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Eritrea: Vom dynamischen Umgang mit Mangel

Asmara, die Hauptstadt Eritreas, wirkt sehr ruhig, beschaulich, etwas verschlafen, sehr sauber. Man kann sich in der Stadt frei und unbehelligt bewegen und dabei „sicher“ fühlen. Aufgrund der kurzen Wege in der Innenstadt sind die meisten Anlaufpunkte und Sehenswürdigkeiten des UNESCO-Weltkulturerbes zu Fuß vom Hotel aus erreichbar.

Asmara, die Hauptstadt Eritreas, wirkt sehr ruhig, beschaulich, etwas verschlafen, sehr sauber. © Peter Meiwald | MISEREOR

Asmara, die Hauptstadt Eritreas, wirkt ruhig und beschaulich. © Peter Meiwald | MISEREOR

Die erste Überraschung beim ersten Besuch in diesem weitestgehend von der Außenwelt abgeschotteten Land: Es sind erstaunlich viele junge, gut gekleidete Menschen im Straßenbild der Innenstadt, es zeigt sich ein Modebewusstsein, dass offenbar weit über die italienische Kolonialzeit hinausweist. Gleichzeitig sind sehr wenig Uniformierte sichtbar (was natürlich nicht heißt, dass die Staatsmacht kein Auge auf die Menschen wirft).

Die zweite Überraschung folgt gleich darauf: Die Geschäfte und Märkte sind augenscheinlich gut mit Waren bestückt. Vieles, was vorher nicht erhältlich oder unerschwinglich war, kommt seit dem Friedensschluss sehr billig aus Äthiopien ins Land, was für die wenig zahlungskräftige Bevölkerung ein Segen, für die aufgrund sehr hoher inländischer Materialkosten hochpreisig produzierenden einheimischen Produzenten ein riesiges Problem ist. Daneben gibt es auch im Zentrum Asmaras Ladenleerstände und natürlich informelle Straßenhändlerinnen und Straßenhändler.

Auch die zum Teil sehr geschmackvoll eingerichteten Cafés und Restaurants sind erstaunlich gut besucht (Anlaufpunkt für viele Auslandseritreer, die nach Zahlung ihrer 2%-Auslandssteuer zu Besuch in der Heimat sind) und bieten qualitativ gutes Essen zu (im Vergleich zu Harare etc) recht günstigen Preisen an. Injera im „Ghibabo“, Grilled Fish im „Al Sicomero“ oder ein Feierabendbier in der Bar des traditionsreichen „Cinema Roma“ sind unbedingt zu empfehlen, aber auch in den einfachen Straßenbars wird man nicht enttäuscht.

Italienische Bars - Überbleibsel des kolonialen italienischen Erbes. © Peter Meiwald | MISEREOR

Italienische Bars – Überbleibsel des kolonialen italienischen Erbes. © Peter Meiwald | MISEREOR

Und noch etwas fällt sofort auf: Menschen von der Fußgängerin bis zum Taxifahrer verhalten sich im Straßenverkehr extrem rücksichtsvoll. Ampeln sind wegen Strommangels seit Jahren abgeschaltet, erscheinen bei dem verhältnismäßig überschaubaren Autoverkehr aber auch verzichtbar. Daneben gibt es viele Menschen auf Fahrrädern, aber auch einige Pferde- und Eselgespanne als Transportmittel auf der Straße.

Architektonisch prägen religiöse Bauten von drei Kathedralen über eine Synagoge bis hin zu diversen Klöstern und Moscheen das UNESCO-Weltkulturerbe-Stadtbild ebenso wie Villen, Kinos und Piazzen aus italienischer Zeit, was einerseits die viel beschriebene starke Religiösität der Eritreerinnen und Eritreer widerspiegelt, andererseits in krassem Widerspruch zur strikt atheistischen offiziellen Regierungspolitik steht.

