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Die Kipppunkte des Planeten – und was sie mit mir zu tun haben

Am eigenen Leib habe ich erfahren, wie sich ein „menschlicher Kipppunkt“ anfühlt. Bei einem Waldspaziergang tappe ich in ein von Zweigen und Moosen überdecktes Erdloch, knicke um und es macht „knack“. Ich gehe zu Boden. Es tut verdammt weh. Ab einem bestimmten Punkt gibt es eben kein Zurück mehr, der „Lauf der Dinge“ ist nicht mehr aufzuhalten. Mit dem Erreichen „meines“ Kipppunktes brach der Knochen. Ein richtig blödes Gefühl. Später im Krankenhaus wurde festgestellt, dass mein Sprunggelenk gebrochen war. Nun wurde ich bestens medizinisch versorgt. Und mein Sprunggelenk konnte wieder komplett heilen. Im Gegensatz zu unseren globalen Öko-Systemen, die wegen der menschengemachten Klimaerhitzung zu kippen drohen und sterben werden. Ein Knochenbruch als persönlicher Kipppunkt ist dann eben doch kein globaler point of no return.

Gletscherschmelze Antarktis
Sollten die Gletscher weiter abschmelzen, könnte der gesamte westantarktische Eisschild instabil werden und kollabieren; der Meeresspiegel könnte in der Folge um bis zu drei Meter ansteigen. © Simon Berger / Unsplash

Globale Kipppunkte: steigende Meeresspiegel, verheerende Trockenheit

Egal, ob wir es jetzt schaffen, die Emissionen insgesamt zu reduzieren; sicher ist, dass die Länder und Regionen rund um das Mittelmeer mit verheerender Trockenheit werden zu kämpfen haben und andererseits – was für ein Paradox – der Meeresspiegel global weiter ansteigt. Da geht es „nur“ noch um die Geschwindigkeit. Die Liste der Kipppunkte ist lang. Ich habe hier nur die augenfälligen und bedeutendsten herausgegriffen:

Korallenriffe: Als erstes sterben die Korallenriffe. Es sind die größten, von Lebewesen geschaffenen Strukturen der Erde. Eine unglaublich vielfältige Lebensgemeinschaft bewohnt die Riffe. Für das Wunder des Lebens, seine Farben und Formen gibt es wohl kein schöneres Bild. Bei einer globalen Erwärmung um 2 Grad Celsius werden diese Wunder der Natur komplett sterben. Nach Analysen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (Prof. Rahmstorf) könnten bei Einhaltung des 1,5-Grad-Limits noch 10 bis 35 % gerettet werden. Allerdings: Wir befinden uns gerade auf einem 3,5-Grad-Pfad. Was das nicht nur für diese Naturwunder bedeutet, können wir uns ausmalen.

Korallen
Korallenriffe sind die größten, von Lebewesen geschaffenen Strukturen der Erde; bei einer globalen Erwärmung um 2 Grad Celsius werden diese Wunder der Natur sterben. © Tomoe Steineck / Unsplash

Antarktischer Eisschild: Der nächste Kipppunkt ist die Destabilisierung des westlichen antarktischen Eisschildes. Hier ist der point of no return nach Angaben zahlreicher Forscher*innen vermutlich bereits erreicht und der allmähliche Abbau des Schildes ist nicht mehr aufzuhalten. So verliert der Pine-Island-Gletscher schon heute mehr Eis als alle anderen Gletscher der Antarktis. Sollten die dortigen Gletscher weiter abschmelzen, so befürchten Wissenschaftler, könnte der gesamte westantarktische Eisschild instabil werden und kollabieren, und der Meeresspiegel würde schätzungsweise um drei Meter ansteigen. „Knack“ macht es in mir. Ich kann es nicht aufhalten und das tut sehr weh.

