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Acht Jahre nach Taifun Haiyan – COP26 als Wendepunkt bei der Schadensfinanzierung?

Acht Jahre ist es her, dass der Umgang mit Schäden und Verlusten durch die Klimakrise ernsthaft zum Thema bei den Klimaverhandlungen wurde. Eine bedeutende Rolle spielte dabei der Taifun Haiyan, dessen drastische Folgen die Routinen der parallel stattfindenden Klimaverhandlungen in Warschau durchbrachen.

COP26 Glasgow Konferenzort
Vor acht Jahren wütete Taifun Haiyan auf den Philippinen; mit dramatischen Folgen, die auf der Klimakonferenz in Glasgow eine entscheidende Rolle spielen. © Office of U.S. Ambassador to U.K. / Public Domain

Mit Sicherheit wissen Sie noch, was Sie am 11. September 2001 gemacht haben. Ein Tag, der sich ins kollektive Gedächtnis der Menschen einbrennt, ohne dass sie selbst direkt betroffen sein müssten. Solche gravierenden Tage gibt es auch bei den internationalen Klimaverhandlungen, wie ich festgestellt habe.

Es ist der 7. November 2013, als Taifun Haiyan bzw. Jolanda auf die Philippinen trifft. Der Taifun bricht mit Böen von bis zu 380 km / h alle Rekorde und deutete damals bereits an, was seitdem immer klarer wird: Neben der bisher höchsten Kategorie 5 für Wirbelstürme (bis 250 km / h) wird es eine weitere Kategorie geben müssen, die aber noch immer auf sich warten lässt. Die Klimakrise katapultiert uns in für die Menschheit absolut unbekanntes Wettergeschehen. Auf einen Planeten, auf dem Menschen ohnehin in unerträglichen Zuständen leben müssen. In Hütten, die keinen Schutz bieten. In Städten, deren Verwaltungen die Ärmsten der Armen nicht schützen, ohne Ersparnisse oder Versicherungen, die ihnen den Neuanfang erleichtern könnten.

Klimafasten für mehr Klima-Action

Noch während der Taifun abzog, begannen die internationalen Klimaverhandlungen in Warschau. Yeb Sano, damaliger Leiter der philippinischen Delegation, brachte die Verhandlungsroutine aus dem Takt. Seine Familie war selbst betroffen. Er hatte Hab und Gut verloren und es war noch unklar, ob alle überlebt hatten. Seiner Rede war die Besorgnis deutlich anzuhören. Seine persönliche Konsequenz: „In Solidarität mit den Betroffenen des Taifuns zu Hause, die kaum Essen finden, werde ich ein freiwilliges Fasten für das Klima beginnen. Das heißt, ich werde während dieser COP nichts mehr essen, bis wir hier ein angemessenes Ergebnis erzielen.“ Eine Schweigeminute folgte, die alle Anwesenden sehr ergriff. Hunderte schlossen sich dem Fasten an – in Warschau und weltweit. Die Klimakrise war wirklich im Kern der Verhandlungen angekommen.

Taifun Haiyan war einer der stärksten tropischen Wirbelstürme überhaupt. Er traf Anfang November 2013 mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 380 km / h auf die Philippinen, wo er große Zerstörung anrichtete und der Wiederaufbau bis heute andauert. © Liam Kennedy / US Navy / Public Domain

Start des Warschau-Mechanismus für den Umgang mit Schäden und Verlusten

Immerhin — in Warschau begann die Staatengemeinschaft das anzuerkennen, was seit vielen Jahren auf der Hand lag; dass die Klimakrise so weit vorangeschritten war, dass die beste Strategie zur Anpassung an die Klimakrise nicht reichen wird, um Schäden abzuwenden. Mit dem „Warschau-Mechanismus“ startete die gemeinsame Aufgabe, sich ein Verständnis der Zusammenhänge und möglicher Lösungen zu erarbeiten und Empfehlungen für entsprechende Maßnahmen und Vereinbarungen zu erarbeiten. Sowohl für kurzfristige Schäden wie zerstörte Ernten nach einem Taifun als auch für langfristige und endgültige Verluste, wie etwa Land, dass durch den steigenden Meeresspiegel überschwemmt wird. Mit dem Pariser Klimaabkommen öffneten die Staaten die Tür, das Politikfeld „Loss and Damage“ als dritte Säule neben Klimaschutz und Anpassung zu etablieren.