Religiöse Bauwerke in Eritrea. © Peter Meiwald | MISEREOR

Religiöse Bauwerke in Eritrea. © Peter Meiwald | MISEREOR

Bei den Menschen fällt auf, dass sie praktisch alle in 20 Jahren des „No war-No Peace“-Zustands der massiven Militarisierung des kompletten Lebens traumatisiert wurden. Jede und jeder weiß von Verwandten und Freunden zu berichten, die trotz der allseits bekannten massiven Gefahren auf dem Fluchtweg durch Sudan und Libyen und dann übers Mittelmeer entschieden haben, dass 50 % Chance auf eine bessere Zukunft auf jeden Fall das Risiko lohnend erscheinen lässt. Gerade in den Dörfern ist das unmittelbar erkennbar. Lediglich alte Männer sind noch da, die meisten Haushalte werden von Frauen gemanaged, während die Männer entweder im weiterhin unbefristeten Militär- und Nationaldienst oder im Ausland sind. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die größten Hoffnungen und Erwartungen, die der unerwartete Frieden mit den äthiopischen Nachbarn geweckt hat, gerade auf diese Frage konzentrieren: wann kommt endlich die in der noch nicht in Kraft getretenen Verfassung von 1997 vorgesehene Begrenzung des Nationaldienstes auf 18 Monate?

Und eine weitere Frage hängt unmittelbar mit dem Friedensschluss vom September 2018 und der noch provisorischen Öffnung (und zeitweise erneuten Schließung) von mittlerweile 4 Grenzübergängen nach Äthiopien zusammen: Wann können die vielen Grenzbewohnerinnen und -bewohner, die seit dem Ausbruch des Bruderkrieges 1998 ihre Dörfer und ihr Land verlassen mussten und die seitdem in Flüchtlingslagern auf der äthiopischen Seite oder fern der Heimat in Eritrea leben müssen, in ihre Heimat zurückkehren? Wer sorgt für die Räumung der Landminen auf ihren Feldern und wer unterstützt sie beim Wiederaufbau ihrer Häuser ebenso wie bei der Versöhnungsarbeit mit ihren ebenfalls Tigrinya sprechenden Nachbarn von der anderen Seite der Grenze? Diese Frage ist noch völlig offen.

Aufbau einer besseren Zukunft: Junge Frauen lassen sich zur Schneiderin ausbilden. © Martin Bröckelmann-Simon | MISEREOR

Aufbau einer besseren Zukunft: Junge Frauen lassen sich zur Schneiderin ausbilden. © Martin Bröckelmann-Simon | MISEREOR

In krassem Widerspruch zu diesen großen Lasten und Unsicherheiten, die auf den Menschen lasten, steht der Eindruck von sehr dynamischen und dabei überaus geduldigen und leidensfähigen Menschen, die sich im täglichen Kampf ums Überleben und den Aufbau einer besseren Zukunft nicht frustrieren lassen. Junge Frauen, die in Kursen zum Schneidern, Weben und Kochen lernen wollen, für sich und ihre Kinder eine selbständige Existenz aufzubauen. Dorfbewohner jeden Alters, die sich in hochorganisierten Wasserkomitees zusammenschließen, um eine gute Wasserversorgung für sich, ihre Tiere und Felder aufzubauen.

Dorfbevölkerung vor ihrer Wasserversorgungsstelle. © Peter Meiwald | MISEREOR

Dorfbevölkerung vor ihrer Wasserversorgungsstelle. © Peter Meiwald | MISEREOR

Schwer schuftende Frauen und Männer, die vom Starkregen zerstörte Brücken und Straßen wieder aufbauen, um ihre Dörfer wieder mit der Außenwelt zu verbinden und so eine Busverbindung und einen Zugang zum Markt der nächsten Stadt zu ermöglichen. Frauen und Männer, die sich an verbesserten Imkerkästen ausbilden lassen, um mit großartigem Naturhonig ihre Ernährungssituation und ihr Einkommen aufzubessern.

Das alles geschieht hochgradig Community-based mit geringem externen Input aus der Hauptstadt, zumal weite Gebiete des Landes bisher nicht einmal einen Internetzugang haben. Im Mittelpunkt dieser Entwicklungsprozesse stehen dagegen sehr reflektierte Menschen, denen es an vielem fehlt, nicht aber an großem Engagement und Improvisationsvermögen.

Über den Autor: Peter Meiwald  leitet die Afrikaabteilung bei MISEREOR


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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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