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„Das Friedenspotential der Religionen nutzen“

Religionen bergen ein enormes Friedenspotential. Verständigung, Harmonie und Versöhnung sind ihre Botschaften. Gleichzeitig wird religiöse Identität immer wieder in Konflikten instrumentalisiert und trägt so zu Gewalt bei. Um diese zu überwinden und Auseinandersetzungen zu schlichten, bedarf es der Vermittlung und vor allem eines bewussten und immer wieder neuen Aufeinander-Zugehens. Thomas Kuller, Fachreferent für Friedensförderung und Konflikttransformation bei MISEREOR, beschäftigt sich in seiner Arbeit stets mit der Rolle von ethnoreligiöser Identität in Konflikten. Im Interview erzählt er von seinem „Lieblingsprojekt“ in Sri Lanka und inwiefern hier erfolgreich Frieden zwischen Hindus, Buddhisten, Muslimen und Christen gestiftet wird.

Sri Lanka interreligiöser Austausch
Sri Lanka ist ein sehr diverses Land; die Mehrheit der Einwohner*innen sind Buddhisten, aber es leben hier auch viele Hindus, Muslime und Christen. © Harms / MISEREOR

Lieber Thomas, welches ist dein Lieblingsprojekt?

Thomas Kuller: Das Friedensprojekt vom National Peace Council in Sri Lanka. Sri Lanka ist ein sehr diverses Land mit einer multireligiösen, multiethnischen Gesellschaft. Das Land hat 26 Jahre Bürgerkrieg hinter sich und es gibt auch heute immer wieder Konflikte zwischen verschiedenen religiösen Bevölkerungsgruppen. Der National Peace Council, kurz NPC, ist deshalb eine wichtige zivilgesellschaftliche Kraft, um für Ausgleich und ein friedliches Miteinander zwischen den Religionen zu sorgen.

Warum liegt es dir besonders am Herzen? Was macht das Projekt zu etwas Besonderem? 

Thomas Kuller: Eins der Hauptprobleme in der sri-lankischen Gesellschaft ist, dass die Vorurteile, das Misstrauen und das Gewaltpotenzial zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und Religionsgemeinschaften stark sind. Das haben wir selbst in Deutschland mitbekommen, als zum Beispiel an Ostern 2019 eine dschihadistische Terrorgruppe Hotels und christliche Kirchen in Sri Lanka angegriffen hat. Daraufhin sah sich die ohnehin schon marginalisierte muslimische Bevölkerungsgruppe starken Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt. So etwas vertieft die Gräben in der Gesellschaft. Und die Religionsgruppen werden weiter gespalten.

Faszinierend an dem Projekt vom NPC ist, dass es der Projektträger schafft, auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene interreligiöse Komitees zu etablieren, bei denen die vier großen Religionsgemeinschaften in Sri Lanka zusammenfinden. Dazu gehören Buddhisten, Christen, Muslime und Hindus. Die religiösen Würdenträger vor Ort starten Aktionen zum religiösen Miteinander und setzen sich für Pluralismus und Toleranz ein. Außerdem gehen sie präventiv gegen religiöse Gewalt vor und leisten Mediation in akuten Konfliktsituationen.

Akteur*innen wie der National Peace Council setzen sich stark für eine pluralistische nationale Identität Sri Lankas ein, in dem alle Religionsgemeinschaften willkommen sind. Das Schöne an dem Projekt ist, dass der NPC durch seinen Einsatz großes Vertrauen genießt. Deshalb werden die Komitees von allen möglichen Institutionen für Trainings angefragt und können so immer mehr Menschen zu den Themen Pluralismus, Toleranz und Konflikttransformation schulen.

Wie kann man sich die Arbeit des National Peace Council konkret vorstellen? 

Thomas Kuller: Die Maßnahmen des NPC sind sehr vielfältig. Ein Ansatz ist, wie bereits angedeutet, dass der Projektträger in den letzten Jahren sogenannte interreligiöse Komitees in allen sri-lankischen Regierungsdistrikten ins Leben gerufen hat. Diese Komitees setzen sich in ihrer Region für gegenseitiges Vertrauen der verschiedenen Kulturen und Religionen ein. Außerdem bieten sie Trainings für die Menschen vor Ort an, bei denen sie in Gewaltprävention, Vergangenheitsbewältigung und interreligiöser Begegnung geschult werden. Der National Peace Council und seine einzelnen interreligiösen Komitees arbeiten aber mittlerweile nicht nur mit Religionsgemeinschaften und deren Anhänger*innen zusammen, sondern auch mit anderen Akteur*innen. Sie schulen zum Beispiel auch Medienschaffende, akademische Lehrkräfte, die Polizei oder Regierungsbeamt*innen, um durch Trainings und vertrauensbildende Maßnahmen ein Umdenken zu bewirken und die Zusammenarbeit zu stärken.