Amazonas: Der Amazonas ist augenscheinlich noch nicht ganz verloren. Aber bei jedem weiteren Brand, jedem weiteren Abholzen der Wälder für mehr Rinderweiden und Sojafuttermittel für die hiesige Schweinemast wird das System Amazonas-Regenwald immer instabiler. Dort wird nach dem Abbrennen und Vertreiben der heimischen Bevölkerung in agrarindustriellen Monokulturen Soja und Mais für die Fütterung angebaut. Das ist billiger, als in Deutschland z.B. Erbsen, Bohnen oder Lupinen anzubauen. Klar ist: das menschliche Leiden infolge der Klimakrise wird weiter zunehmen.

Amazonas Regenwald
Das Ökosystem des Amazonas-Regenwaldes weist die größte Biodiversität aller tropischen Wälder weltweit auf; massive Rodungen und das Abbrennen lassen dieses sensible System immer instabiler werden. © Sebastien Goldberg / Unsplash

Die Weckrufe häufen sich

Wachen wir erst auf, wenn sich bei uns grüne Wälder in trostlose Steppen verwandeln? Wie kann ich mich mit Lebewesen, die weit entfernt von mir sind, verbunden fühlen, damit ich im Hier und Jetzt ins Handeln komme? Im Vergleich zur Situation in vielen Ländern des globalen Südens wird es uns im globalen Norden voraussichtlich noch etwas länger gut gehen. Selbst nach drei Dürresommern und einer Pandemie herrscht augenscheinlich keine Nahrungsmittelknappheit – zumindest bekommen wir davon fast nichts mit. Dieser Sommer begann recht kühl. Anlass zur Hoffnung? Alles gut mit der Klimaerhitzung? Mitnichten. Die folgenschweren Unwetter und Hochwasser der letzten Tage sind mehr als nur Vorboten des Klimawandels.

Klimakrise: verdrängt, weggeschoben und „kaltgestellt“

Es dämmert immer mehr Menschen: das Ganze hat gewiss auch mit mir und meinem Leben zu tun. Andererseits erscheinen die Ereignisse der vergangenen Tage wohl Vielen als extreme Ausnahmesituation, als „Jahrhundertereignis“. Davon abgesehen sind die Auswirkungen der Klimakrise für viele Menschen hier immer noch weit weg – verdrängt, weggeschoben, „kaltgestellt“. Auch die Vorstellung von einer Tonne CO2 ist für viele von uns nicht greifbar und damit weit weg. Diese Angabe ist so abstrakt, darunter kann sich kaum jemand etwas vorstellen. Und das wird wohl auch noch eine ganze Weile so bleiben.

Klimawandel 1,5-Grad-Ziel Fridays For Future
Immer dringlicher stellt sich die Frage: Wie kann das 1,5-Grad-Limit des Pariser Klimavertrages eingehalten werden? © Mika Baumeister / Unsplash

Lass Dein „Ich“ aus der Zukunft zu Dir sprechen

Ich lade hier ein zu einem kleinen Experiment, um einen Perspektivwechsel zu wagen. Beamen wir uns um 30 Jahre in die Zukunft. Wir reisen dabei an all die Orte, die uns wichtig sind, die wir vielleicht gerne mal erleben möchten oder schon erlebt haben. Zum Beispiel den Regenwald auf Borneo mit seinen Orang-Utans oder die Korallenriffe mit bunten Fischschwärmen vor den Küsten Australiens, die wuseligen Märkte in Nordafrika mit den faszinierenden Gerüchen oder die vielfältige Landschaft in der Uckermark in Brandenburg. Was würde unser 30 Jahre älteres „Ich“ dabei erleben? Wie sieht die Welt dann aus, in der wir leben? Laufen wir durch monotone Palmölplantagen? Steigt uns dabei der stechende Geruch von Pestiziden in die Nase? Schnorcheln wir über fischarme Korallen-Skelette hinweg, deren aschfahles Grau unser Auge langweilt? Flüchten wir uns bei einem Gang durch schmale Gässchen nordafrikanischer Märkte vor der unerträglich sengenden Sonne? Die Landwirtschaft in diesen Regionen ist faktisch nicht mehr funktionsfähig, wir können dort nur noch abgepacktes Essen aus Europa kaufen. In der Uckermark ist der Wald fast verschwunden. Genau wie viele der glitzernden Badeseen, in denen wir das kühle Nass auf unserer Haut spüren konnten.

