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Irak: Was kommt nach dem Hass des IS?

Wie sieht es in den gerade vom IS befreiten Gebieten aus? Eindrücke aus dem Norden des Irak von MISEREOR-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon. Teil 4 seines aktuellen Irak-Blogs.

Welcher Hass muss in diesen Menschen gewütet haben? Ich gehe durch die Ruinen des nur 15 Kilometer von Mossul entfernten christlichen Dorfes Batnaya und sehe die vielen Graffiti der IS-Terrortruppe an den Mauern. Meine Begleiter übersetzen sie mir – viele enthalten in Arabisch die Lehren des IS und Beschimpfungen der Christen.

verwüstete Kapelle

Vom IS verwüstete Kapelle nahe Mossul

IS-Parolen auf Deutsch

Plötzlich jedoch stehe ich in der verwüsteten Kapelle der Ortskirche auch vor Sprüchen, die ich selbst lesen kann. Sie sind in deutscher Sprache geschrieben: „Ihr Kreuzsklaven, ihr gehört nicht hierher. Wir schlachten euch alle, ihr schmutzigen dreckigen Ungläubigen“, so steht es da. An anderer Stelle finde ich weitere, ähnliche Drohungen auf Deutsch. Der Anblick wirkt ebenso bizarr wie der Inhalt. Aber es ist zugleich auch unglaublich erschreckend, diese Verwünschungen in meiner eigenen Muttersprache hier, tief im Irak, zu lesen. Welche Biographie, welche Intoleranz, welcher Fanatismus haben den Urheber dieser Zeilen aus Deutschland hierher gebracht? Und welche Perversion der Religion war hier am Werk? Was dort geschrieben steht, ist keine leere Drohung oder dumme Schmiererei. Es ist für viele blutige Realität geworden. Hier ist unendlich viel Leid geschehen.

Häuser und Seelen in Trümmern

Das ehemals friedliche Dorf ist eine der sehr alten, christlichen Siedlungen in Ninive. Jetzt ist es zu einem blutigen Schlachtfeld geworden. Hier sind viele Bomben gefallen. Und in den Trümmern ist außer Soldaten kaum noch  jemand zu finden. Das ehemalige Haus der Dominikanerschwestern war offenbar die IS-Zentrale hier an der Frontlinie. Nun ist es, von Granaten getroffen, in sich zusammengesackt. Nur die Mauer drumherum ist wundersam intakt geblieben – ebenso wie zwei Zitronenbäume, an denen sogar wieder Früchte heranreifen. Vielleicht ein Zeichen der Hoffnung – und es braucht diese Hoffnung ebenso wie Heilung für die verwundeten Seelen.

Mauer

Therapeutische Auswege aus Hass und Gewalt

Hier in den Dörfern um Alquosh gibt es jetzt viele traumatisierte Menschen: Christen ebenso wie Jesiden, Kurden ebenso wie Araber. Das bestätigen mir der Ortspfarrer Arram ebenso wie der Leiter unserer Partnerorganisation Jiyan Foundation. Mit MISEREOR-Hilfe hat die Jiyan Foundation hier in Alquosh gerade ein neues Behandlungszentrum eröffnet. Es ist das 27ste solcher Zentren für medizinische und psychosoziale Traumaarbeit im ganzen Irak. Umso wichtiger also, therapeutisch die Gewalterfahrungen aufzuarbeiten und Auswege aus der Spirale von Hass und Gewalt aufzuzeigen. Dabei werden wir von MISEREOR gern weiter mithelfen – im Bewusstsein, dass wir auch bei uns in Deutschland aufzuarbeiten haben, warum ein Mensch wie der Schreiber an der Wand der Kapelle von Batnaya in unserem eigenen Land so wurde wie er war.


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Anlässlich seiner Rückkehr aus dem Irak findet am 11.09. um 11 Uhr eine Pressekonferenz bei MISEREOR in Aachen mit Dr. Martin Bröckelmann-Simon statt.
Kontakt:
Rebecca Struck

Tel. 0241 442 110 / 0170 481 22 11 

Autor:

Martin Bröckelmann-Simon

Dr. Martin Bröckelmann-Simon verantwortet als Geschäftsführer für Internationale Zusammenarbeit die Entwicklungszusammenarbeit mit Partnern in Afrika, Naher Osten, Asien, Ozeanien und Lateinamerika.

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