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Bolivien brennt

Inmitten der Corona-Krise und des durch den Wahlkampf für die am 18. Oktober stattfindenden Präsidentschaftswahlen stark aufgeheizten politischen Klimas toben unzählige Waldbrände im Tiefland Boliviens – am 9. Oktober allein zählte die Stiftung Amigos de la Naturaleza 8.966 Brandherde (Focos de Calor). Einen Tag zuvor hatte die Regierung den Status der nationalen Katastrophe („Desastre Nacional“), um auch ausländische Hilfe anfordern zu können.

Ein Mann löscht ein Feuer.
Nächtliche Löscharbeiten (Foto: CIPCA Cordillera)

Damit droht sich die Tragödie des letzten Jahres zu wiederholen oder womöglich sogar in ihrem Ausmaß übertroffen zu werden. Damals fielen insgesamt über 6,4 Millionen ha Land Bränden zum Opfer, davon über 2 Mio ha Wald. Die Zahl der bisher in diesem Jahr registrierten Brandherde übersteigt die der im gleichen Zeitraum 2019 registrierten deutlich – für den Monat September um über 40%.

Diese Katastrophe wird jedoch im Schatten der weltweiten Corona-Krise und der politischen Krise in Bolivien kaum wahrgenommen, obwohl ihre Auswirkungen im Zusammenhang mit der extrem hohen Abholzungsrate in Bolivien (eine der höchsten weltweit mit über 300m² pro Einwohner und Jahr) und der resultierenden Beschleunigung des Klimawandels weitaus langfristiger zu spüren sein werden – Bolivien ist bereits jetzt eines der am stärksten betroffenen Länder. 

Karte mit Brandherden in Bolivien
Brandherde innerhalb der vorangegangenen 24 Stunden in Bolivien am 09.10.2020 (Quelle: FAN)

Der größte Teil der Brände ist intentional gelegt. Dabei ist es möglich, klare Verantwortlichkeiten zu benennen.  Die wesentliche Ursache für Abholzung und Waldbrände in Bolivien ist die Ausbreitung der Agrarfront mit Viehzucht und Agrarindustrie, in erster Linie mit der Produktion genmanipulierter Soja. Dazu kommen Landtitulierungen für Neusiedler auf regierungseigenem Land, teilweise auch innerhalb von Naturschutzgebieten, die von der Vorgängerregierung unter Evo Morales initiiert wurden. Die Misereor-Partnerorganisation CIPCA veröffentlichte im September diesen Jahres einen Bericht, aus dem klar hervorgeht, dass die meisten Brände in solchen Zonen wüten, die in längerfristigen Planungen für Viehzucht, den Anbau von Soja, Getreide oder auch die Anlage von Holzplantagen vorgesehen sind. Hier hoffen die Brandstifter, durch die Schaffung vollendeter Tatsachen laufenden Genehmigungsverfahren vorgreifen zu können.

Dabei wird keine Rücksicht genommen: ein von der Misereor-Partnerorganisation CEJIS veröffentlichter Bericht zeigt, dass sich von den im gesamten Monat September 2020 registrierten 116.285 Brandherden 17.200 in indigenen Territorien und über 26.000 in Naturschutzgebieten befanden. Im bolivianischen Chaco sind derzeit ganze Gemeinden auf der Flucht vor Feuer und Rauch, und die Brände vernichten mit den natürlichen Ressourcen  die Lebendgrundlage der indigenen Bevölkerung.  

Vorschub geleistet wird dieser Entwicklung durch die bolivianische Regierungspolitik mit ihrer Favorisierung der Agrarindustrie. Schon die Regierung von Evo Morales hatte in eklatantem Widerspruch zu der von ihr proklamierten Politik eines Vivir Bien im Einklang mit der Natur einen Pakt mit der Agrarindustrie geschlossen. In verschiedenen Gesetzgebungsverfahren sowie über präsidentielle Dekrete wurden im Widerspruch zur Verfassung genmanipulierte Soja zum Anbau zugelassen, Brandrodungen im großen Maßstab offiziell erlaubt und schließlich von den Abgeordneten seiner Partei MAS im Januar 2020 ein Nutzungsplan für das Departement Beni verabschiedet, der die Umwandlung von 9 Mio ha Forst- in Agrarflächen vorsieht. Die seit Dezember 2019 amtierende konservative Übergangsregierung unter der Interimspräsidentin Jeanina Añez ist noch enger mit der Agrarindustrie verbandelt. Sie hat in diesem Jahr, wieder über Dekrete, verkürzte Zulassungsverfahren für weitere genmanipulierte Sorten von Mais, Baumwolle, Zuckerrohr, Weizen und Soja eingeführt.

Männer machen Pause und essen.
Gemeinsames Essen der Feuerwehrleute und Löschhelfer (Foto: CIPCA Cordillera)

Dabei ergibt sich jedoch ein Teufelskreis: CIPCA zeigt in seiner Veröffentlichung, dass über die Einführung genmanipulierter Sorten und die Nutzung von immer größeren Mengen Agrarchemikalien in Bolivien in den letzten Jahrzehnten keine Steigerung der Flächenproduktivität erreicht wurde. Um also mit diesem Produktionsmodell größere Produktionsmengen zu erreichen, müssen immer weitere Waldflächen gerodet werden. Dabei dienen die Produkte der Agrarindustrie keineswegs der Ernährung der bolivianischen Bevölkerung, sondern zum allergrößten Teil dem Export nach Brasilien und andere der Nachbarländer; der Import von Nahrungsmitteln nach Bolivien ist dabei in den letzten Jahren stetig gestiegen.

Eine grundsätzliche Änderung der Agrarpolitik in Bolivien ist dringend notwendig, um der weiteren Zerstörung des für die Erhaltung der Biodiversität, des Klimas und der Lebensgrundlagen der bolivianischen Bevölkerung so wichtigen Waldes Einhalt zu gebieten. Leider ist von den am 18. Oktober für die Übernahme der Regierung kandidierenden Parteien hier wenig zu erwarten; es gibt so gut wie keine Alternativvorschläge. Umso wichtiger ist die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen in Allianzen mit Universitäten, kleinbäuerlichen und indigenen Organisationen und einer wachsenden Umweltbewegung in Bolivien, um hier einen Wandel zu bewirken.

Zum Autor: Markus Zander ist Referent für Bolivien bei MISEREOR.


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Autor:

Gast-Autoren im MISEREOR-Blog.

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