Bei den vom National Peace Council organisierten Treffen lernen die verschiedenen Religions- und Bevölkerungsgruppen die Lebenswirklichkeiten der jeweils anderen kennen. © Harms / MISEREOR

Ich habe auf einer Reise nach Jaffna im Norden des Landes die Arbeit des dortigen interreligiösen Komitees miterlebt. Dort leben hauptsächlich hinduistische Tamilen, die immer wieder mit dem Militär in Konflikt geraten, das in der Region immer noch eine sehr hohe Präsenz zeigt. Zudem werden in diesem Teil des Landes ganz viele buddhistische Statuen gebaut, obwohl es dort eigentlich wenige Buddhisten gibt. Die Tamilen empfinden das als Unterdrückung, weil ihnen der Willen der Mehrheitsbevölkerung übergestülpt werde, die Sri Lanka ausschließlich als Heimstätte der Buddhisten betrachtet. Das führt immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Das ansässige Komitee konnte hier intervenieren und den Menschen mittelfristig zu einem friedlichen Miteinander verhelfen. Solche Ereignisse sind kleine, aber sehr wichtige Erfolge, die in der Summe einen Unterschied machen können.

Gibt es in dem Projekt noch weitere Erfolge, von denen du erzählen kannst? 

Thomas Kuller: Ja, im Jahr 2018 gab es in der Region Kandy zum Beispiel Aufstände gewalttätiger Mobs gegen Muslime. Das interreligiöse Komitee vor Ort fand sich direkt zusammen und rief in einer Pressekonferenz zu Zurückhaltung auf allen Seiten auf. Abschließend gingen die führenden Würdenträger der vier ansässigen Religionsgemeinschaften gemeinsam in die unterschiedlichen Gemeinden, um an die Menschen zu appellieren, die Gewalt zu beenden und um beruhigend einzuwirken – und so das Gewaltpotenzial zu verringern. Diese öffentlichkeitswirksame Aktion sorgte in diesem Fall dafür, dass die Lage nicht weiter eskalierte.

Ein anderes Beispiel sind die Aktionen zum Thema Hassrede im Internet. Misstrauen und Hass zwischen den Religionen spielen sich sehr stark in den sozialen Medien ab. Da werden Gerüchte gestreut, die zu mehr Vorurteilen, Gewalt und später dann Gegengewalt führen. NPC arbeitet deshalb mit Jugendgruppen zusammen. Diese rufen dann konkrete Projekte und Initiativen ins Leben, um im virtuellen Raum für Toleranz und Pluralismus zu werben. Damit setzen sie ausgrenzenden und populistischen Narrativen etwas entgegen. Ich glaube, das ist ein wirklich wichtiger Aspekt in der Friedensförderung, weil soziale Medien als virtuelle Diskursräume trotz vieler schädlicher Tendenzen auch viel Potenzial haben.

Thomas Kuller
Thomas Kuller ist Fachreferent für Friedensförderung und Konflikttransformation in der Asien-Abteilung von MISEREOR. © Fahlbusch / MISEREOR

Was wünschst du dir für die Zukunft des Projektes?

Thomas Kuller: Ich wünsche dem Projekt, dass es weiter Erfolge verzeichnen kann und dazu beiträgt, dass sich Sri Lanka zu einer pluralen, offenen Gesellschaft entwickelt. Also auch, dass sich eine nationale Identität etabliert, die auf Pluralismus und Toleranz basiert. Zivilgesellschaftliche Akteur*innen wie das NPC leisten hierfür einen wichtigen Beitrag, vor allem weil der politische Friedensprozess derzeit stagniert bzw. sogar rückabgewickelt wird und die Parteienlandschaft sehr stark von Klientelpolitik geprägt ist. Es ist deshalb wichtig, dass die Zivilgesellschaft der Politik ihre positive Vision von Vielfalt aufdrängt, sodass sich die sri-lankische Politik zu dieser Vision zunehmend verhalten muss. Ich wünsche mir, dass dann ein umfassender, erfolgreicher Versöhnungsprozess einsetzt. Ich bin mir sicher, dass der National Peace Council dazu einen wichtigen Beitrag leisten kann.


Mein Lieblingsprojekt

In der Reihe „Mein Lieblingsprojekt“ stellen MISEREOR-Mitarbeitende regelmäßig Projekte vor, die ihnen besonders am Herzen liegen und geben so Menschen aus dem Süden ein Gesicht.

Geschrieben von:

Ina Thomas volontiert in der Abteilung Kommunikation bei MISEREOR.

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