Was würde mir das „zukünftige Ich“ mitgeben wollen?

Lassen wir unser „Ich“ aus der Zukunft zu uns im „Heute“ sprechen. Was würde unser „Ich“ wohl fühlen nach diesen sinnlichen Erfahrungen in der Zukunft? Was würde es uns mitgeben und teilen wollen für eine lebens- und liebenswerte Zukunft? Neben Ratschlägen gewiss auch bohrende Fragen: Wie möchten wir dazu beitragen, dass diese Welt gelingen kann? Und wie sollte diese Welt aussehen? Ich bin sehr gespannt auf die Antworten aus der Zukunft! Gerne können sie hier über die Kommentar-Funktion im Blog geteilt werden. Nach meinem ganz persönlichen Wendepunkt werde ich weiter erforschen, was mein „Ich“ aus der Zukunft mir für das Hier und Jetzt mitzuteilen hat auf dem Weg in eine liebevolle Welt. Viel Freude beim „Zeitreisen“!


Weitere Informationen

Geschrieben von:

Ich bin studierter Agrarwissenschaftler und selber Bioland-Landwirt mit Schwerpunkt Schweinehaltung gewesen. Bei MISEREOR arbeite ich zu den Themen Landwirtschaft, Agrarpolitik und Zugang zu natürlichen Ressourcen wie Land und Saatgut.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Ein wundervolles Ritual, aus der Zukunft auf mein Sein zu blicken.
    Schon 2002 inspirierte mich dies, angeleitet von der Tiefenökologin Joana Macy, zu einer mutigen Protestaktion im Rahmen des Johannesburger Klimagipfels. Eigentlich war damals schon alles klar, bzw. mindestens seit 1978, dem ersten weltweiten Klimareport.
    Heute campen seit vielen Wochen meist junge Menschen für lokale Klimaschutzpolitik u.a. auf dem Lüneburger Marienplatz. Jede*r kann einfach stundenweise dabei sein.
    Derzeit wohne ich in einem Wohnwagen auf einem Bio-Hof. Kaufe überwiegend öko und wenig Fleisch. Nutze meist Fahrrad, ÖPNV&Bahn, in wirklich nötigen Fällen ein Carsharing-Auto. Kaufe seit 2015 ausser Lebensmittel&co nur ganz selten neue Sachen. Im Sinne von BUEN VIVIR – GUTEM LEBEN. Ich hab aber auch ne Menge CO2 in meinem Leben schon verbraucht.
    Auch daher träume ich, dass alle Politiker*innen ab jetzt tun, was sie wirklich könnten, wenn sie ihr Gestalten aus der Zukunft betrachtet bestimmen würden. Oder einfach nur mit Blick darauf, was Klimawandel bereits jetzt anrichtet.

  2. Was kann der Einzelne tun, um die Kipppunkte nicht weiter zu reizen? Umweltverträglich kaufen? „Unsere Wirtschaft hats bereits verstanden – Klimawandel, der neue Verkaufsschlager !“ Unsere Wirtschaft verkauft uns nun ihre Produkte als grün, statt weniger oder nicht mehr zu verkaufen! Nein, wir wachsen weiter! Und die aktuelle Politik mag nicht einlenken, da wenn weniger neu oder langlebig gekauft wird, unsere Arbeitsplätze gefährdet wären. Alles muss so bleiben wie es ist, damit unser System nicht den System-Kipppunkt erleidet. Unsere Politik hat kein Rezept für weniger oder kein Wachstum, keines für Abbau. ABBAU, ein Wort was Angst macht … Ein Teufelskreis, der nur durch Entschlossenheit und Solidarität in einem Miteinander vieler Menschen gebrochen werden kann . Oder? Hat jemand ein anderes Rezept? – Erich Kästner sagte einst „Erst wenn die Mutigen klug und die Klugen mutig geworden sind, wird das zu spüren sein, was ursprünglicher Weise schon oft festgestellt wurde: Ein Fortschritt der Menschheit!“ In diesem Sinne, Christoph

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