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Energiewende in Südafrika: Zwischen Kohle und Klima

Die Energieversorgung in  Südafrika wird zu 90 Prozent mit Kohle abgedeckt und leistet damit einen erheblichen Anteil an der Verschärfung der Klimaproblematik. Gleichzeitig ist das Land von den Folgen des Klimawandels stark betroffen. Richard Halsey vom MISEREOR-Partner „Project 90 by 2030“ spricht im Interview darüber, vor welchen Herausforderungen Südafrika hinsichtlich einer dringend notwendigen Energiewende steht und wie sie dort trotzdem gelingen kann.

Die Organisation „Project 90 by 2030“ setzt sich dafür ein, den CO2-Ausstoß Südafrikas bis zum Jahr 2030 um 90 Prozent zu senken. Wie wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Als „Project 90 by 2030“ gegründet wurde, war es das vorrangige Ziel der Organisation, den CO2-Ausstoß zu reduzieren. Seitdem hat sich die Organisation weiterentwickelt. Wir haben erkannt, dass dieses Thema mit vielen anderen Themen im Zusammenhang steht und nicht separat betrachtet werden kann. Wir haben zum Beispiel Gemeindeprojekte im Bereich „Permakultur“ oder „Wasser“. Heute möchten wir mit unserer Arbeit erreichen, dass sich die Beziehung zwischen Mensch und Erde und den Menschen untereinander um 90 Prozent positiv verändert.

Von welchen Projekterfolgen können Sie berichten?

Vor einiger Zeit haben wir mit einer ländlichen Gemeinde in Ostkap – eine südafrikanische Provinz im Südosten der Republik – gearbeitet. Es war uns besonders wichtig, dass uns die Gemeindemitglieder nicht für eine x-beliebige Hilfsorganisation halten, die kommt, eine Photovoltaikanlage installiert und wieder verschwindet. Wir wollten den Gemeindemitgliedern keine Lösung für ihre Probleme vorlegen, sondern von ihnen wissen, mit welchen Problemen sie konfrontiert sind und was sie dafür von uns brauchen. Bevor wir damit anfingen, technische Arbeiten durchzuführen, haben wir daher viel Zeit damit verbracht, mit ihnen zu reden und sie zum Thema Energie zu schulen. Einigen haben wir gezeigt, wie sie die Batterien der Photovoltaikanlage reparieren, wir haben sie mit effizienten Kochöfen ausgestattet, damit sie nicht mehr auf so viel Holz zum Kochen angewiesen sind. Und wir haben Solarpumpen installiert, damit sie ihr eigenes Land bewässern können. Am Ende des Projekts verfügte die Gemeinde über eine stabile Energieversorgung.  Auch Recherchen bzw. Studien gehören zu unseren Tätigkeiten. Unsere letzte Veröffentlichung beschäftigt sich zum Beispiel mit der Frage, wie wichtig das Thema „Besitz“ für die Umsetzung einer gerechten Energiewende ist, nicht allein die richtigen Technologien. Man muss auch berücksichtigen, wem diese Technologien gehören, wer die Kontrolle hat und Entscheidungen trifft.

Der Kohlebergbau spielt eine wichtige Rolle für die Wirtschaft Südafrikas. Gleichzeit trägt er zum Klimawandel bei. Wie wird das Thema Kohle in Südafrika unter politischen Gesichtspunkten und wie unter gesellschaftlichen Gesichtspunkten beurteilt?

Im Nord-Osten Südafrikas gibt es eine riesige Menge an Kohlereserven, man schätzt sie auf 16 Milliarden Tonnen. Viele Gemeinden in dieser Region sind komplett abhängig vom Kohlebergbau. Er ist der Grund, warum viele Städte überhaupt existieren. Die Region, in der sich die meisten Kohlewerke befinden heißt Highveld und die Luftqualität dort ist so schlecht wie fast nirgendwo sonst auf der Erde. Die Bevölkerung dort ist mit zahlreichen Problemen konfrontiert: Saure Abwässer, die durch den Abbau der Kohle entstehen, verschmutzen das Trinkwasser und gefährden die Umwelt. Die Arbeitsbedingungen sind schlecht und die Menschen leiden unter der schlechten Luftqualität. Viele wären deswegen froh, nicht mehr im Kohlebergbau arbeiten zu müssen. Sie haben aber keine andere Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Der Kohlebergbau in Südafrika verseucht Trinkwasser und Umwelt. Fotos: Nkosi/MISEREOR

Die Regierung hat bisher fast nichts getan, um diese Probleme zu lösen. Gemeinsam mit anderen Organisationen sind wir aktuell dabei, einen Plan für eine gerechte Energiewende zu erstellen. Es wird nicht einfach sein, diese umzusetzen und lange Zeit brauchen, bis erste Veränderungen erreicht werden können. Wenigstens erwähnt die Regierung aber in ihrem aktuellen Energieplan, dass eine gerechte Energiewende nötig ist und ein Dialog darüber initiiert werden muss. Nur drei Prozent des Stroms in Südafrika stammt bisher aus Erneuerbaren Energien, trotzdem gibt es schon heftigen Widerstand gegen deren Nutzung, vor allem von Seiten der Kohleindustrie. Es ist eine schwierige Situation. Dies ist auch der Grund, warum uns bei unserer Arbeit so viel Widerstand entgegengebracht wird, obwohl es unser Ziel ist, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.

Darüber hinaus haben wir in Südafrika so gut wie kein Öl oder Gas. Wir wandeln deswegen viel Kohle in flüssige Kraftstoffe um; ungefähr 20-30 Prozent wird aus Kohle hergestellt. Das Land will sich nicht nur auf importiertes Öl, Diesel oder Benzin verlassen. All das macht uns noch abhängiger von der Kohle. Es ist deswegen sehr schwierig, die Menschen vom Kohleausstieg zu überzeugen.

Südafrikas Energieversorgung stützt sich hauptsächlich auf Kohle. Deren Abbau schadet die Umwelt und führt bei den Menschen zu gesundheitlichen Problemen. Foto: Nkosi/MISEREOR

Welche Rolle nehmen zivilgesellschaftliche Organisationen in diesem Kontext ein?

Ein gutes Beispiel dafür hat sich erst vor Kurzem abgespielt: Der ehemalige Präsident [Jacob Zuma, Anm.d.Red.] hatte während seiner Amtszeit großes Interesse am Ausbau neuer Kernkraftwerke. In diesem Zusammenhang wurden Befürchtungen um Korruption laut. Einige Organisationen sammelten Geld, um dies vor Gericht zu bringen. Das Gericht stellte fest, dass der Vergabeprozess zum Bau der Kernkraftwerke rechtswidrig war, er musste zurückgestellt werden. Das war eine große Sache: Mit dem Bauvorhaben waren hohen Investitationinteressen verbunden und im Wesentlichen waren es zwei kleine Gruppen von weniger als 20 Personen, die den Gerichtsbeschluss erwirkt haben. Ein weiteres Beispiel: Südafrika hat eine Arbeitslosenquote von ungefähr 25 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit liegt offiziell bei 36 Prozent. Die „One Million Climate Jobs“-Kampagne verfolgt den Ansatz, den Arbeitsplatzmangel und die  Klimafrage zusammenzudenken – das ist sehr sinnvoll!

Das Interview führten Barbara Palz, Lena Reschke und Pia Schröder.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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