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Klimagipfel COP26 – eine Zwischenbilanz

Auf dem UN-Gipfel COP26 in Glasgow finden derzeit die wohl wichtigsten Klimaverhandlungen seit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 statt. Während Klimahilfen für Klimaschutz und Anpassung immer stärker in den Vordergrund rücken, fordern Vertreter*innen des globalen Südens von den hauptverantwortlichen Industriestaaten auch, endlich für die Schäden aufzukommen, die durch die Klimakrise entstanden sind. Anika Schroeder, Expertin für Klimawandel bei MISEREOR, berichtet direkt aus Glasgow.

COP26 Glasgow 2021 Forderungen globaler Süden
Viele Protestaktionen gibt es nicht bei der COP26, aber immer mal wieder kleine Aktionen; hier wird gefordert, dass Staaten ihre Gelder in zukunftsfähige Lösungen stecken. © Anika Schroeder / MISEREOR

„Es ist an der Zeit, zu sagen: genug. Genug brutale Angriffe auf die Artenvielfalt. Genug Selbstzerstörung durch Kohlenstoff. Genug davon, dass die Natur wie eine Toilette behandelt wird.“ UN-Generalsekretär Guterres hat starke Worte zum Auftakt der Klimakonferenz gefunden. Ich höre sie im Zug auf dem Weg nach Glasgow. Auf der COP26 verhandeln gerade Regierungsvertreter*innen aus knapp 200 Staaten zwei Wochen lang darüber, wie die menschengemachte Erderhitzung begrenzt werden kann. Es ist meine 11. COP. Und meine erste, die ich irgendwie vor Ort und doch irgendwie mehr vorm Bildschirm verbringe. Denn angesichts der Pandemie – oder unter dem Vorwand der Pandemie? – gibt es kaum Zugang zu den Verhandlungsräumen. Vieles wird online übertragen – oder auch nicht, denn nicht immer funktioniert die extra errichtete Online-Verhandlungsplattform.

Weniger Teilnehmende aus dem globalen Süden

Der britische Premier Johnson, dessen Land die COP-Präsidentschaft innehat, schwor, diese COP werde die inklusivste aller Zeiten sein, nachdem das Climate Action Network International, in dem auch MISEREOR Mitglied ist, eine Verschiebung der COP ins Frühjahr forderte. Etwa 30.000 Verhandler*innen und Beobachter*innen sind akkreditiert. 25.000 sollen vor Ort sein, so hört man. Fakt ist: Einfach war es gerade für Delegationen aus dem globalen Süden nicht. Die ohnehin hohen Reisekosten bei niedrigen Budgets der Ministerien und Zivilgesellschaft und die Maßnahmen zur Prävention gegen das Coronavirus weltweit machen eine Anreise noch schwieriger: Veränderte Reiserouten, für manch einen Quarantäne vor Ort und bei Rückkehr in ihren Ländern, Kosten für PCR-Tests auf dem Reiseweg. Wer zum Beispiel nach der COP in die Philippinen zurückreist, muss derzeit direkt für fünf Tage in Hotelquarantäne, bevor er oder sie wieder zur Familie darf, um dort die vierzehn Tage Quarantäne Zeit zu beenden. Und auch wenn die britische Regierung die Quarantänekosten bei Ankunft trägt – schön ist es nicht, an fünf Tagen infolge nur für 15 Minuten im Hof eines Hotels spazieren gehen zu dürfen – bewacht von Sicherheitspersonal.

Blumige Worte und leere Versprechen

Die angereisten Regierungsvertreter*innen aus vielen Industrieländern hatten wie immer das vollmundige Versprechen an Bord, ihr Handeln am Pariser Klimavertrag auszurichten. Doch es mangelt nach wie vor an ausreichender und gerechter Klimafinanzierung, an ausreichenden Klimazielen und konsequenter Umsetzung. Außerdem mangelt es viel zu vielen Staaten am ausreichenden Willen. Die von Großbritannien organisierten politischen Initiativen außerhalb des eigentlichen Verhandlungsgeschehens sollen neue Dynamik bringen und endlich auf die Umsetzungsebene des Pariser Abkommens führen. Sie werfen das Licht auf das, was nötig wäre: Ein Ende der Entwaldung, ein Ende der Nutzung fossiler Rohstoffe, ein Ende von Subventionen und Krediten für klimaschädliche Praktiken. Eine ehrliche Weichenstellung auf eine Welt, die Entwicklungschancen für alle Menschen erhält und neue schafft. Die Richtung stimmt. Jedoch ist die Messlatte bei all diesen Zielen (noch) nicht hoch genug angelegt, um die durchschnittliche Erderhitzung auf deutlich unter 2 Grad – geschweige denn auf 1,5 Grad – zu begrenzen.

