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„Rapt de filles“: Über den Missbrauch von Frauen und Mädchen im Kongo

Die Benachteiligung von Mädchen und Frauen ist in der Demokratischen Republik Kongo allgegenwärtig, häufig aber für Zugereiste nicht so leicht wahrnehmbar.

Symbolbild © CANVA

Eheschließungen zwischen oder mit Minderjährigen, sexueller Missbrauch von Kindern, alleinerziehende minderjährige Mütter, Risiken infolge heimlicher Abtreibung oder Geburtskomplikationen (einschließlich Tod von Mutter und Kind) sind leider sehr alltägliche Phänomene sowohl in städtischen als auch ländlichen Milieus im Kongo. Und zwar so alltäglich, dass kaum darüber gesprochen wird.

Eine besondere und mir neue Form von Gewalt gegen Mädchen lernte ich jüngst bei einem Projektbesuch in einer Diözese in der Provinz Mongala im Norden der DR Kongo kennen. MISEREOR finanziert in Lolo (ca. 11.000 Einwohner*innen) den Bau eines Mädchen-Internats mit 200 Plätzen, damit auch Mädchen aus der Umgebung die Möglichkeit haben, in den Genuss einer Sekundarschulbildung zu kommen. Der Ort steht für das Phänomen „rapt de filles“ nur exemplarisch. Da ich gerade eine Studie zu dem Problem „filles-mère“ in Kinshasa in Auftrag gegeben und mich schon etwas eingehender mit dem Thema beschäftigt hatte, vermutete ich eine Zwangsehe, um den Makel einer Vergewaltigung oder eines unehelich gezeugten Kindes zu beseitigen. Im Kongo, wo Vergewaltigung theoretisch strafbar ist, ist dies eine gebräuchliche Lösung, die nur der einvernehmlichen Absprache zwischen den betroffenen Eltern bedarf.

Familien wissen um Entführungen

Erst nach einigen Rückfragen erschloss sich mir das Ausmaß der Katastrophe. Rapt bedeutet die geplante Entführung eines Mädchens im Alter von 12 bis etwa 16 Jahren mit dem Ziel, es getrennt von seiner Familie gefügig zu machen (unter anderem mit Süßigkeiten), zu schwängern und auf das Eheleben „einzustimmen“.

Lolo liegt am Fluss Itimbiri, den man mangels Brücken nur mit einem Boot oder schwimmend überqueren kann. Am anderen Ufer ist dichter Regenwald und dieses Umfeld wird gezielt gewählt, damit das Mädchen keine Fluchtmöglichkeit hat und auf seine Entführer angewiesen ist. Die Entführer sind entweder die heiratswilligen Jungen selbst oder Nahestehende, ältere Brüder beispielsweise. Das Opfer wird im Schnitt 3-4 Monate im Wald festgehalten.

Symbolfoto: Fluss Itimbiri © Kölbel | MISEREOR

Die Familien in dieser Gegend empfinden dies oft als normal und ermutigen ihre Söhne sogar teilweise zu dieser Praktik. Angesichts unzureichender Bildungsmöglichkeiten (für Mädchen ist der Schulbesuch noch weitaus schwieriger sicherzustellen als für Jungen) erscheint die verfrühte Heirat und Familiengründung als einzig mögliche Lebensform. Mädchen, die mit 17 noch nicht verheiratet bzw. noch nicht Mutter sind, werden tendenziell als unnormal betrachtet. Dabei ist die Ehe mit Minderjährigen im Kongo gesetzlich gar nicht erlaubt.

Traumatische Erlebnisse

Es erstaunt nicht, dass viele dieser Mädchen, neben den Konsequenzen auf die physische und reproduktive Gesundheit, aufs höchste traumatisiert sind. Flashbacks, Schamgefühle, Angst vor den Aggressoren und vor Stigmatisierung innerhalb der Gemeinschaft, Unmöglichkeit, sich jemandem anzuvertrauen, begleiten die Kinder, die sich nun um ein eigenes Kind kümmern und den sonstigen Erwartungen an das Eheleben gerecht werden sollen.

Manche entfliehen der Situation nach ein paar Jahren, wenn sie die Situation nicht mehr ertragen. In einem Milieu, wo schon die grundlegendste Gesundheitsversorgung nicht gewährleistet ist, wenden sie sich manchmal an Ordensschwestern vor Ort, von denen sie sich moralische oder materielle Unterstützung erwarten. Oft werden erst an diesem Punkt Außenstehende auf das Drama aufmerksam. In beiderlei Hinsicht sind die Schwesternorden jedoch überfordert. Weder haben sie finanzielle Mittel noch eine adäquate Qualifikation in Richtung psychosozialer Begleitung geschweige denn Traumabewältigung. Trauma-Spezialist*innen sind selbst in der 14-Millionen-Hauptstadt Kinshasa schwer zu finden.

Der Teufelskreis der Kindeskinder

Auch die Kinder, die aus solchen unheilvollen Verbindungen hervorgehen, haben schwierige Aussichten. Aufwachsen in größter Armut, vernachlässigt, zum Teil abgeschoben zu den Großmüttern, null Bildungschancen… der Teufelskreis der Armut schließt sich und Traumata werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Wenn Dank des kongolesischen Gynäkologen und Nobelpreisträgers Dr. Denis Mukwege international noch ein bisschen Aufmerksamkeit abfällt für die vergewaltigten Mädchen und Frauen im Ost-Kongo, wo Vergewaltigung als Kriegswaffe eingesetzt wird, so scheint diese Form von Gewalt an Kindern (!) der Gleichgültigkeit aller anheim zu fallen.

Es braucht Bildung!

Das Problem ist komplex und bedarf Strategien auf verschiedenen Ebenen. Aber schon der erleichterte Zugang zu Bildung – für Jungs und Mädchen – könnte ein Hebel sein, um an diesen gesellschaftlich verheerenden Umständen etwas zu ändern. Schulen bauen oder renovieren, Lehrkräfte ausbilden und bezahlen, didaktisches Material zur Verfügung stellen, Jugendliche aufklären, Kindesentführung strafrechtlich verfolgen etc. scheinen im 21. Jahrhundert im Sinne von Prävention keine großen Herausforderungen zu sein. Das ist vielleicht gerade der Grund, warum sich niemand dafür interessiert.

Über die Autorin: Ursula Kölbel arbeitet für MISEREOR in Kinshasa, der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Sie leitet dort die Verbindungsstelle und steht dort im regelmäßigen Austausch mit unseren Projektpartnerinnen und -Partnern vor Ort.

Geschrieben von:

Gast-Autorinnen und -Autoren im MISEREOR-Blog.

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