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Das Brasilien Bolsonaros: Können „die Wunden des Hasses“ heilen?

In Brasilien haben die COVID-19-Pandemie und die von Präsident Bolsonaro betriebene soziale Spaltung dem Land großen Schaden zugefügt. In einem Pilotprojekt der Dialog- und Verbindungsstelle von MISEREOR will man nun neue Wege beschreiten und dabei helfen, die Wunden des Hasses zu heilen. Stefan Kramer, Leiter der Verbindungsstelle in der Hauptstadt Brasília, engagiert sich für Trainings in Gewaltfreier Kommunikation (GFK). Im Interview berichtet Stefan Kramer davon, wie die GFK als eine Art Gegenmittel und „Heilbalsam für die Partnerorganisationen“ in Form einer Ausbildung von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren weitergereicht werden und schließlich eine breite gesellschaftliche Wirkung entfalten kann.

Brasilien Acre Amazonas Hui Kui
Besuch der indigenen Gemeinschaft Huni Kui (v.l.n.r.): Trana Suia und Bismani, die weibliche Häuptling und Schwester von Trana Suia, mit Regina Reinart, Brasilienreferentin bei MISEREOR. Hinten: Darlene Braga von CPT Acre und Stefan Kramer, DVS Brasilien. © MISEREOR

Herr Kramer, Sie leben in Brasília und arbeiten dort als Leiter der Dialog- und Verbindungsstelle. Neben Ihrem Dialog mit der brasilianischen Bischofskonferenz und der deutschen Botschaft sowie der Vernetzungsarbeit mit den Projektpartnern haben Sie mit einem Pilotvorhaben in Gewaltfreier Kommunikation begonnen. Wie sieht Ihre Arbeit diesbezüglich gerade aus? Und worin liegt darüber hinaus momentan der Schwerpunkt Ihres Wirkens?

Stefan Kramer: Das Corona-Virus und der von Bolsonaro und seinen Anhängern geschürte Hass sowie die politische Polarisierung haben dem Land schweren Schaden zugefügt. Brasilien ist tief gespalten. Die Gewaltfreie Kommunikation, GFK, ist eine Art Heilbalsam für unsere Partnerorganisationen; wie ein Gegenmittel, um sich vom Hass nicht mitreißen zu lassen. Sie basiert darauf, die eigenen Fähigkeiten des Zuhörens und Beobachtens zu stärken, sich über seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse bewusster zu werden und zu lernen, diese auszusprechen – ohne andere anzugreifen oder zu verletzen. Im Grunde genommen geht es bei der GFK um die Bildung von Selbst- und Fremdempathie und der Fähigkeit, nach innen zu schauen. Im Sinne der GFK machen Kategorien wie „richtig“ und „falsch“ wenig Sinn; wir sollten hingegen darauf schauen, ob sich durch unser Handeln die eigenen Bedürfnisse und die der anderen Person erfüllen. Zusätzlich beinhaltet die Haltung der GFK, dass in erster Linie wir selbst Verantwortung für unsere Gefühle und Bedürfnisse übernehmen sollten. Ob und inwieweit wir uns von der Außenwelt in unserem inneren Frieden aus der Bahn werfen lassen, hängt, der GFK folgend, zu einem Großteil von unserer persönlichen Einstellung und Verfassung ab. Gewaltfreie Kommunikation heißt nicht, Gefühle wie Wut, Frustration oder Ohnmacht zu unterdrücken oder den Widerstand gegen Ungerechtigkeit aufzugeben. Im Gegenteil, es heißt diese Gefühle im Verbund mit den Bedürfnissen, die dahinterstecken, in eine Energie umzuwandeln, um bei sich selbst zu sein und gleichzeitig seine Fähigkeiten zu stärken, um offener und empathischer aufeinander zuzugehen.

Gewaltfreie Kommunikation heißt nicht, den Widerstand gegen Ungerechtigkeit aufzugeben. Es bedeutet vielmehr, mit Offenheit und Empathie aufeinander zuzugehen.

Stefan Kramer, Leiter der DVS in Brasilien

Die GFK-Kurse kommen sehr gut bei unseren Partnerorganisationen an, auch weil sie Prozesse zum stärkeren Nachdenken über sich selbst und zur eigenen Transformation provozieren. Vielen Teilnehmenden fehlt es allerdings noch an Erfahrung und Übung, um die GFK in ihren Lebensalltag zu integrieren. Deswegen sind wir gerade dabei, monatliche Übungsgruppen zu bilden, bei denen Elemente der GFK wie das empathische Zuhören und der Umgang mit Konfliktsituationen praktiziert wird. Ferner haben wir inzwischen die GFK-Kurse als Bestandteil des Süd-Süd-Dialogs zwischen Brasilien, Angola und Mosambik auf den afrikanischen Kontinent ausgeweitet; mit einer lebendigen Offenheit und Resonanz. Auch bereiten wir gerade einen spezifischen GFK-Kurs für Koordinatorinnen und Koordinatoren vor.

