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Eritrea: Ein Volk im Ungewissen

Selten zuvor habe ich so oft das Wort „Hoffnung“ gehört und diese auch tatsächlich verspürt wie jetzt auf meiner erneuten Reise nach Eritrea. Schon auf dem vollbesetzten Flug von Äthiopien dorthin war dies das Stichwort der allermeisten Passagiere. Manche von ihnen hatten ihre Heimat über so viele Jahre nicht mehr besuchen können und waren nun voller Vorfreude und Glück auf dem Weg, ihre Angehörigen und Freunde endlich wiederzusehen.

Nach dem Krieg steht das Land Eritrea vor neuen Bedrohungen: der rapide fortschreitende Klimawandel beschert dem Land in immer kürzeren Abständen verheerende Dürren, die die Zukunft der ohnehin schon bitterarmen ländlichen Bevölkerung massiv gefährden. © Peter Meiwald I MISEREOR

Nach dem Krieg steht das Land Eritrea vor neuen Bedrohungen: der rapide fortschreitende Klimawandel beschert dem Land in immer kürzeren Abständen verheerende Dürren, die die Zukunft der ohnehin schon bitterarmen ländlichen Bevölkerung massiv gefährden. © Peter Meiwald I MISEREOR

Der Friedensschluss zwischen den beiden über mehr als zwei Jahrzehnte verfeindeten Nachbarn, der im August 2018 vollzogen wurde, war in der Tat ein historisches Ereignis. Vor allem für das so lange hermetisch abgeriegelte Eritrea endete ein nie beendeter, gleichsam eingefrorener Krieg, der stets seitens der Regierung als Grund für einen verfestigten Ausnahmezustand und die Außerkraftsetzung von Menschenrechten genannt wurde.

Dem Friedensschluss nach außen muss die Versöhnung nach innen folgen

Nun sind plötzlich Türen nach draußen offen, aber nicht, wie beim deutschen Mauerfall, als Ergebnis einer Bürgerrechtsbewegung, sondern als Folge eines Händedrucks zwischen zwei Präsidenten, von denen allerdings nur einer demokratisch gewählt wurde. Es war also eine von oben dekretierte Öffnung, kein durch eine Volksbewegung von unten erzwungener Wandel. Diese “präsidiale Geburt” des Friedens mindert allerdings zunächst nicht seine Wirkung, die in Eritrea durchaus beachtlich ist. Nicht nur der Jubel und das Glück der hin- und herströmenden Menschen in den ersten Tagen zählen dazu, sondern ebenso auch die in den Wochen und Monaten danach spürbare Verbesserung des Warenangebots und der massive Preissturz wichtiger Gebrauchsgüter. Dies fällt mir im Vergleich zu meinem letzten Besuch vor drei Jahren sofort auf und es erleichtert den Alltag im Land gewiss erheblich. Darüber herrscht allseits große Freude, aber die Erwartungen der Menschen gehen deutlich weiter. Da nun die äußere Bedrohung eindeutig weggefallen ist, gibt es in der Tat keinerlei Begründung mehr dafür, dass die alltäglichen Einschränkungen, die Zwangsmaßnahmen und die Militarisierung der Gesellschaft weiter aufrecht erhalten werden. Dem Friedensschluss nach außen, der enormen psychischen Druck von der eritreischen Gesellschaft genommen hat, muss nun zwingend auch die Versöhnung nach innen folgen, so höre ich immer wieder. Das allerdings ist eine gewaltige Aufgabe, haben sich doch Misstrauen und Furcht überall tief in die sozialen Beziehungen eingegraben. Eine Nation, die über so viele Jahre von einem Klima von Krieg, Gewalt und Kampf beherrscht wurde und deren Regierungshandeln bis heute von dem Gedanken permanenter Bedrohung von innen wie von außen bestimmt wird, ist letztlich kollektiv traumatisiert. Dies und der Mangel an Freiheit haben seit Jahren viele Menschen aus ihrem Heimatland getrieben, inzwischen nahezu die Hälfte aller Bewohner. Das soziale Netz muss daher dringend neu geknüpft werden, Vertrauen muss zurückkehren. Dafür sind jedoch offener gesellschaftlicher Dialog und Freiräume unabdingbar. Es sieht jedoch derzeit nicht so aus, als würde sich in dieser Hinsicht viel tun.

Neue Bedrohung nach dem Krieg: Klimawandel

Innenpolitisch ist in Eritrea bislang alles beim Alten geblieben und niemand weiss, was seitens des Präsidenten als Nächstes geschieht. Die militärische Bedrohung durch den früheren Erzfeind ist Geschichte, dafür steht das Land jedoch vor ganz anderen Bedrohungen: der rapide fortschreitende Klimawandel beschert dem Land in immer kürzeren Abständen verheerende Dürren, die die Zukunft der ohnehin schon bitterarmen ländlichen Bevölkerung massiv gefährden. Alleinerziehende Frauen und Alte tragen die ganze Last des täglichen Überlebens. Infrastrukturelle Erschließung der unzähligen weit abgelegenen Dörfer, Erosionsschutz und gesicherte Wasserversorgung sind große Herausforderungen, denen sich das Land dringend stellen muss. Ebenso muss das massive Interesse des neuen Freundes Äthiopien an guten Verbindungen zu den eritreischen Häfen Massawa und Assab so ausgestaltet werden, dass es allen Menschen in Eritrea nutzt.

„Man lässt uns im Dunkeln“

Dazu wüssten viele gern mehr, aber die bisherige politische Funkstille hält weiterhin an. So ist auch das auf dieser Reise sehr oft gehörter Satz: “wir wissen nichts, man lässt uns im Dunkeln”. Das schafft viel Unsicherheit, Skepsis und Unzufriedenheit, zumal durch die geöffneten Türen nun nicht nur viele Menschen aus Äthiopien kommen, sondern auch tägliche Nachrichten über die Geschwindigkeit der dortigen Veränderungen und Reformideen. Zurecht wollen nun auch die Menschen in Eritrea dazu endlich gefragt werden und mitreden können, wie sie sich die Zukunft ihres Landes vorstellen, für das so viele im Unabhängigkeitskampf ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Geduld ist da die Devise, die von den Hoffnungsvollen den Besorgten und Unzufriedenen entgegengehalten wird. Immerhin komme es, so heisst es, nach sovielen Jahren des Wartens auf ein weiteres Jahr ohne Wandel auch nicht mehr an. Aber er wird so oder so unvermeidbar sein, da sind sich alle einig. Nur wann und wie das sein wird, das bleibt für die Menschen in diesem wunderbaren, zugleich so geschundenen Land im Ungewissen. Ich verlasse es daher mit großer Hoffnung und großer Sorge zugleich.


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Autor:

Martin Bröckelmann-Simon

Dr. Martin Bröckelmann-Simon verantwortet als Geschäftsführer für Internationale Zusammenarbeit die Entwicklungszusammenarbeit mit Partnern in Afrika, Naher Osten, Asien, Ozeanien und Lateinamerika.

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