Auf der COP26 verhandeln derzeit Regierungsvertreter*innen von etwa 200 Staaten zwei Wochen lang darüber, wie die menschengemachte Erderhitzung begrenzt werden kann. © Dean Calma / IAEA (CC BY 2.0)

Lichtblicke der Zivilgesellschaft

Es gab auch Lichtblicke auf der COP26: Schottland hat sich einen Rey of the day – „die Krone des Tages“ der Zivilgesellschaft – verdient, als es erklärte, für Schäden und Verluste infolge der Erderhitzung einen Fonds aufzulegen. Als erstes Land erkennt es wirklich die Verantwortung an und legt vor. Ob andere folgen werden? Das wird eine der zentralen Fragen nach Abreise der Präsident*innen und Staatschef*innen sein, die die Unterhändler in den nächsten Tagen verhandeln werden und die in einem Ministersegment zum Ende dieser COP final beschlossen werden könnten. Indien hat sich erstmals international zu hohen Klimaschutzzielen verpflichtet. Bis 2070 will das Land klimaneutral werden. Auch wenn da Luft nach oben ist: Diese Ankündigung zeigt, dass das Vertrauen dahingehend wächst, dass auch Industrieländer die Alarmglocken von Wissenschaft und Betroffenen der Klimakrise verstanden haben.

Das Regelbuch des Pariser Abkommens schließen

Währenddessen wird in den Verhandlungsräumen noch das Regelwerk des Pariser Abkommens verhandelt, das in den nächsten Jahrzehnten den Rahmen für die internationale Zusammenarbeit im Klimaschutz setzen wird. Dies ist neben dem Staatschefsegment zu Beginn der COP zur Verkündung ihrer aktuellen Klimaziele das eigentliche Programm der COP. Es geht um viel: Wird ein unwirksamer Emissionshandel mit Risiken für Menschen in Entwicklungsländern entstehen? Werden Staaten transparent berichten oder können sie ihre Klimabilanz frisieren? Diese Fragen begleiten auch MISEREOR und die Partnerorganisationen mit dem Ziel, mehr Ambition für Klimaschutz, Finanzierung und Menschenrechte in die Texte zu verhandeln.

Highlight auf der COP26: Vertreter*innen von MISEREOR-Partnerorganisationen aus aller Welt treffen, z. B. vom Climate Action Network South Asia (CANSA), hier bei der Vorbereitung einer gemeinsamen Veranstaltung zu Urbanisierung und Klimakrise. © MISEREOR

Trotz zahlreicher Hürden ist es einigen Partnerorganisationen gelungen, ihre Anliegen hier selbst vor Ort einzubringen. Auf verschiedenen Parallelveranstaltungen auf dem COP26-Gipfel konnten wir gemeinsam auf die Folgen der Klimakrise – vor allem für die Schwächsten unserer Weltgemeinschaft – aufmerksam machen. Unsere Partnerorganisationen konnten ihre Potenziale zur Lösung der Klimakrise auf eine internationale Bühne bringen. Andere Partnerorganisationen und MISEREOR selbst arbeiten zeitgleich und darüber hinaus daran, von ihren eigenen Regierungen mehr Aktion einzufordern. Denn klar ist: Die Umsetzung passiert zu Hause!


Hinweis

Welche Forderungen und Lösungsansätze unsere Partnerorganisationen im Einzelnen verfolgen, werde ich in den kommenden Tagen in unserem Blog und in unseren Social-Media-Kanälen gerne näher erläutern. Unsere Partnerorganisationen werden in den kommenden Tagen bei uns eine Plattform erhalten und auch auf dem Instagram-Kanal von MISEREOR zu Wort kommen.


Weitere Informationen

Helfen Sie, den Klimawandel zu begrenzen | MISEREOR

Geschrieben von:

Anika Schroeder arbeitet als Referentin für Klimawandel und Entwicklung bei MISEREOR in der Abteilung Politik und Globale Zukunftsfragen. Dort setzt sie sich für mehr und vor allem gerechtere Klimapolitik in Deutschland und auf internationaler Ebene ein.

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