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Fusion Bayer und Monsanto: EU-Entscheidung mit fatalen Folgen

Mit der am 21. März in Brüssel bekanntgegebenen Erlaubnis der EU-Wettbewerbskommission haben die Konzerne Bayer und Monsanto eine wichtige Hürde für ihre Fusion genommen. Für Bauernorganisationen, Umweltschützer und Verbraucher weltweit ist dies eine fatale Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen.

Wird die Fusion der beiden Konzern-Giganten in der nächsten Zeit auch in weiteren Ländern mit wichtigen Absatzmärkten wie Argentinien, Indien und den USA genehmigt, hat das „Familienunternehmen“ Bayer rund 30 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes unter seiner Kontrolle. Durch die zunehmende Markt- und Machtkonzentration ist zu befürchten, dass die Gentechnik verstärkt vorangetrieben wird.

Bayer und Monsanto als „Pac-Man“. Foto: MISEREOR

Von der Agrarindustrie forcierte Saatgutgesetze dürften den freien Zugang zu bäuerlichem Saatgut weiter beschneiden. Kombinieren Bayer und Monsanto, wie geplant, ihr Budget für ihre Technologieplattformen für Forschung und Entwicklung, verfügen sie jährlich über rund 2,5 Milliarden Euro, um die globale Landwirtschaft auf eine hoch technisierte, industrialisierte Struktur umzustellen, was damit ganz ihrem Interesse dient. Die Aussage von Bayer-Konzernchef Werner Baumann, nur durch High-Tech-Landwirtschaft könne eine wachsende Weltbevölkerung ernährt werden, ist mehr als fragwürdig. Der Konzern scheut weder Kosten noch Mühen, um das eigene Geschäftsmodell zu rechtfertigen: eine Agrarindustrie, die vor allem auf Ertragssteigerung durch Konzernsaatgut und giftige Pestizide setzt, in der es um Gewinnmaximierung und die Erschließung neuer Wachstumsmärkte geht. Deren kapitalintensive, hoch risikoreiche Ansätze weder an den Realitäten bäuerlicher Betriebe ausgerichtet sind, noch an die sich verändernden klimatischen Bedingungen, mit denen Bauern und Bäuerinnen weltweit konfrontiert sind. Und in der durch die Förderung großflächig angelegter Monokulturen wie Soja und Mais die Artenvielfalt verdrängt, kleinbäuerliche Betriebe von ihrem Land vertrieben und Böden und Grundwasser ernsthaft geschädigt werden, statt die Ernährung der Weltbevölkerung nachhaltig zu sichern.

Es mangelt nicht an Nahrungsmitteln, sondern an Verteilungsgerechtigkeit

Der sogenannte „Welternährungsnarrativ“ von Bayer blendet vollständig und hartnäckig aus, dass rund 500 Millionen bäuerliche Familienbetriebe weltweit den Großteil der Weltbevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgen. Auch ignoriert der Konzern die strukturellen Fehler des globalen Ernährungssystems: Bereits heute werden Nahrungsmittel für fast doppelt so viele Menschen produziert, wie auf der Erde leben.

Von den Feldern werden die Sojabohnen in die Silos multinationaler Aufkäufer wie Cargill und Bunge oder bis zu den privaten Frachthäfen verbracht, von wo die Bohnen nach Europa gebracht und zu Viehfutter verarbeitet werden. © Luis Vera/MISEREOR

Ein Großteil der industriell produzierten Agrarrohstoffe dient nicht dem menschlichen Verzehr, sondern landet in Kraftstoff-Tanks oder wird als Tierfutter oder zur Herstellung von Plastik verwendet. Es mangelt damit letztlich nicht an Nahrungsmitteln, sondern an Verteilungsgerechtigkeit und einer starken Stellung bäuerlicher Erzeuger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Agrarkonzerne und die hinter ihnen stehenden Finanzinvestoren müssen so reguliert werden, dass eine nachhaltige und gute Ernährung für alle ermöglicht werden kann.

Fehlende Warnhinweise bei Pestiziden

Weltweit haben im vergangenen Jahr hunderte Organisationen, Millionen Bauern, Landarbeiter, Verbraucherinnen und Verbraucher ihre Wettbewerbskommissionen, Justizministerien und Regierungen dazu aufgefordert, die Fusion der beiden Konzerne zu stoppen. Sie befürchten steigende Preise für Betriebsmittel wie Saatgut, Dünger und Pestizide, eine verminderte Qualität, weniger Auswahl und geringere Innovationen im Agrarsektor. All diese Protestierenden sind keine Vertreter eines romantisierten Landwirtschaftsmodells, sondern sie berufen sich auf handfeste Erfahrungen. Insbesondere im globalen Süden sind die negativen Folgen des Agrobusiness für Mensch und Umwelt schon heute nachweislich spürbar. Wie in Indien, wo hunderttausende Plantagenarbeiter und Bauern Pestizide in großen Mengen und ungeschützt einsetzen – oftmals ohne zu wissen, wie gefährlich diese für ihre eigene Gesundheit sind. Deshalb klagte zuletzt die MISEREOR-Partnerorganisation „European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR)“ gegen Bayer CropScience vor der deutschen Landwirtschaftskammer im Fall des Pestizids „NativoWG75“: Auf den in Indien unverpackten Tüten mit dem Pestizid fehlte der Warnhinweis über die Risiken für ungeborene Kinder, der bei der Ausfuhr aus Deutschland noch auf den Behältern zu finden ist.

