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Philippinen: Menschenwürde und Menschenrechte müssen oberste Maßgaben sein

Anfang Juni reiste Erzbischof Dr. Ludwig Schick auf die Philippinen. Schwerpunkte seines Besuches waren die Hauptstadt Manila und die Insel Mindanao.

Kardinal Quevedo und Erzbischof Schick im Gespräch über die komplizierte Geographie und Geschichte von Mindanao. © Deutsche Bischofskonferenz / Mussinghoff

Kardinal Quevedo und Erzbischof Schick im Gespräch über die komplizierte Geographie und Geschichte von Mindanao. © Deutsche Bischofskonferenz / Mussinghoff

In Manila fanden Gespräche mit der Caritas, der kirchlichen Migrationskommission und Menschenrechtsgruppen statt, die sich für soziale Gerechtigkeit, den Frieden im Land, die Bewahrung der Schöpfung und vor allem für die Menschen in prekären Lebensbedingungen einsetzen. Der zweite Teil der Reise führte den Vorsitzenden der Kommission Weltkirche auf die im Süden der Philippinen gelegene Insel Mindanao. Seit den 1970er Jahren flammen dort immer wieder Kämpfe muslimischer Rebellen gegen die Zentralregierung auf. Auf Einladung des Erzbischofs von Cotabato, Kardinal Orlando Quevedo, informierte sich Erzbischof Schick über den laufenden Friedensprozess und die Bemühungen der Kirche für dessen Erfolg.

Sie sind vor einigen Tagen wieder von den Philippinen zurückgekehrt. Was hat Sie rückblickend am meisten beeindruckt?

Erzbischof Schick besucht das Armenviertel Baseco in Manila nahe der Innenstadt. Hier leben über 100.000 Menschen unter sehr primitiven Bedingungen. © Deutsche Bischofskonferenz/Mussinghoff

Erzbischof Schick besucht das Armenviertel Baseco in Manila nahe der Innenstadt. Hier leben über 100.000 Menschen unter sehr primitiven Bedingungen. © Deutsche Bischofskonferenz/Mussinghoff

Schick: Die vielen engagierten Christen, Laien, Priester, Ordensleute, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen! Solche habe ich beim Besuch in dem Armenviertel Baseco in Manila und auf Mindanao erlebt. In Baseco, nahe der Innenstadt, leben über 100.000 Menschen unter sehr primitiven Bedingungen. Viele sind der Armut auf dem Land oder dem Bürgerkrieg auf Mindanao entflohen und nun dort gestrandet. Kaum jemand hat feste Arbeit, man ist auf Gelegenheitsjobs angewiesen. Aber die Menschen halten durch und die Kirche steht an ihrer Seite. Aktive Christen sorgen mit ihren Initiativen dafür, dass dieser Slum von der Stadtverwaltung nicht völlig vergessen wird. Sie haben für eine Wasserleitung und für elektrischen Strom gesorgt, sind am Aufbau von Gesundheitsdiensten beteiligt und haben sich dafür eingesetzt, dass in Baseco Schulen errichtet werden. Es wurde dort eine Pfarrei gegründet. In einer sehr schlichten Kirche, eher ein überdachter, nach allen Seiten hin offener Versammlungsort, haben wir die heilige Messe mit vielen Hundert Gläubigen gefeiert. Dies war ein intensives Erlebnis. Man spürte die Lebensfreude, die sich mit tiefem religiösen Ernst verbindet. Die Menschen zeigen: Hier, vor Gott versammelt, haben wir ein Zuhause. Sie sind an den Rand der Gesellschaft gedrängt, von vielen vergessen – nicht aber von Gott! Er ist es, der ihre Würde verbürgt und ihnen die Hoffnung erhält, die sie überleben lässt.

Sie haben auf Ihrer Reise auch Vertreter und Vertreterinnen verschiedener Partnerorganisationen von MISEREOR getroffen. Wie schätzen Sie die Rolle des bischöflichen Hilfswerks in den Philippinen ein?

Schick: Die Rolle, die MISEREOR und andere katholische Hilfsorganisationen aus Deutschland auf den Philippinen spielen, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden und findet viel Anerkennung. Ich war beeindruckt von der Breite des Engagements, das auch von MISEREOR gefördert wird. Es geht um Wohnungsbau und Gesundheit, um klimaneutrale Energie und Naturschutz. Selbsthilfeorganisationen und Rechtsberatung, die die Interessen der Armen gegenüber dem Staat oder reichen Eliten verteidigen, erhalten die nötigen Finanzmittel. Es gibt auch intensive Hilfe für die Arbeitsmigranten, die vor allem in den Mittleren Osten gehen – etwa 10 Prozent der Philippinos sind im Ausland. Die Kirche und ihre Partner leisten viel Gutes. Davon habe ich mich überzeugen können.

