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COVID-19-Observatory – Ernährungssituation hat sich verschlechtert

Ende Juli wurde im MISEREOR-Blog erstmals über das COVID-19-Observatory zur Ernährungssituation berichtet. Aus den Projektländern Äthiopien, Burkina Faso, Nigeria, Südafrika, Uganda und dem Senegal hatte es bislang nur eine kurze Bestandsaufnahme gegeben. Jetzt liegen detailliertere Ergebnisse zu den Lebensverhältnissen vor, die beunruhigen.

Tomatenhändlerin in Nigeria
Tomatenhändlerin in Nigeria: Aufgrund der geringen Nachfrage müssen viele Bäuerinnen und Bauern ihre Erzeugnisse zu Dumpingpreisen verkaufen. © Rural Development Programme JDPMC / Osogbo

Geringere Ernten durch Corona-Beschränkungen

In den Projektzonen der MISEREOR-Partnerorganisationen lässt sich anhand der kürzlich geführten Gespräche mit Bewohnerinnen und Bewohnern eine deutliche Verschlechterung der Ernährungssituation erkennen. Dafür sind vor allem die Preisentwicklungen im Vergleich zum Vorjahr ein maßgeblicher Faktor. Erstens sind dringend benötige Grundnahrungsmittel kaum verfügbar und dadurch erheblich teurer. Da in den meisten Ländern die staatlichen Ausgangs- und Mobilitätsbeschränkungen zur Zeit der Aussaat stattfanden und gleichzeitig die erhofften Regenfälle oftmals ausblieben, waren die Ernten und dementsprechend auch die verfügbaren Mengen auf den Märkten geringer als sonst. Zudem fehlen importierte Güter, denn aufgrund der Grenzschließungen leidet der regionale Handel mit den Nachbarländern erheblich. Neben der Produktknappheit ist das gestiegene Preisniveau auch durch höhere Lager- und Transportkosten zu erklären – durch die Mobilitätsbeschränkungen ist der Warentransport zum Markt nur eingeschränkt möglich bzw. deutlich teurer. Vereinzelt berichteten Bauern davon, dass einzelne Händler und Mittelsmänner die Preise absichtlich erhöhen oder Waren horten würden, um ihre Gewinnspanne zu erhöhen. Diese Aussagen ließen sich jedoch nicht verifizieren. Generell wird jedoch deutlich, dass das Misstrauen unter den lokalen Akteuren wächst.

Einkommensverluste durch sinkende Preise

Zweitens führen sinkende Preise für leicht verderbliche Produkte wie Tomaten und Paprika für die Bauern zu Einkommensverlusten, ohne gleichzeitig einen Entlastungseffekt auf die Konsumenten zu haben. Normalerweise verkaufen die Bauern einen Teil der Produkte auf regionalen Absatzmärkten. Da es den Händlern aus den Städten aber nicht mehr erlaubt ist, in die Dörfer zu kommen, fallen diese nun weg. Auch auf lokaler Ebene werden die Erzeugnisse kaum nachgefragt, denn durch die gesunkene Kaufkraft der Bevölkerung werden vermehrt Grundnahrungsmittel konsumiert. Die entstandenen Überschüsse an verderblichen Waren können jedoch aufgrund der meist begrenzten Kapazitäten nicht gelagert werden. Nun stehen die Bauern vor der Entscheidung, ihre Erzeugnisse entweder verderben lassen zu müssen, oder sie zu Dumpingpreisen anzubieten. In der Folge erwirtschaften die Bauern somit nicht nur kurzfristig niedrigere Erlöse, sondern können sich auch kaum Rücklagen für die erntefreie Zeit aufbauen.