Auch in anderen Fällen fehlen Informationen über Gebrauch und Risiken oder sind Benutzerhinweise nicht in den lokalen Sprachen verfasst. Vor allem im Bundesstaat Punjab wurden zahlreiche Fälle von Gesundheitsproblemen registriert, die Ärzte und Studien der indischen Regierung auf den massiven, ungeschützten Pestizidgebrauch zurückführen. Eine Mitverantwortung für den Schutz der Arbeiterinnen und Arbeiter in Indien weisen die deutsche Landwirtschaftskammer und der Konzern jedoch weit von sich. Doch darf, wo nachweislich die Gesundheit von Menschen auf dem Spiel steht, die Verantwortung eines Konzerns für sein Produkt an der eigenen Landesgrenze enden?

Monsanto: ein skrupelloser Agrochemie-Konzern

Auch der schlechte Ruf des Agrochemie-Giganten Monsanto, den Bayer nun schlucken will, kommt nicht von ungefähr. Der Konzern setzt sein Geschäftsmodell seit Jahrzehnten skrupellos durch. So klagte Monsanto gegen den Bundesstaat Kalifornien, weil dieser Glyphosat auf die Liste krebserregender Chemikalien setzen ließ. In Mexiko hat der Konzern versucht, ein Anbau-Verbot von Gentech-Soja zu verhindern, das die Gebiete von Imkern und der indigenen Bevölkerung vor Monokultur und Glyphosat-Besprühung schützen sollte. In Brüssel schloss das Parlament im September 2017 seine Tore für die Monsanto-Lobbyisten, weil sich der Konzern geweigert hatte, Vertreter zu einer Anhörung zum Thema Glyphosat zu schicken.

Hungerbekämpfung kann ohne Hilfe durch Konzerne wie Bayer und Monsanto funktionieren

Erfolgsstory Masipag: Kleinbauern erlangen dank der Unterstützung durch die Organisation Masipag wie die Kontrolle über ihr Saatgut, wie zu Beispiel beim Reis.

Erfolgsstory Masipag: Kleinbauern erlangen dank der Unterstützung durch die Organisation Masipag wie die Kontrolle über ihr Saatgut, wie zu Beispiel beim Reis.

Längst gibt es, das zeigen MISEREOR-Partnerorganisationen wie auch Bäuerinnen und Bauern weltweit, Alternativen zum „Entwicklungsmodell“ der Megakonzerne. Sie sind sozial gerecht, indem sie Arbeit und Einkommen für viele Menschen zu fairen und menschenwürdigen Bedingungen schaffen, sowie umweltfreundlich, weil sie die Artenvielfalt fördern und an das Klima und die lokalen Bedingungen angepasst sind. Die philippinische MISEREOR-Partnerorganisation Masipag macht seit vielen Jahren vor, wie eine nachhaltige Hungerbekämpfung ganz ohne die vermeintliche „Hilfe“ der Konzerne funktionieren kann. Das Netzwerk, in dem rund 35.000 Bäuerinnen und Bauern mit Wissenschaftlern und NGOs zusammenarbeiten, hat auf den Philippinen über 2.000 verschiedene Reissorten gesammelt, die getauscht und weiterentwickelt werden. Darunter Saatgut, das gegenüber dem Gen-Saatgut um ein Vielfaches resistenter gegen klimawandelbedingte Fluten, Versalzung oder Dürren ist.

Bauern vor der Abhängigkeit von teuren Konzernprodukten schützen

Es ist die Aufgabe der neuen Bundesregierung, die Konzernmacht im Agrarsektor stärker zu regulieren und die dringend notwendige globale Ernährungs- und Agrarwende zu unterstützen. Dazu gehört, sich für eine Saatgutgesetzgebung einzusetzen, die Bäuerinnen und Bauern darin bestärkt, ihr Saatgut frei nutzen, tauschen und verkaufen zu können und sie damit vor der Abhängigkeit von teuren Konzernprodukten zu schützen. Züchtungsstrategien müssen Bäuerinnen und Bauern aktiv einbeziehen und agrarökologische Systeme stärken.

Shantabai, ihr Mann und ihr Sohn haben heute dank der Unterstützung durch die MISEREOR-Partnerorganisation etwa 1,2 Hektar Land in Indien. Sie setzt statt auf „cash crops“ auf nachhaltige Landwirtschaft und Vielfalt.

Dafür braucht es staatliche Förder- und Forschungsprogramme. Des Weiteren gilt es, giftige Pestizide zu verbieten, die zu Lasten von Menschen, Tieren und der Umwelt gehen. Ein endgültiges Verbot von Glyphosat in der EU ist dringend erforderlich. Agrarchemikalien, die in der EU längst aufgrund ihrer nachgewiesenen ökologischen und gesundheitlichen Risiken verboten sind, dürfen auch nicht länger in den globalen Süden exportiert werden. Deutsche Unternehmen wie Bayer – und in Zukunft Bayer-Monsanto – müssen auch im Ausland für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gemacht werden können.

Über die Autorinnen: Alessa Heuser und Sarah Schneider arbeiten als Referentinnen im Bereich „Politik und globale Zukunftsfragen“ bei MISEREOR.


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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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