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„Alles an mir verkörpert die ländliche Gemeinschaft“

Mariam Sow. Senegal. Geschäftsführerin. Kämpft gemeinsam mit Bäuerinnen und Bauern für deren Landrechte und für einen Gemüseanbau nach agrarökologischen Prinzipien, von dem alle (wieder) leben können.

© Klaus Mellenthin / MISEREOR

Das sind meine Wurzeln

Ich bin zur Grundschule gegangen, danach waren das Leben und die Praxis mein Studium. Ich komme ja aus einer ländlichen Welt und hatte mein Leben lang mit bäuerlichen Gemeinschaften zu tun. Alles an mir – mein Kopf, mein Mund, meine Arme, meine Beine, meine Sprache, mein Leben – verkörpert die ländliche Gemeinschaft. Mein Vater konnte selbst nicht zur Schule gehen. Deshalb war es ihm wichtig, dass wir Kinder wenigstens zur Grundschule gehen. Er hat mich so vor einer Kinderehe bewahrt.

Das verleiht mir Flügel

Ich glaube an das, was ich mache. Mir sind Ungerechtigkeiten sehr bewusst, mit denen ich selbst durch meine Herkunft zu kämpfen hatte. Deshalb kann ich anderen gut vermitteln, dass sie etwas dagegen tun können, wenn sie nur wirklich wollen – statt sich mit verschränkten Armen alles gefallen zu lassen. Es gab im Senegal einen Bruch mit dem alten Wissen und Handwerk über Landwirtschaft. Unser Wissen und unsere Werte werden einfach nicht anerkannt vom globalen Markt. Er kultiviert stattdessen unsere Armut durch Protektionismus. Wir werden gezwungen, zum Beispiel durch die Weltbank, subventionierte Landwirtschaftsprodukte von anderen zu importieren, statt sie selbst herzustellen. Wir werden gezwungen, im Gegenzug Monokulturen anzubauen und zu exportieren: Erdnuss, Baumwolle, Reis. Das ist der Grund dafür, dass immer mehr Landstriche von der Wüste geschluckt werden. So können wir uns natürlich nicht selbst mit Lebensmitteln versorgen und unabhängig von Exporten sein. Der globale Norden schaut dann auf uns herab mit dem Vorurteil „Entwicklungsland“…

Es muss etwas passieren, weil…

…die ländlichen Gegenden im Senegal abgehängt sind und an den Rand gedrängt werden. Wir müssen uns nur mal anschauen, wie das mit der Bildung läuft: Es gibt nur wenige Schulen, vor allem in armen Gegenden. Die Universitäten sind in großen Städten, die Gymnasien sind in großen Städten. Kinder vom Land werden absolut benachteiligt, wenn es um Bildung geht. Sie kommen ohne Bildung aber niemals aus der Armut heraus. Meine Arbeit ist wichtig, damit die Leute in kleinbäuerlichen Gemeinschaften sehen, dass es Menschen gibt, die sie verstehen, die für sie kämpfen. Wir kämpfen gemeinsam, und sie sind nicht alleine, sondern können auf die Solidarität von zivilgesellschaftlichen Organisationen zählen.

Meine Arbeit ist getan, wenn…

Solange ich lebe und noch klar denken kann, werde ich weiterarbeiten. Wenn das irgendwann nicht mehr funktioniert, dann gibt es junge Leute, die meinen Kampf fortsetzen werden. Aber solange ich noch wahrnehme, atme und sehe, kämpfe ich weiter.

Frauen können…

… alles und sind absolut fähig, es hängt nur davon ab, ob und wieviel die Gesellschaft in sie investiert. Es ist wichtig, dass die Menschen auf dem Land keinen Unterschied zwischen ihren Kindern machen, sondern ein Mädchen für genauso fähig halten wie einen Jungen. Was sie jeweils aus sich machen, hängt von der Schuldbildung ab, die sie erhalten. Die Mutter ist die Person, die das wertschätzen und durchsetzen muss. Sie muss Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder übernehmen. Das ist auf dem Land leider noch nicht üblich.

Das Interview führte Susanne Kaiser. Sie ist freie Journalistin, mit Schwerpunkt Naher Osten, und Autorin. Ende 2020 erschien bei Suhrkamp ihr Buch „Politische Männlichkeit“. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen“.


Hintergrund

Mariam Sow ist 67 Jahre alt, hat acht Kinder und 13 Enkelkinder. Ihre Kinder haben alle studiert, Mariam selbst nicht. Sie hat nur die Grundschule besucht. Dennoch ist sie heute die Geschäftsführerin der „Association pour l’Environnement et Développement Action pour une Protection Naturelle des Terroirs“ (ENDA PRONAT) in Dakar.

ENDA PRONAT ist Projektpartner von MISEREOR in Senegal und arbeitet mit kleinbäuerlichen Gemeinschaften zusammen, vermittelt Techniken, wie man zum Beispiel auf natürliche Weise Pflanzenschutzmittel herstellen kann oder aus Kompost Dünger macht, und unterstützt Dörfer juristisch, wenn Großkonzerne ihr Land rauben wollen. Immer mehr Kleinbäuerinnen und Kleinbauern in Senegal leiden darunter. Aber auch unter der Degradation von Böden, zunehmender Monopolbildung im Saatgutsektor, dem Verlust der Artenvielfalt und unter Vertreibungen, die durch den Schulterschluss zwischen Regierungen und finanzstarken Investoren verursacht oder verschärft werden.

Das Prinzip der Arbeit von ENDA PRONAT ist, dass die Bauern und Bäuerinnen sich einbringen können und Lernende selbst auch lehren. Wie Mariam Sow zur Chefin von ENDA PRONAT wurde, ist beispielhaft für dieses Prinzip der Augenhöhe mit allen Menschen. Ihr Ziel war immer, Frauen zu stärken und ihre Partizipation in der Landwirtschaft zu etwas Selbstverständlichem zu machen.


Sie sind Visionärinnen. Kämpferinnen. Trägerinnen von Entwicklung. Sie sind „Starke Frauen“. In unserer Reihe stellen wir sie und ihre Geschichten vor.

Alle Interviews im Überblick ►


Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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