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Schauspieler Dietmar Bär besucht Gefängniskinder auf den Philippinen

In der philippinischen Metropole Manila werden Minderjährige in Jugendstrafanstalten weggesperrt. Der Schauspieler Dietmar Bär hat sie dort besucht.

© Raffy Lerma

An der Straßenecke grüßt ein meterhohes Schild mit der Aufschrift: „Welcome to Mandaluyong, the childfriendly city“. Mandaluyong ist ein Stadtteil der philippinischen Kapitale Manila – einer Millionenmetropole, in der Zehntausende Kinder auf der Straße ums Überleben kämpfen und Hunderttausende in Slums unter miserablen Umständen aufwachsen. Dabei sind die Philippinen ein kinderfreundliches Land, Kinder gelten als ein Geschenk Gottes. Große Familien sind die Regel, doch ein Viertel der Eltern lebt mit seinen Kindern unterhalb der Armutsgrenze. In den Slums Manilas herrschen Frustration und Perspektivlosigkeit, die nicht selten in Gewalt umschlagen. Kinder brechen aus Geldnot die Schule oft nach vier oder fünf Jahren ab, vor allem Jungen laufen weg aus einem Zuhause, das keines ist.

Auch Roel* zog das Leben auf der Straße dem Ausharren in seiner Familie vor. Seine Mutter starb, als er vier war. Die Stiefmutter lehnte den Jungen ab und misshandelte ihn. Er fand Unterschlupf bei seiner mittellosen Oma, die mit dem verstörten Jungen und der Pflege ihres todkranken Mannes allerdings völlig überfordert war. Immer seltener ließ sich Roel blicken, draußen fand er Freiheit und Freunde.

© Raffy Lerma

Nun sitzt der schmächtige Teenager nach langer Zeit mal wieder in dem kleinen, vollgestopften Raum seiner Großeltern. Seit Monaten hat er seine Oma nicht gesehen, doch Wiedersehensfreude kommt keine auf. Roel schaut auf die nackte Birne an der Decke, knetet seine Hände und wünscht sich weit weg. Er ist nicht alleine gekommen an diesem Tag, eine ganze Gruppe Besucher ist da, das Gespräch führt Father Shay Cullen. Der irische Priester hat vor mehr als vier Jahrzehnten die Organisation PREDA gegründet, in deren Heimen Psychologen und Sozialarbeiter Kinder betreuen, die sie aus der Prostitution oder den notorisch überfüllten Gefängnissen des Inselstaates gerettet haben. So wie Roel, der bereits seit einem Jahr bei PREDA lebt. Nun müsste er Platz machen für andere Kinder in Not. Doch seine Oma lehnt ab: „Ich schaffe das nicht.“ Father Shay Cullen sieht ein, dass eine Familienzusammenführung zwecklos ist: „Er bleibt bei uns, ok?“, sagt er zu der erleichterten Filipina.

„Roel ist ein typischer Fall“, sagt der weißhaarige Priester und zuckt die Schultern. „Bei PREDA ist er sicher besser aufgehoben“, kommentiert jemand aus der Gruppe, die nun draußen in der tropischen Hitze steht. Es sind Mitarbeiter von MISEREOR und Mitglieder des Vereins „Tatort – Straßen dieser Welt“. Die PREDA-Unterstützer sind aus Deutschland angereist, zu ihnen gehört auch der aus der Krimireihe „Tatort“ bekannte Schauspieler Dietmar Bär. Für den Kölner TV-Kommissar ist das Treffen eine Herzensangelegenheit: „Ich bin nicht zum ersten Mal hier“, erzählt
Bär, während er seinen Strohhut lupft und sich den Schweiß abwischt. Sein Engagement geht auf die Tatort-Dreharbeiten in Manila Ende 1997 zurück, in denen es um Kinderprostitution ging. „Die ungeheuren Ausmaße dieser Problematik und die Slums haben uns schockiert, zugleich haben wir aber auch PREDA kennengelernt.“ Wieder in Deutschland gründeten Dietmar Bär, Klaus J. Behrendt und Joe Bausch den Verein, der eng mit der philippinischen Kinderschutzorganisation zusammenarbeitet.

