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Nicht aufgeben, Ängste überwinden

Peky Rubín de Celis Méndez, Psychologin und Direktorin einer Frauenrechtsorganisation in Bolivien. Setzt sich seit vielen Jahren für die Menschenrechte diskriminierter Bevölkerungsgruppen ein, insbesondere für Frauen.

© privat

Das sind meine Wurzeln

Ich heiße Peky Rubín de Celis Méndez, stamme aus der südbolivianischen Stadt Tarija und bin 51 Jahre alt. Schon als Kind lernte ich die Befreiungstheologie in der Praxis kennen und erfuhr durch sie von der sozialen Ungleichheit und Ungerechtigkeit. Ich absolvierte zunächst eine Ausbildung als educadora popular (Pädagogin nach dem Ansatz „Bildung von unten“) und studierte im Anschluss Psychologie. Ich betreute Opfer von sozialer und häuslicher Gewalt, war für verschiedene Menschenrechtsorganisationen tätig und setzte mich für Demokratie, Gerechtigkeit, Gleichheit und die Rechte von Menschen ein, die aufgrund ihres Geschlechts, ihrer ethnischen Herkunft oder ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht diskriminiert werden, insbesondere für Frauen in Bolivien, Argentinien und Uruguay.

Derzeit leite ich das „Team für alternative Kommunikation mit Frauen“ (ECAM).

Das verleiht mir Flügel

Menschen kennenzulernen, die durch das Teilen mit anderen kleine Dinge in etwas Großartiges verwandeln, Menschen, die ihr Leben einer Sache geopfert haben und dafür gestorben sind, Menschen, die Angst und Schmerz überwunden haben, um sich für andere einzusetzen, Menschen, die immer noch träumen und an die Kraft des Kleinen, der Ruhe und der Bescheidenheit glauben. All diese Menschen geben mir die Gewissheit, dass eine neue Gesellschaft möglich ist, jenseits von Nationalitäten, politischen Agenden und Modellen, eine Gemeinschaft, in der wir alle das Recht haben, an einem Tisch zu sitzen und von demselben Brot zu essen.

Dafür setze ich mich ein

Die ständige Auseinandersetzung mit meinen eigenen Vorurteilen und Widersprüchen ist die Grundlage dafür, dass ich mich der menschlichen Realität und den sozialen Kämpfen so authentisch wie möglich nähern kann. Ich bin überzeugt davon, dass die ständigen Machtkämpfe gerade die Menschen verletzlich machen, die von einer ausbeuterischen Gesellschaft als „unbrauchbar“ angesehen werden. Diese Art von Gesellschaft erzeugt Armut, soziale Ungerechtigkeit und viel Leid für Mensch und Natur. Darunter leiden am stärksten Frauen und Kinder, die das letzte Glied in einer Kette von Macht und Machtausübung sind, in der die Gewalt als das wirksamste Mittel angesehen wird, um diese Menschen oder jeden, der sie in Frage stellt oder sich ihnen entgegenstellt, in vielerlei Hinsicht zu unterwerfen. Es geht darum, diese Handlungsweisen im Alltag zu verändern und den Fokus auf die Gemeinschaft zu legen, um so eine gerechtere Gesellschaft zu ermöglichen. Das ist ein ständiger Kampf.

Es muss etwas passieren, weil…

Es muss ein Wandel stattfinden, denn auch wenn persönliche und soziale Kämpfe angesichts eines Systems der Entmenschlichung weit entfernt, idealistisch und fast naiv erscheinen, so sehen wir doch jeden Tag Männer, die ihre Partnerinnen respektieren, Erwachsene, die Kinder und Jugendliche beschützen, Einheimische, die ihre Türen für Fremde öffnen, solidarische Formen der Wirtschaft und des Miteinanders, Respekt vor der Natur und jedem ihrer Geschöpfe, Führungspersönlichkeiten, die über das Gemeinwohl wachen. Wir sehen, dass dieser Wandel möglich ist, aber er kommt von innen und ist zugleich persönlich und kollektiv.


Meine Arbeit ist beendet, wenn…

Die Themen gehen nie zu Ende und meine Arbeit ist eine Lebensaufgabe. Deshalb wurde ich Aktivistin für partizipative Demokratie, für Frauen, Kinder und soziale Gerechtigkeit. Diese Anliegen sind der Beweggrund für mein Studium und für meine Arbeit; dafür lebe ich. An dieser gewaltigen Aufgabe mitzuarbeiten, ist meine Herausforderung, und ich hoffe, dass ich gemeinsam mit all den Menschen, mit denen ich unterwegs bin, dieser Utopie näherkommen kann, die mit jedem unserer Schritte Wirklichkeit wird.

Frauen können…

Wir Frauen können selbst in Situationen des Todes Leben schaffen und hervorbringen, indem wir uns kümmern, stillen, beschützen, führen, nicht aufgeben, Hilfe suchen, eine Gemeinschaft bilden, Ängste überwinden, überleben. Wir Frauen wissen, dass am Ende das Leben siegen wird. Deshalb finden wir auch tausend Wege und Möglichkeiten, um gesellschaftlich, emotional und wirtschaftlich zu überleben.


Hintergrund

In Bolivien werden Frauen und Mädchen in hohem Maß strukturell benachteiligt und häufig Opfer von Gewalt. Das Land weist die höchste Rate an Femiziden (Tötung von Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts) in ganz Lateinamerika auf. In der Region Tarija/Provinz Cercado wird statistisch gesehen an jedem zweiten Tag ein Fall sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gemeldet, fast 97 Prozent der Betroffenen sind weiblich. Parallel zu diesen Missständen leiden Frauen und Mädchen in diesem Landesteil in besonderer Weise auch unter sozialer Ausgrenzung. Diese äußert sich in einem systematischen Ausschluss von zahlreichen Berufen mit guten Einkommensmöglichkeiten. Mit der Folge, dass Frauen überproportional häufig unbezahlte Haus-, Pflege- und Erziehungsarbeit leisten und stark von Armut betroffen sind.

Die MISEREOR-Partnerorganisation ECAM (Equipo de Communicacíon Alternativa con Mujeres wurde 1993 gegründet und hat sich die Förderung von Demokratie und Menschenrechten auf die Fahnen geschrieben. Im Mittelpunkt steht dabei insbesondere die Beteiligung und Stärkung von Frauen. Ziel ist es unter anderem, in vielfältiger Weise auf die besonderen Probleme von Frauen in Bolivien hinzuweisen, mehr Bewusstsein dafür zu schaffen und Geschlechtergerechtigkeit zu fördern. Gleichzeitig engagiert sich ECAM für eine verbesserte politische Partizipation von Frauen und die Verhinderung von sexualisierter Gewalt. Zu den differenzierten Aktivitäten zählen etwa die Gründung eines Jugendkollektivs „Über das sprechen wir“, die virtuelle Webseite „Mein Stadtviertel beobachtet“ und das Radioprogramm „Mein Stadtviertel entscheidet“. Ferner werden Frauengruppen bei der Vermarktung selbst produzierter Waren unterstützt, , es gibt Workshops und Austauschtreffen.


Sie sind Visionärinnen. Kämpferinnen. Trägerinnen von Entwicklung. Sie setzen sich ein für eine friedlichere Welt. Für den Erhalt der Erde und für eine Ernährung, die nicht nur satt macht, sondern auch gesund ist und umweltschonend angebaut wurde.

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Geschrieben von:

Ralph Allgaier arbeitet als Pressesprecher bei MISEREOR.

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