Aula Viva Workshop in indigener Gemeinde Amazonas
Feierlichkeiten mit Indigenen der Kokama und Tikuna während des Workshops „Lebende Schule“ im Bundesstaat Amazonas. © Markus S. Enk

Um unsere Partnerorganisationen aber langfristig in der GFK zu stärken – und damit sie auch unseren Zielgruppen zugutekommt –, befinden wir uns im Partnerkreis derzeit in der Diskussion, ein Projekt spezifisch für die Ausbildung von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zu erstellen. Dadurch kann sich die DVS wieder verstärkt anderer Netzwerkarbeit widmen, etwa in der kritischen Auseinandersetzung mit dem geplanten EU-Mercosur-Abkommen. Hier unterstützen wir die „Bewegung gegen das MERCOSUR-Abkommen“ oder auch das kirchliche, pan-amazonische Netzwerk REPAM. Dieses setzt sich für den Erhalt des Amazonasgebietes und den Schutz der hier lebenden Menschen und Kulturen ein. Ferner stehe ich in engem Dialog mit vielen unserer 170 Partnerorganisationen und mit der Botschaft, mit der wir gerade die Verlängerung zweier Nothilfemaßnahmen für die von der aktuellen Krise besonders hart betroffenen indigenen Gemeinschaften auf den Weg bringen.

Brasilien Indigene Kokama und Tikuna Agroforst
Anlage einer Agroforstparzelle mit Gemeindemitgliedern der indigenen Gemeinschaften Kokama und Tikuna im Jahr 2018. © Stefan Kramer / DVS Brasilien

Sie sind schon viele Jahre in Brasilien und haben währenddessen viele Höhen und Tiefen erlebt. Wie schätzen Sie die gegenwärtige Situation im Land ein?

Stefan Kramer: Die Situation ist sehr kritisch, denn neben dem Corona-Virus sind wir einem anderen Virus ausgesetzt. Dieser Virus heißt Ultra-Rechtspopulismus. Er wird verbreitet durch permanente Fake News, das Schüren von Hass und eine massive Polarisierung. Dieser Virus hat bereits einen tiefen gesellschaftlichen Graben hinterlassen. Es wird Jahre dauern, aus diesem wieder herauszukommen. Die Gesellschaft ist politisch in ein linkes und ein rechtes Lager gespalten. Es gibt zwar auch eine starke politische Mitte, doch agitiert deren politische Führung bereits seit Jahren als eine Art Trittbrettfahrer und wechselt gerne und schnell die politische Richtung, je nachdem, von wo der stärkste Wind gerade bläst. Der rechtspopulistische Präsident Bolsonaro und dessen Politik, insbesondere auf Corona bezogen, spalten die Gesellschaft zunehmend. Zwischen Bolsonaros Anhängern und Gegnern fehlt es an Dialog und oftmals am Willen und der Fähigkeit, einander zuzuhören. Menschenrechte und Demokratie werden derzeit in Brasilien mit Füßen getreten. Es geht für uns darum, die Wunden des Hasses und des Nicht-Miteinander-Redens zu heilen. Das wird nicht von einem auf den anderen Tag gelingen und verlangt Selbstreflektion und ein stärkeres Schauen auf das Warum, um den Heilungsprozess in Gang zu setzen.

Die Situation in Brasilien ist sehr kritisch, denn neben dem Corona-Virus sind wir einem anderen Virus ausgesetzt. Dieser Virus heißt Ultra-Rechtspopulismus.

Stefan Kramer, Leiter der DVS in Brasilien

In Ihrem Blogbeitrag erwähnen Sie, dass etwa 27 Millionen Menschen in Brasilien mit einem Einkommen von 1,30 Euro pro Tag an der absoluten Armutsgrenze leben. Darunter sind auch viele Jugendliche, denn die Bevölkerung ist ohnehin sehr jung – knapp 24 % der Brasilianerinnen und Brasilianer sind sogar unter 15 Jahre alt. Welche Chancen haben Heranwachsende unter den momentanen Bedingungen? Mit welchen Herausforderungen und Schwierigkeiten sind sie konfrontiert?