© Raffy Lerma

„Seither komme ich regelmäßig hierher. Es scheint, als ob die Probleme nicht weniger werden. Jetzt will die Regierung Duterte auch noch das Mindestalter für die Strafmündigkeit senken“, ärgert sich der Schauspieler. In der Tat erleben die Philippinen unter dem seit 2016 regierenden Präsidenten Rodrigo Duterte eine bedenkliche Entwicklung. Sein Krieg gegen Drogenkriminalität hat nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen bereits mehr als 20.000 Tote gefordert. Damit nicht genug: Der Hardliner hat seinem Wahlvolk eine landesweite Säuberungsaktion versprochen, er will Korruption und Kriminalität ausrotten. Im Visier hat Duterte auch Minderjährige, er will per Gesetz das Strafmündigkeitsalter von 15 auf zwölf Jahre herabsetzen. Nachdem das Unterhaus schon zugestimmt hatte, scheiterte das Gesetz in der letzten Amtsperiode im Senat. Allerdings hat Senator Tito Sotto III mittlerweil einen neuen Vorschlag eingereicht, der eine Strafmündigkeit ab zehn Jahren vorsieht.

Dabei ist die Situation in den Gefängnissen doch schon prekär genug, das haben wir heute früh ja gesehen“, erinnert Bär an den Besuch einer Jugendstrafanstalt im Westen Manilas. Dort mangelt es an allem – an Platz, Personal, Ausstattung und Geld. Pro Tag und Häftling habe man nur 50 Eurocent zur Verfügung, beklagt eine Sozialarbeiterin. Im zweiten Stock des verkommenen Gebäudes dürfen Bär und seine Mitstreiter in eine kahle Zelle, in der etwa ein Dutzend Jungen eingesperrt sind. Sie haben nich einmal das nötigste Mobiliar, keine Betten, Tische oder Stühle. Ihre wenigen Habseligkeiten sind in ein kaputtes Regal gestopft. Es ist drückendheiß, hinter einer Tür ist das Klo, aus dem es scharf riecht. Ausgang haben die Jungen nur selten, ihr Leben spielt sich auf diesen wenigen Quadratmetern ohne jede Ablenkung ab. Sie warten wochen- und monatelang auf ihre Anhörung oder einen Prozess, Kollateralschäden des überforderten bürokratischen Justizsystems. Einigen werden Kapitalverbrechen vorgeworfen, andere wurden wegen Bagatellvergehen eingesperrt. Aggressionen und Frust sind ebenso wie Hunger ständige Begleiter der jungen Missetäter. Längst nicht alle werden von ihren Familien besucht und mit Essen versorgt. Als Dietmar Bär beginnt, mitgebrachte Snacks zu verteilen, ist er rasch umringt. Die kräftigen Jungen langen zuerst zu, sie stehen in der Hackordnung klar oben.

© Raffy Lerma

Ein schmaler Junge steht abseits, traut sich nicht heran. Father Shay Cullen erkennt die Situation: „Den müssen wir rausholen. Ich bin mir sicher, dass er Misshandlungen durch die anderen ausgesetzt ist.“ Zwölf Jahre ist der Knirps, sein Vergehen: Er hat die nächtliche Ausgangssperre von Dutertes Regierung missachtet. Der PREDA-Leiter und sein Team haben bereits Tausende Kinder aus philippinischen Gefängnissen gerettet, in der Hauptstadt kennen sie die Gefängnischefs ebenso wie die zuständigen Richter. Während Father Shay im Büro mit der Gefängnisleitung spricht, kommt Pedro* schüchtern die Treppe hinunter, in der Hand hält er eine Plastiktüte mit seinen Sachen. „Hoffentlich schafft Shay das“, sagt Bär, während er und seine Gefährten auf die Tür schauen, hinter der das Schicksal des Jungen verhandelt wird. Es dauert nicht lange, dann muss Pedro wieder nach oben steigen, zurück in die Zelle. „Die zuständige Beamtin ist heute nicht da“, sagt Cullen, „aber wir dürfen ihn beim nächsten Mal mitnehmen.“ Eigentlich, so erklärt der 76-Jährige, dürfte Pedro gar nicht in diesem Gefängnis sein. Nach dem noch geltenden Gesetz müssen Jugendliche unter 15 Jahren von der Polizei in von größeren Gemeinden getragenen, sogenannten „Bahay Pag-Asa“ abgegeben werden, Häusern der Hoffnung. Statt der vom Gesetz vorgeschriebenen 146 Jugendheime gibt es landesweit aber lediglich acht, die eine staatliche Akkreditierung haben. „Deswegen landet ein Großteil der Kinder selbst für geringste Vergehen im Knast, manchmal zusammen mit erwachsenen Schwerverbrechern. Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben in diesen Höllenlöchern. Die Kleinsten werden geschlagen, unterdrückt und sexuell missbraucht. Das ist die Realität, die die Politiker nicht sehen wollen“, erklärt Father Shay Cullen.

