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Venezuela: Interview zur Lage im Krisenland

MISEREOR-Partner „Alfonso“ lebt in Cumaná im Norden von Venezuela. Aus Gründen der persönlichen Sicherheit möchte er nicht mit seinem richtigen Namen genannt werden.

In Venezuela liegt der Mindestlohn aktuell bei sechs Euro im Monat. Zur Zeit sind 400 Euro nötig, um durch den Monat zu kommen. Den Menschen fehlt es am Nötigsten, die Protestwellen reißen nicht ab.

Alfonso, ein normales Leben sei nicht mehr möglich, haben Sie uns geschrieben. Wie sieht ihr Alltag unter solchen Umständen aus?

Alfonso: Mit “normalem Leben” meine ich einen Alltag, in dem Wasser, Strom- und Internetversorgung, Essen und Trinken, Medizin, Sicherheit und Bildung vorhanden und bezahlbar sind. Das ist im Moment nicht gegeben. Wissen Sie, dass der Mindestlohn aktuell bei sechs Euro im Monat liegt? Ein Lehrer verdient doppelt so viel. Keiner erklärt uns, wie wir so unsere Existenz sichern und unsere Familien ernähren können.

Vor anderthalb Jahren lebten die Menschen hier von, sagen wir, 100 US-Dollar im Monat. Um sich heute das kaufen zu können, was man vor anderthalb Jahren für das Geld bekommen hat, benötigt man mittlerweile 400 US-Dollar. Und die Preise steigen weiter.

Venezuela hat nicht nur als Staat versagt. Es ist die Gesellschaft im Land, die am Gipfel des Versagens angelangt ist. Geldspekulationen, Raub, Ausbeutung und Geldwäsche sind hier an der Tagesordnung. Auf der einen Seite gibt es Einwanderer im Land, die sehr reich sind. Es gibt kleine Gruppen, die mehr denn je mit Unverschämtheit und Dreistigkeit Geschäfte tätigen. Auf der anderen Seite wandern Millionen Menschen aus, Millionen leiden Hunger und sind am Limit. Dieser Gegensatz ist unbegreiflich.

Gibt es eine Perspektive, dass sich bald etwas zum Positiven in Vezuela ändern wird?

Alfonso: Ich denke nicht, dass sich diese Situation kurzfristig und in absehbarer Zeit positiv entwickeln kann, ohne dass ein Regierungswechsel stattfindet. Ein politischer Wandel ist unerlässlich. Denn mit einer korrupten Regierung wird es so weitergehen. Jeden Tag nehmen die Zweifel zu, dass eine grundlegende Veränderung möglich ist.

Wie kann sich Ihrer Einschätzung nach die Situation verbessern?

Alfonso: Eine Intervention ist erforderlich. Aber ich rede in dem Fall nicht von militärischem Eingreifen, sondern einem solidarisch initiierten, kohärenten Handeln der EU. Dies muss jedoch mit einer politischen und wirtschaftlichen Transformation einhergehen: Nachdem Venezuela komplett isoliert gewesen ist, muss es völlig neu gestaltet werden. Die Gesellschaft muss erneuert werden.

Gibt es einen Untschied zwischen der Hauptstadt und dem Rest Venezuelas?

Alfonso: Außerhalb von Caracas ist der Alltag noch deutlich schwieriger. In einigen Teilen von Caracas geht das Leben weiter, wenn dort ausreichend Geld – US-Dollar – vorhanden ist.

Im Inneren des Landes sind die Kosten dieselben, in einigen Städten ist es sogar teurer als in Caracas. Es gibt jedoch weniger Angebote sowie größte Schwierigkeiten, Einkommen zu generieren. Ausgenommen sind Geldwäscher, Benzinverkäufer oder Familien, die durch Ersparnisse oder Firmenbesitz reich sind. Die Lage ist so kritisch, dass der humanitäre Notstand ausgerufen worden ist. Dies betrifft die Gesamtsituation im Land, die politische und wirtschaftliche Lage, sowie die menschenunwürdigen Bedingungen.

Diese Deklarierung erfordert ein Eingreifen der Vereinten Nationen in einem Staat, der versagt hat. Das humanitäre Völkerrecht muss Anwendung finden und damit auch der Schutz der Millionen Betroffenen des Konflikts in Venezuela. Es gibt allein zehn Millionen Menschen im Land, die schutzbedürftig sind sowie unzählige Migranten, die entweder auf der Flucht, bereits im Ausland oder in Vorbereitung auf eine Flucht sind.

Ist es notwendig, dass die Weltgemeinschaft aktiv wird, um eine Lösung der Krise herbeizuführen?

Alfonso: Die Länder, die Guaidó anerkannt haben, sind genauso zum Handeln aufgefordert wie diejenigen, die, auch ohne ihn direkt anerkannt zu haben, sehen, in welch prekärer Situation sich das Land befindet. Das humanitäre Völkerrecht verpflichtet sie zum Handeln. Der Konflikt sollte nicht durch Sanktionen, sondern durch die Kraft internationaler Institutionen und – das sollten wir in meinen Augen nicht ausschließen – der Friedenstruppen der Vereinten Nationen gelöst werden.

Gibt es positive Szenarien für Venezuela?

Alfonso: Ich weiß es nicht. Freie Wahlen werden an einigen Stellen als Lösungsweg gefordert. Aber wie sollen freie Wahlen durchgeführt werden, wenn weiterhin unrechtmäßige Kräfte vorherrschen? Venezuela ist ein Land, in dem Unrechtmäßigkeit an der Tagesordnung ist und der Staatsapparat auf allen Ebenen die Geschehnisse beeinflusst. Dies dringt bis in die Bevölkerung, die zur Konformität gezwungen wurde und aus Resignation nachgegeben hat. Mit jedem Tag, der verstreicht, wird es schwieriger, einen Ausweg zu finden. Die humanitäre Krise im Land verschärft sich zunehmend. Es wäre deshalb umso wichtiger, eine schnelle, friedliche Lösung zu finden.

Das Interview führte Jana Echterhoff


Auch Kardinal Porras, Erzbischof der venezolanischen Diözese Mérida und MISEREOR-Partner, berichtete anlässlich seines Deutschlandbesuchs Mitte Mai darüber, wie die Bevölkerung unter den Folgen der Krise leidet. Zeitweise waren ganze Städte ohne Wasser- und Stromversorgung.

In dem südamerikanischen Land sind die Fronten zwischen Regierung und Opposition schon seit Monaten verhärtet – eine schnelle Lösung des Konflikts ist nicht in Sicht. Die humanitäre Lage ist durch die bereits Wochen andauernde Isolation katastrophal.


Wie hilft MISEREOR?

Die Projektpartner MISEREORs im Land setzen sich unter anderem für die Verbesserung der humanitären Versorgung, die Vermittlung einer friedlichen Lösung und die Einforderung der Menschenrechte ein. Sie werden bei ihrem Einsatz von MISEREOR unterstützt.

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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Da gebe ich meine Vorrednerin Recht. Es entzieht sich meist unserer Kenntnis wie schlecht es andere haben und damit vergessen wir oft wie gut wir es haben. Man kann nur jeden wünschen, dass sich Krisensituationen entspannen.

  2. Traurig zu lesen was in anderen Teilen der Welt los ist und wie sehr man dort um Frieden und Gerechtigkeit kämpfen muss.. Da muss man zugeben das es bei uns jammern auf hohem Niveau ist. Ich hoffe für die Menschen in Venezuela kommt es zu einer friedlichen Lösung.

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