Stefan Kramer: Jugendliche sind eine besonders vulnerable Gruppe, insbesondere afrobrasilianische Jugendliche. Denn auch der Rassismus ist in Brasilien spürbar und weit verbreitet. Das zeigt sich insbesondere an dem unverhältnismäßig hohen Anteil von Ermordungen junger Afrobrasilianerinnen und Afrobrasilianer durch die Polizei. Jugendliche sind auf ganz andere Weise von der Pandemie getroffen. Ihnen fehlt im Moment vor allem der Austausch mit Gleichaltrigen, außerdem sehen viele kaum echte Zukunftsperspektiven. Auch wegen der im letzten Jahr stark angewachsenen Arbeitslosigkeit haben sie es besonders schwer, sich beruflich und gesellschaftlich weiterzuentwickeln. Auch vonseiten viele unserer Projektpartner wird meiner Meinung nach noch zu wenig getan, um Jugendliche in soziale Bewegungen und Organisationen einzubinden. Die Jugendpartizipation ist zu niedrig, ihnen wird zu wenig zugehört. Doch sie sind Brasiliens Zukunft. Daher ist es sehr wichtig, den engeren Kontakt und Austausch mit Jugendlichen zu suchen, sich ihre Ideen und Vorstellungen anzuhören und ihnen mehr Raum und Unterstützung anzubieten, damit sie ihre Träume und Ziele verwirklichen können.

Was tun die MISEREOR-Partnerorganisationen und was können wir tun, um den derzeitigen Entwicklungen entgegenzuwirken? Was müsste für eine Verbesserung getan werden?

Stefan Kramer: Von größter Bedeutung ist es, sich weiterhin für die Menschenrechte, gegen den Hunger und die Armut vor Ort einzusetzen und nicht zu schweigen. Es ist zudem wichtig, sich vor einer Polarisierung zu schützen und sich nicht mitreißen zu lassen, sondern auf Menschen mit anderen Meinungen zuzugehen. Es ist nun wesentlich, auf eine Veränderung in der Politik und gegen die zunehmende Ungleichheit hinzuwirken. Dafür kann sich auch die deutsche Bevölkerung stark machen, indem sie sich aktiv gegen das EU-Mercosur-Abkommen und für die Naturvölker und den Umweltschutz einsetzt. Dadurch, dass sie auf Missstände in Brasilien aufmerksam macht und diese diskutiert, kann viel verändert werden. In einer globalisierten Welt wie heute ist es wichtig, sich zu solidarisieren und zu erkennen, dass es vielen Menschen noch sehr viel schlechter geht als uns. Organisationen wie MISEREOR und ihre Partner leisten viel vor Ort – gegen politische und soziale Probleme und Alltagsmissstände wie den Hunger. Daher ist es so wichtig, Solidarität zu zeigen; sei es durch Öffentlichkeitsarbeit oder Kampagnen oder sei es durch Spenden.

Durch die Pandemie hat sich die Spaltung massiv verstärkt. Es kommen neue Elemente hinzu, etwa die Politisierung des Maskentragens.

Stefan Kramer

Ich selbst war jeweils für mehrere Monate in Brasilien, in den Jahren 2016 und 2018. In der brasilianischen Gesellschaft beobachte ich seitdem einen politischen und sozialen Schereneffekt. Inwieweit hat die Pandemie zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft beigetragen?

Stefan Kramer: Ja, durch die Pandemie hat sich die Spaltung nun massiv verstärkt. Es kommen neue Elemente hinzu, etwa die Politisierung des Maskentragens. Bolsonaros Corona-Politik, in der er COVID-19 oftmals als „leichte Grippe“ abgetan und sich über Maskenpflicht und Abstandsgebote hinweggesetzt hat, zieht fatale Folgen nach sich. Beinahe täglich werden 3.000 bis 4.000 Corona-Tote gezählt. Die Hinterbliebenen fühlen sich von der Regierung alleingelassen und sind verzweifelt. Die Armut und der Hunger in Brasilien nehmen von Tag zu Tag zu, das Land ist getrennt in zwei Lager. Anhänger Bolsonaros sind oftmals Corona-Leugner, die sich von Verschwörungstheorien und Fake News in den sozialen Medien schnell und gerne aufheizen lassen. Auf der anderen Seite stehen die Menschen und Gruppen, die gegen Missstände im Land normalerweise auf die Straße gehen würden, doch dies wegen der Corona-Pandemie und aus Rücksichtnahme derzeit nicht können. Ihre Möglichkeit, sich aktiv als breite Masse gegen die praktizierte Politik zu setzen, ist ihnen größtenteils genommen und es bleibt häufig ein Gefühl der Machtlosigkeit und Wut.

Das Interview führte Greta Ehrenfried, die bis Ende April 2021 im Rahmen eines Praktikums in der Lateinamerika-Abteilung von MISEREOR tätig war.


Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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