© Raffy Lerma

Ein staatlich genehmigtes Bahay Pag-Asa befindet sich in Mandaluyong, unweit jenes Schildes, das den Stadtteil als kinderfreundlich lobt. Doch der Besuch ist für Dietmar Bär und seine Begleiter ernüchternd. Polizisten am Eingang und vergitterte Fenster – sieht so ein Haus der Hoffnung aus? Im Innern werden 16 Kinder und Jugendliche festgehalten, „ich habe auch schon bis zu 35 betreuen müssen“, erzählt Cecilia Urbano, die einzige Sozialarbeiterin des Heimes. „Ist das jetzt besser als Gefängnis?“, fragen sich manche Besucher. Die Perspektiven der Kinder sind keinen Deut besser: „Ich habe zu entscheiden, wann ein Kind gehen darf. Oder muss. Denn die meisten haben keine intakte Familie, kein Zuhause. Entweder sie kehren zu ihrem alten Leben auf der Straße zurück oder PREDA nimmt sie auf. Der Staat bietet keine Hilfe an“, erzählt Urbano.

Für Father Shay Cullen und seine Unterstützer von MISEREOR und dem Tatort-Verein endet der Tag dennoch mit einem kleinen Erfolg. Einer der Jungen darf die Einrichtung verlassen und in das Boys-Home in Castillejos, Zambales, einziehen, wo er Tage ohne Gewalt und Überlebenskampf, regelmäßige Mahlzeiten und eine Schulausbildung bekommen wird. Erleichterung macht sich breit, die ermatteten Besucher freuen sich über die Freilassung des jungen Filipino. Einmal mehr nimmt Dietmar Bär seinen Strohhut ab, um sich den Schweiß abzuwischen. Er sei happy, dass ein Kind jetzt „in Sicherheit“ sei. Denn das eigentliche Haus der Hoffnung ist PREDA, nicht das BahayPag-Asa in Manila.

Über die Autorin: Hilja Müller lebt seit 2002 in Asien und hat bisher von drei sehr unterschiedlichen Standorten aus berichtet: Tokio, Peking und Manila. Ihre Artikel erscheinen in deutschsprachigen Printmedien wie der ZEIT, taz, Le Monde Diplomatique, Zürcher Sonntagszeitung, Der Standard oder Fluter. Hilja Müller ist die Autorin der Marco-Polo-Reiseführer Philippinen und Tokio.

Über den Fotografen: Raffy Lerma lebt und arbeitet als freiberuflicher Fotojournalist in Manila. Seit 2017 ist er selbständig als Teil der sogenannten „Nightshift Group“, die sich um die fotografische Dokumentation des Drogenkriegs auf den Philippinen bemühen.


Über die Organisation PREDA

Die Organisation PREDA (People’s Recovery, Empowerment Development Assistance Foundation) wurde 1973 vom irischen Pater Shay Cullen gegründet. Die Kinderschutzorganisation hat im Kampf gegen Kinderprostitution und andere Menschenrechtsverletzungen internationale Aufmerksamkeit erlangt. Sie setzt sich unter anderem für die Befreiung von Minderjährigen aus unterschiedlichen Missbrauchssituationen wie in philippinischen Jugendstrafanstalten ein. PREDA bietet Unterstützung in Rechtsfragen und bei Gerichtsverhandlungen. Im Boys-Home und im Girls-Home von PREDA bekommen die Kinder ein neues Zuhause und durch Schule und Ausbildung eine Lebensperspektive.

Dieser Artikel erschien zuerst im MISEREOR-Magazin „frings.“ Das ganze Magazin können Sie hier kostenfrei bestellen >

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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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