aber  auch größere Wasserbehälter  für den Einsatz im  Gemüseanbau und der Hühnerhaltung. Die politische Führung hat sich auch um die Verbreitung klimaresistenteren Saatguts gekümmert.  Kleinbauern wurden beraten, die solidarische Landwirtschaft und die damit zusammenhängende Vermarktung wurden gefördert.  Wir stellen aber fest, dass der Staat zugleich Projekte mitfinanziert,  die für die Umwelt  schädlich sind, etwa die Monokulturen zur Herstellung von Holz oder Eukalyptus.  Große Waldflächen werden gerodet und nicht wieder aufgeforstet. Ich bin gespannt, wer auf Dauer mehr Geld bekommt. Dabei war die bisherige Politik sehr erfolgreich. Durch das Geld für die Anschaffung von Zisternen haben etwa eine Million Familien und damit rund 4,5 Millionen Menschen im Nordosten Brasiliens jetzt hygienisches und gutes Wasser.  Die Leute haben zuvor ganz schmutziges,  lehmiges Wasser getrunken. Aber aktuell laufen wir Gefahr, dass all die genannten Programme zur Unterstützung benachteiligter Bevölkerungsgruppen  nicht weitergeführt werden. Wir hören, dass die aktuelle Regierung Kosten sparen will. Wir versuchen,  alle Kräfte zu sammeln, um Widerstand gegen die geplanten Sozialkürzungen zu leisten.

 Was waren die Hauptmotive für die Straßenproteste der jüngsten Zeit in Brasilien?    

 Es ging auch da um die vorgesehenen Schnitte im Haushalt etwa bei der Finanzierung von Renten- und Krankenversicherungen. Da gibt es Kürzungen bei Rentenzahlungen für Frauen, das Rentenalter wird erhöht, und die Krankenversicherung wird so weit zurückgefahren, dass nicht mehr für jeden eine ausreichende, menschenwürdige Versorgung möglich ist. Hinzu kommt die geplante Reform, mit der viele seit Jahrzehnten bestehende Rechte von Arbeitnehmern eingeschränkt oder abgeschafft werden sollen.        

Trifft es zu, dass ärmere Menschen weit stärker von den Kürzungsplänen betroffen sind als andere Bevölkerungsgruppen?

Es ist noch schlimmer: Nur die ärmere Bevölkerung ist davon betroffen. Nur! Die Kinder der Wohlhabenden gehen nicht in die von Sparzwängen geplagten öffentlichen Schulen, sondern auf Privatschulen. Die Reichen benutzen nicht das staatliche Gesundheitswesen, weil sie private Alternativen haben. Und sie bekommen auch nicht die Rente vom Staat bezahlt, weil  private Rentensysteme für sie einstehen. In den Stadtvierteln der Reichen fließt immer Wasser aus den Hähnen,  und dieses Wasser ist auch immer von guter Qualität. Im Landesinneren tut der Staat dagegen zu wenig, wenn es dort an  Wasserleitungen mangelt. Da müssen Zisternen reichen.  Hochproblematisch ist auch die Ableitung von Wasser über neue Kanäle aus dem Fluss Sao Francisco. Es wird zwar behauptet, dass damit die Wasserversorgung von Menschen im dürregeplagten Nordosten Brasiliens verbessert wird,  und einige Städte werden auch mehr Wasser bekommen. Aber  dazu hätte man nicht diese riesigen Kanäle benötigt.  Die Wahrheit ist: Das Wasser wird weitestgehend verwendet werden für die exportorientierte  Landwirtschaft,  für die Garnelenzucht, für Industriezentren und ähnliches, aber keineswegs,  um das Wasserproblem weiter Bevölkerungskreise zu lösen.  

Trauen Sie der jetzigen Regierung Temer zu, dass sie noch einen Weg zu gerechteren Reformen findet oder wird diese Regierung letztlich verschwinden müssen, damit sich etwas ändert?

Dass diese Regierung sich ändert, ist vollkommen ausgeschlossen. Sie unterstützt bestimmte Eliten, durch die sie  auch an die Macht gebracht worden ist. Sie neigt zur Bevorzugung von  Banken und internationalen Großunternehmen.  Arbeitnehmerrechte spielen eine weit geringere Rolle. 


Weitere Informationen     

Spendenprojekt in Brasilien: „Mit angepasster Landwirtschaft Existenz sichern“

Geschrieben von:

Ansprechpartnerportrait

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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