Finanzmittel in Sicht?

Seitdem fordern Vertreter*innen von den am meisten betroffenen Staaten sowie Entwicklungs- und Umweltorganisationen vergeblich ein, dass die Staaten auch finanziell Verantwortung für die Schäden übernehmen. Acht Jahre hat es gedauert, bis Schottland als erstes Land eine Millionen Pfund – etwa 1,2 Millionen Euro – für den Umgang mit Schäden und Verlusten auf den Tisch legte; hier in Glasgow. Ein politischer Durch- und, aus Sicht vieler Industriestaaten, auch Tabubruch. Denn noch im Pariser Abkommen hatte eine Fußnote auf Drängen der USA festgehalten, dass die Gespräche über Loss and Damage keineswegs bedeute, dass man für Klimaschäden zur Rechenschaft gezogen werden könne und aus denselben Gründen wird dieses Thema im Verhandlungsprozess behandelt wie eine heiße Kartoffel.

Peanuts im Vergleich zum Nötigen

In der Realität sind dies Peanuts: Allein für Katastrophenhilfe und nachhaltigen Wiederaufbau nach dem Taifun Haiyan in den Philippinen hat MISEREOR 3,4 Millionen Euro mobilisieren können und Deutschland hat für die Flutkatastrophe 2021 im eigenen Land 30 Milliarden bereitgestellt. Haiyan hat 2013 in den Philippinen 6.360 Menschen ihr Leben gekostet. Über eine Million Häuser wurden beschädigt oder zerstört. Mehr als 4 Millionen Menschen haben sich einen neuen Wohnraum schaffen müssen und der Wiederaufbau dauert bis heute an. Der Schutz vor künftigen Katastrophen wurde oft zu wenig in den Blick genommen. Noch heute leben hunderttausende an Flussufern und Hängen in einfachen Hütten ohne Schutz gegen kommende Taifune, z. B. in der Stadt Tacloban, die beim Sturm dem Erdboden gleichgemacht worden ist. Das Problem: Es fehlt an Kapazitäten, um die Menschen zu beteiligen, sie zu informieren, mit ihnen gemeinsam eine Vision für eine sichere, klimafreundliche Stadt zu entwickeln und diese aufzubauen. Stattdessen droht zigtausend Familien die nächste Vertreibung und somit eine Menschenrechtsverletzung.

Die pandemiebedingte Maskenpflicht schafft Protestmöglichkeiten: „Pay Up for Loss and Damage“ lautet die Forderung zivilgesellschaftlicher Vertreter*innen. © Anika Schroeder

Loss-and-Damage-Finanzierung ist Teil der Lösung

Marinel Ubaldo war 16 Jahre alt, als Haiyan ihr Haus zerstörte. Mit anderen Klimaaktivist*innen aus dem Land war sie in Glasgow. „Wir kämpfen für eine Zukunft, in der wie nicht in dauernder Angst leben, dass der nächste Taifun das Leben unserer Liebsten nimmt, ihr Leben und ihre Träume.“ Dazu braucht es die Begrenzung der Klimakrise auf 1,5 Grad Celsius, mehr Mittel zur Anpassung, u. a. der Katastrophenprävention und mehr Mittel, um nach immer stärker werdenden Naturkatastrophen ausreichend Wiederaufbau leisten zu können, der die Menschen auch gegenüber künftigen Katastrophen absichert. Jeder Euro, der nicht in Klimaschutz und Anpassung investiert wird, treibt die Krisenspirale weiter an und vergrößert die Schäden. Mit jedem Euro, der heute nicht investiert wird, wird es immer teurer – für die betroffenen Menschen und die Staatengemeinschaft.


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Climate Talks mit Yeb Saño, Leiter von Greenpeace in Südostasien, zu den Verhandlungen in Glasgow und dem Taifun Haiyan, von dessen verheerenden Auswirkungen Yeb persönlich betroffen war.

Geschrieben von:

Anika Schroeder arbeitet als Referentin für Klimawandel und Entwicklung bei MISEREOR in der Abteilung Politik und Globale Zukunftsfragen. Dort setzt sie sich für mehr und vor allem gerechtere Klimapolitik in Deutschland und auf internationaler Ebene ein.

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