Ihre Reise hat Sie auch nach Mindanao geführt, in einen Teil dieser Insel, der einerseits durch Gewaltkonflikte geprägt ist, die kürzlich in der Stadt Marawi eskaliert sind und zur Verhängung des Kriegsrechts geführt haben. Anderseits haben die philippinische Regierung und die muslimische Moro Islamische Befreiungsfront, MILF, dort in den letzten Jahren einen vielversprechenden Friedensprozess vorangetrieben. Wie wirkte auf Sie die Lage in der Stadt Cotabato City? Und wie haben Sie die Rolle wahrgenommen, die die Hilfsorganisationen in dieser schwierigen Region spielen?

Schick: Die Lage in Cotabato ist derzeit ruhig. Aber auch während meines Besuchs machten immer wieder Gerüchte über bevorstehende Anschläge die Runde. Das Kriegsrecht ist verhängt, überall gibt es Straßensperren und Kontrollen sowie eine nächtliche Ausgangssperre. Mindanao und die benachbarten Inseln durchleben eine schwierige und vielleicht entscheidende Phase: Während die Regierung mit der MILF Verhandlungen über eine Autonomie der mehrheitlich muslimischen Teile der Insel führt, setzen andere, islamistisch inspirierte Gruppen, von denen einige wohl auch mit dem IS verbunden sind, auf eine Strategie des Terrors. Ich hatte Gelegenheit, an der Seite von Kardinal Quevedo mit der offiziellen Verhandlungskommission zu sprechen und auch mit dem Anführer der MILF. Offenbar sind die Gespräche über eine Friedenslösung sehr weit gediehen; wir haben viel Optimismus gespürt. Allerdings weiß niemand genau zu sagen, wie man sich des islamistischen Terrors erwehren kann. Es gibt die Hoffnung, dass er an Attraktivität verliert, wenn die Autonomie erst einmal verwirklicht ist. Aber Gewissheit hat niemand.

Gespräch mit Al-Haj Ibrahim Murad, dem Vorsitzenden der „Moro Islamic Liberation Front“, die der Gewalt abgeschworen und sich dem Friedensprozess in Mindanao verpflichtet hat. vlnr: Kardinal Quevedo, Al-Haj Murad, Erzbischof Schick © Deutsche Bischofskonferenz / Mussinghoff

Gespräch mit Al-Haj Ibrahim Murad, dem Vorsitzenden der „Moro Islamic Liberation Front“, die der Gewalt abgeschworen und sich dem Friedensprozess in Mindanao/Philippinen verpflichtet hat. vlnr: Kardinal Quevedo, Al-Haj Murad, Erzbischof Schick © Deutsche Bischofskonferenz / Mussinghoff

Die Kirche versucht, dem Frieden vor allem mit interreligiösen Initiativen an der Basis zu dienen. Ich konnte mit beeindruckenden Männern und Frauen, Christen wie Muslimen, sprechen, die sich gegen Gewalt und Abgrenzung und stattdessen für ein neues Miteinander engagieren. In vielen gemeinsamen Projekten, besonders im Schul- und Bildungsbereich, die auf ein besseres Leben zielen, wächst im Kleinen Vertrauen. Das gibt Hoffnung auf eine gute und friedliche Zukunft.

Die Menschenrechtslage unter der Regierung Duterte wird von vielen kritisiert. Der Kampf der Regierung gegen Drogenkonsum und Drogenkriminalität hat seit Mai letzten Jahres zu mehr als 7.000 Mordopfern geführt. Wie haben Sie die Haltung der katholischen Kirche auf den Philippinen diesem Problem gegenüber wahrgenommen?

Schick: Drogen und Drogenkriminalität sind schwerwiegende Probleme auf den Philippinen. Da man ihrer Lösung in den zurückliegenden Jahren nicht nähergekommen ist, haben sich viele Bürger bei den letzten Präsidentschaftswahlen für Duterte und seine Partei entschieden, die einfache und radikale Lösungen versprechen. Das führt nun jedoch zu einer gefährlichen Erosion des Rechtsstaates. Mit Duldung oder sogar Zustimmung des Staates wird Gewalt privatisiert. Bandenmäßig organisierte Selbstjustiz macht sich breit. Aus der Geschichte wissen wir: So etwas kann schon in verhältnismäßig kurzer Zeit zur Zerstörung eines Gemeinwesens führen. Die Bischöfe und ebenso die vielen engagierten kirchlichen Gruppen machen sehr deutlich auf diese Gefahrenlage aufmerksam und bekommen dafür auch den Zorn der Regierung zu spüren. Deutliche Kritik äußert die Kirche auch gegenüber Plänen zur Wiedereinführung der Todesstrafe und zu einer drastischen Herabsetzung des Strafmündigkeitsalters. Man weiß: Wenn die Sicherheitslage prekär ist, muss der Staat mit fester Hand agieren, dabei das Gewaltmonopol bewahren sowie Recht und Gesetz durchsetzen; dabei müssen die Menschenwürde und die Menschenrechte oberste Maßgaben sein. Andernfalls verliert die Gesellschaft ihre Freiheit und die Armen sind die ersten Opfer. Die Kirche setzt sich für Rechtsstaatlichkeit, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz ein und ist darin Vorreiter.


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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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