Örtliche Hilfe durch MISEREOR-Partnerorganisation

Doch auch für Arbeitnehmer außerhalb der Landwirtschaft ist die Situation angespannt. Tagelöhner haben durch lokal geltende Reisebeschränkungen keine Möglichkeit mehr, in die urbanen Zentren zu gelangen oder stehen durch geschlossene Wochenmärkte ohne Beschäftigung da. Um trotz allem die Versorgung der Bevölkerung zu sichern, stellen die jeweiligen Regierungen Nahrungsmittel und Hygieneprodukte bereit. Jedoch stoßen diese Hilfsleistungen in der ländlichen Bevölkerung auf Kritik: vor allem Lebensmittelpakete seien nicht nur zu geringfügig, um auf Dauer die Ernährungssicherheit zu garantieren, sondern erreichten zudem nicht alle Menschen. Gerade ärmere und kinderreiche Haushalte beklagen ihre Vernachlässigung durch die staatlichen Hilfsprogramme. In drastischen Fällen wie im nigerianischen Osogbo geht die Hilfe von 0,7 kg Reis pro Haushalt weit an einer bedarfsgerechten Unterstützung vorbei, wie eine Bewohnerin herausstellt: „Wir sind sehr enttäuscht über die Landesregierung wegen der barbarischen Menge der verteilten Lebensmittel. Sie hat keinem Bedarf entsprochen.“ An dieser Stelle sei die Unterstützung der örtlichen MISEREOR-Partnerorganisation RUDEP maßgeblich gewesen, da sie vor allem zu Zeiten der Marktschließungen den Nahrungsmittelbedarf gedeckt hätte.

Lebensmittelmarkt im Senegal
Wegen der prekären Ernährungssituation im Senegal stellt die Regierung Lebensmittel bereit; doch nicht alle Teile der Bevölkerung profitieren gleichermaßen von den Hilfspaketen. © ENDA Pronat

Lokale Anpassungsstrategien

Unabhängig von externen Hilfsleistungen lassen sich in den Projektzonen aber auch diverse lokale Anpassungsstrategien identifizieren. Um die Einkommensverluste auf der eigenen Farm abzumildern, begeben sich viele Kleinbauern in Lohnarbeit bei anderen Produzenten oder üben komplementäre Tätigkeiten wie die Bienenhaltung aus. Überdies stellen viele Bauern ihre Produktion um, indem sie vermehrt auf Mischkulturen setzen und über agrarökologische Methoden die Ausgaben für ihre Betriebsmittel durch den Einsatz hofeigener Düngemittel und bodenfruchtbarkeitserhaltender Anbaumethoden senken. Zuletzt spielt der soziale Zusammenhalt eine bedeutende Rolle bei der Krisenbewältigung. Diese Solidarität drückt sich zum einen in unentgeltlicher Nachbarschaftshilfe aus, etwa durch Unterstützung in Kleingärten oder durch Lebensmittelspenden. Zum anderen verleihen finanziell besser gestellte Haushalte Teile ihres Einkommens an ärmere, da Kredite nicht für alle Einkommensschichten zugänglich sind und die Zinssätze zudem bei bis zu 22% liegen können. Trotz allem berichtete der Großteil der Befragten von Verschuldung oder Kapitalverlust. Denn die verfügbare Geldmenge biete oftmals keine ausreichende Lebensgrundlage, wie ein Kleinbauer offenbart: „Ich bin verschuldet, da die täglichen Ausgaben derzeit höher sind als mein Einkommen.“

Führungsrolle der Frauen

Interessant ist außerdem der Blick auf die Rolle der Frauen: ihre Führungsrolle in den Haushalten, vor allem das tägliche Management der Vorräte, ist in diesen Zeiten wichtiger denn je. Denn durch die Schulschließungen und die ausbleibende Wanderarbeit der Männer ist der Bedarf in den Haushalten, vor allem an Nahrungsmitteln, deutlich erhöht. Zudem macht sich die finanzielle Lücke bemerkbar, die das ausgebliebene Einkommen der Frauen hinterlässt, das sie normalerweise durch zusätzliche Tätigkeiten erhalten. In manchen Fällen, wie beispielsweise in der Region Oriental im Osten des Senegals, stellt die Verarbeitung von Erdnüssen durch Frauen sogar das Haupteinkommen einiger Familien dar. Durch den starken Anstieg der Erdnusspreise können auch sie deutlich weniger Einkommen erzielen. Eine 47-jährige Hausfrau beklagt den dramatischen Anstieg der Preise: „Ich kaufe Erdnüsse, die ich zu Paste verarbeite, um sie auf den großen Märkten zu verkaufen, aber seit COVID-19 zahlte ich manchmal für einen Sack Erdnüsse doppelt so viel wie gewöhnlich. Natürlich variieren die Preise je nach Jahreszeit, aber durch die Krise ist es übertrieben. Der Einkommensverlust ist enorm.“

Autor Tim Bosch studiert an der Freien Universität Berlin im Master-Studiengang Geographische Entwicklungsforschung (M.Sc.) und ist für die Koordinierung und Planung der Erhebung sowie die Analyse der Daten verantwortlich.


Weitere Informationen zum COVID-19-Observatory.

Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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